Die Herrschaft Kranenburg im 14. Jahrhundert (1314-1370)

„Burg, Stadt und Land Kranenburg“ lautet ein in den klevischen Quellen des Spätmittelalters immer wieder auftretender Dreiklang. Er charakterisiert die Grundlagen, auf denen die herrschaftliche Position der Klever Grafen und Herzöge im äußersten Nordwesten ihres Territoriums basierte.

Eine klevische Burg in Kranenburg wird in den Quellen erstmals im Jahr 1270 genannt; zu diesem Zeitpunkt dürfte sie bereits seit mindestens anderthalb Jahrzehnten – vielleicht auch schon deutlich länger – bestanden haben. 1294 werden die Bürger (opidani) von Kranenburg erwähnt, 1297 die Stadt selbst, ohne dass sich der Zeitpunkt der Stadterhebung klar bestimmen ließe. Die Ausbildung der Amtsstruktur hingegen lässt sich dank eines vor wenigen Jahren gemachten Zufallsfundes genau benennen.

Am 31. Oktober 1314 verpfändeten Graf Dietrich von Kleve und seine Frau Margarethe an Gerhard, Herrn von Horn, Altena und Perwez, Stadt, Burg und Zoll von Huissen sowie Stadt und Burg Kranenburg und ernannten ihn auf vier Jahre zum Rektor und Gubernator der Grafschaft Kleve. Wofür benötigten die Klever das von Gerhard aufgebrachte immense Darlehen, und was veranlasste sie zu diesem weitreichenden Schritt? Im Jahr 1310 war Graf Otto von Kleve nach nur wenigen Jahren der Regierung verstorben, ohne Söhne zu hinterlassen. Sein jüngerer Bruder Dietrich war ihm als Graf gefolgt, aber Ottos Witwe Mechthild von Virneburg versuchte mit Unterstützung ihres Onkels, des Kölner Erzbischofs Heinrich, das Erbe für ihre Tochter zu reklamieren. Die Streitigkeiten zogen sich über mehrere Jahre hin und wurden bis in den deutschen Thronstreit des Jahres 1314 hineingetragen: Ludwig der Bayer sagte dem Klever Grafen seine Unterstützung zu, während sich Friedrich von Habsburg auf die Seite des Kölner Erzbischofs und dessen Nichte schlug. Der Zeitpunkt, zu dem Graf Dietrich von Kleve bei Gerhard von Horn um Unterstützung nachsuchte, fällt genau in die Spanne zwischen der zwiespältigen Wahl Mitte Oktober und der Krönung beider Kandidaten Ende November 1314.

Die Beziehung hatte sehr wahrscheinlich der Schwager des Klever Grafen, Graf Rainald I. von Geldern, vermittelt. Gerhard war geldrischer Lehnsmann, seine Besitzungen Horn und Altena lagen in direkter Nachbarschaft zum geldrischen Territorium. 1316 wurde das bisherige Zweckbündnis gefestigt: Gerhard nahm Irmgard von Kleve, eine Schwester Graf Dietrichs, zur Frau und erhielt als Mitgift die Herrschaft Kranenburg.

Die städtische Entwicklung Kranenburgs war zu diesem Zeitpunkt noch nicht sehr weit vorangeschritten. Zwar besaß der Ort – wie eingangs erwähnt – spätestens seit den 1290er Jahren städtisches Recht, aber wohl noch keine Befestigung. Eine Kirche muss zwar bereits in den 1270er Jahren bestanden haben, doch scheint diese kirchenrechtlich zunächst nicht als Pfarre anerkannt worden zu sein. Das Zyfflicher Martinsstift, auf dessen Grund Burg und Stadt errichtet worden waren, sah sich zwar 1297 gezwungen, seine Ansprüche auf Kranenburg aufzugeben und erkannte die Existenz einer selbstständigen Pfarre an, aber noch im Liber Valoris von etwa 1309 wird die Kirche nicht genannt. Es lässt sich nur darüber spekulieren, ob die Kranenburger Kreuzwallfahrt, deren Ursprünge laut Legende auf das Jahr 1308 zurückgehen sollen, von den Klever Grafen gefördert wurde, um die vollständige Anerkennung der Pfarre voranzutreiben.

Kranenburg war ein frühes Zentrum der klevischen Binnenkolonisation. Der Prozess der Urbarmachung dürfte um 1314 wohl weitgehend abgeschlossen gewesen sein. Um 1297 war die Rodung von Frasselt südöstlich von Kranenburg im Gange; 1318 werden die Kurzen Hufen, 1319 die Langen Hufen – große kultivierte Bruchgebiete im Nordosten der Herrschaft – urkundlich erwähnt. Die Techniken und das Knowhow für diese Kulturleistung hatten sich die Klever offensichtlich aus der Grafschaft Holland beschafft. Die in Kranenburg ansässigen Siedler stammten aber wohl hauptsächlich aus der näheren Umgebung: Unter den Namen der Kranenburger Schöffen des 14. Jahrhunderts werden als Herkunftsorte beispielsweise Malden, Mook und Ooy genannt.

Die Landwirtschaft dürfte der dominierende Wirtschaftszweig gewesen sein. Eine Mühle ist bereits 1299 erwähnt. Unter den Schöffen, also der städtischen Führungsschicht, finden wir in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts Brauer, Müller, Schneider und Schuster – also Handwerker, die für den täglichen Bedarf arbeiteten. Dennoch scheinen auch Handeltreibende in der Stadt ansässig gewesen zu sein: 1307 verzollte ein Kranenburger Kalk am Zoll zu Lobith.

1316 und 1331 ist in Urkunden von der „Herrschaft Kranenburg“ die Rede, ab 1343 begegnet hierfür regelmäßig die Bezeichnung „Land Kranenburg“. Zum Land Kranenburg gehörten neben der Stadt mit ihrem weitläufigen Gerichtsbezirk, dem Scheffentum, noch die Orte Wyler und Zyfflich, die östliche Hälfte von Frasselt (der Westteil war geldrisch) sowie Niedernütterden (Obernütterden war ebenfalls geldrisch). Ursprünglich waren auch Malden und Beek Teile des Landes, die aber um die Mitte des 14. Jahrhunderts an den Herrn von Groesbeek verkauft wurden. Dessen Besitzungen grenzten an den Südwesten des Landes Kranenburg, im Norden lag die geldrische Düffel, im Osten die unter geldrischem Einfluss stehende Herrlichkeit Rindern. 1331 verkaufte Graf Dietrich von Kleve außerdem den südöstlich von Kranenburg gelegenen Reichswald an Geldern. Diese stark isolierte Lage scheint der Grund dafür gewesen zu sein, dass Kranenburg für die territorialpolitischen Pläne der Klever Grafen relativ uninteressant geworden war und an Gerhard von Horn verpfändet werden konnte. Die Horn’schen Besitzungen lagen in weiträumiger Streuung, so dass Kranenburg für Gerhard keine besondere strategische Bedeutung gehabt haben dürfte. Immerhin werden hier 1319 und 1322 erstmals Amtmänner erwähnt, Anzeichen für eine moderne Verwaltung. Nach Gerhards Tod 1330 erbte sein ältester Sohn aus erster Ehe die Herrschaften Horn und Altena, während Kranenburg und Perwez an Dietrich, seinen Erstgeborenen aus der Ehe mit Irmgard von Kleve, fielen. Für dessen politische Ambitionen scheint Kranenburg eine deutlich größere Rolle gespielt zu haben, so bestätigte er 1340 gemeinsam mit Graf Dietrich von Kleve das Stadtrecht, 1343 erließ er eine fortschrittliche Deichordnung. Vor allem aber profilierte er sich als wichtigster Rat seines Onkels Johann, der 1347 als Graf von Kleve nachfolgte und dessen nächstberechtigter Erbe Dietrich von Horn war.

Die Beziehungen verschlechterten sich zu Beginn der 1360er Jahre. Seit den frühen 1350er Jahren engagierte sich Graf Johann von Kleve auf Seiten seines Schwagers, Herzog Rainalds III. von Geldern, in dessen Konflikt um die Herrschaft in Geldern. Graf Engelbert von der Mark und dessen Bruder Adolf, zwei Enkel des 1347 verstorbenen Grafen Dietrich von Kleve, hatten in diesem Streit zunächst die gegnerische Seite unterstützt. Um 1362 suchten sie aber die Annäherung an ihren klevischen Großonkel und wechselten die Seite – im Gegenzug scheint Graf Johann in Aussicht gestellt zu haben, dass Adolf von der Mark Nachfolger in Kleve werden sollte. Für Dietrich von Horn bedeutete diese Entwicklung einen herben Rückschlag, sehr bald verlor er am Klever Hof an Einfluss.

Als Graf Johann von Kleve am 19. November 1368 starb, schlug die Stunde der Entscheidung. Dietrich von Horn gelang es, die Klever Burg zu besetzen und hoffte, so seine Ansprüche auf die Grafschaft durchsetzen zu können. Gleichzeitig nutzte er aber auch Kranenburg als militärischen Stützpunkt: Laut jüngeren erzählenden Quellen soll er Kranenburg in dieser Zeit mit einer ersten Befestigung versehen haben; dazu passt, dass der Stadtwall 1371 erstmals urkundlich erwähnt wird. Der für das 14. Jahrhundert unmoderne rundliche Verlauf der Stadtbefestigung, der bis heute im Ortsbild gut sichtbar erhalten geblieben ist, scheint ein Ausdruck dieser kurzfristig geplanten und durchgeführten Maßnahmen zu sein. Trotz allem gelang es Dietrich von Horn nicht, sich gegen Adolf von der Mark als Graf von Kleve durchzusetzen. 1370 erklärte er gegen Zahlung einer Entschädigungssumme seinen endgültigen Verzicht auf Kranenburg. Nach gut einem halben Jahrhundert fiel das Land Kranenburg an die Grafschaft Kleve zurück. Diese Verbindung blieb fortan bestehen; als selbstständiger Distrikt im Territorium hatte das Land Kranenburg aber bis ins 18. Jahrhundert hinein Bestand.

 

(Der Beitrag basiert auf dem Vortrag „700 Jahre Land Kranenburg“, gehalten vor dem Verein für Heimatschutz Kranenburg im November 2014)

 

 

Zitierweise:
Hagemann, Manuel: Die Herrschaft Kranenburg im 14. Jahrhundert (1314-1370), in: Rheinische Geschichte – wissenschaftlich bloggen, 24.02.2016, http://histrhen.landesgeschichte.eu/2016/02/die-herrschaft-kranenburg-im-14-jahrhundert/

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Manuel Hagemann

Manuel Hagemann

Studierte Mittelalterliche und Neuere Geschichte, Historische Hilfswissenschaften und Archivkunde sowie Historische Geographie an der Universität Bonn. 2015 Promotion zum Thema "Herrschaft und Dienst. Territoriale Amtsträger unter Adolf II. von Kleve (1394-1448)". 2016-2017 Leiter der Archivstelle Sigmaringen, Außenstelle des Erzbischöflichen Archivs Freiburg; seit 2017 Staatsarchivreferendar am Landesarchiv Nordrhein-Westfalen.
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Über Manuel Hagemann

Studierte Mittelalterliche und Neuere Geschichte, Historische Hilfswissenschaften und Archivkunde sowie Historische Geographie an der Universität Bonn. 2015 Promotion zum Thema "Herrschaft und Dienst. Territoriale Amtsträger unter Adolf II. von Kleve (1394-1448)". 2016-2017 Leiter der Archivstelle Sigmaringen, Außenstelle des Erzbischöflichen Archivs Freiburg; seit 2017 Staatsarchivreferendar am Landesarchiv Nordrhein-Westfalen.

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