Beethoven. Welt. Bürger. Musik. Ausstellungskatalog der Bundeskunsthalle

Das große Jubiläumsjahr des wohl berühmtesten Bonners Ludwig van Beethoven wurde und wird 2020 in der „Beethovenstadt“ Bonn vielfach begangen, auch wenn die Corona-Pandemie dies bisweilen erschwert. Teil des Jubiläumsprogramms ist eine große Beethoven-Ausstellung in der Bundeskunsthalle, die vom hier besprochenen Band begleitet wird. Die Ausstellung wurde, nachdem ihr Präsenzbetrieb eingestellt werden musste, ins Internet verlegt.[1] Die Gestaltung des Buches, das von der Stiftung Buchkunst als „Überblendung von Waghalsigkeit und Souveränität“ gefeiert und prämiert wurde,[2] ist auffallend, rein äußerlich durch die offenliegende Bindung und die offenen Schnitte der dicken Vorsatzplatten. Die Titelillustration (siehe Abbildung) ist mehr als ungewöhnlich, sie ragt aus den vielen anderen Publikationen zum Jubiläum des Komponisten, die sich vornehmlich mit seinem Porträt begnügen, heraus. Im Band selbst setzten sich die Ungewöhnlichkeiten fort, denn, so stellt es auch die Stiftung Buchkunst fest, es gibt keinen schwarz gedruckten Text, die Farben ändern sich mit jedem Kapitel. Das erfordert von den Lesenden einige Gewöhnung. Die Gestaltung passt aber zum Ziel des Katalogs und des Beethovenjahres insgesamt, „Beethoven neu entdecken“. Schon allein durch die Gestaltung rüttelt der Band alte Gewohnheiten auf und animiert die Lesenden, durch die Lektüre einen neuen Blick auf Ludwig van Beethoven zu gewinnen. Der Aufbau folgt – eher konservativ – fünf biographischen Abschnitten, denen die Beiträge zugeordnet sind.

Inhaltlich hält sich der Band eng am Titel: „Welt. Bürger. Musik.“ Das wird besonders augenfällig in den chronologischen Überblickstafeln, die jedem Abschnitt vorangestellt sind. Sie thematisieren sowohl Ereignisse aus Beethovens bürgerlichem, familiärem und musikalischem Leben und Werdegang, als auch wichtige Ereignisse der europäischen Geschichte. So ergibt sich mit einfachen Mitteln das Bild, welches eine der größten Leistungen des Bandes darstellt: „Wir haben uns vorgenommen, hinter dem weltweit verehrten, aber seltsam entrückten Originalgenie den Menschen Beethoven mit all seinen Facetten sichtbar werden zu lassen“ (S. 12).

Der erste Textbeitrag des Bonner Stadtarchivars Norbert Schloßmacher widmet sich der Residenzstadt Bonn im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts, in der Beethoven seine ersten Jahre verlebte und von der er maßgeblich geprägt wurde. Ein solcher längerer Beitrag mit einem ausführlicheren Thema eröffnet den Textteil jedes Kapitels. Ingrid Bodsch spürt, ebenfalls im ersten Kapitel, der Frage nach, wie es um die Beziehungen der Residenzstädte Bonn und Wien am Ende des 18. Jahrhunderts stand; angesichts der Bedeutung Wiens für die Karriere des jungen Bonners ein hochinteressanter Aspekt. Dabei wird deutlich, dass nicht nur er als aufstrebender Musiker die Entscheidung traf, in die europäische Musikmetropole Wien überzusiedeln, sondern dass es politische und kulturelle Umstände gab, die den Umzug nahelegten, beziehungsweise überhaupt erst ermöglichten. Auch der geniale Freigeist hatte einen begrenzten Opportunitätsrahmen. Sein zweites Stipendium zur Ausbildung in Wien verdankte Beethoven vor allem der Protektion des Grafen Ferdinand Ernst von Waldstein-Wartenberg, einem Wiener am Bonner Hof, dessen Fürsprache Beethoven wohl auch die Ankunft in Wien erleichtert haben wird (S. 39). Der Beitrag zur Familie Beethoven als Hofmusikerfamilie von John D. Wilson, ebenfalls im ersten Kapitel, verortet Beethoven in seinem sozialen und kulturellen Milieu. Viele weitere Beiträge thematisieren die Bezüge des Bürgers Beethovens zur Welt und zur Musik, oft in kleinen, aber instruktiven Betrachtungen wie der zu Beethoven und dem Klavier. Die Frage, auf welchen Instrumenten der Tastenvirtuose eigentlich spielte, stellt und beantwortet dabei Barry Cooper. Alle Beiträge sind reich bebildert, mit Kunst aus der Zeit, Bildern von Objekten und vielen Schriftstücken. Die Darstellung Letzterer aber, insbesondere der Autographen, erscheint jedoch ineffizient, da zumeist keine Transkription geboten wird. Auch kontextualisierende Hinweise und Markierungen der entscheidenden Passagen der eingebundenen Schriftstück-Abbildungen fehlen oft. So ist der Nutzen der abgedruckten Schriftstücke für die breite Leserschaft begrenzt. Auch andere Bilder werden teils ohne erkennbaren Bezug eingesetzt, was mehr Fragezeichen hinterlässt als Erkenntnisse. Nichtsdestoweniger ist die reiche Bebilderung ein großes Verdienst des Bandes, bietet sie doch sowohl Fachhistorikerinnen und -historikern wie auch einer breiten Öffentlichkeit eine reiche Sammlung hochwertiger Abbildungen von Text-, Musik- und Objektquellen.

Besonders überzeugend ist die Themenwahl der Beiträge. Sie eröffnet einen breiten Strauß von allgemeineren (z. B. „Musiktheater in Wien in den Jahren des Fidelio“ von Steven M. Whiting) bis zu spezifischen Aspekten (z. B. „Die Missa Solemnis“ von Jan Caeyers) von Beethovens Leben und Schaffen. Immer wieder werden Einzelheiten aus Beethovens Leben zum Anlass genommen, den Blick über ihn hinaus auf seine Zeit zu weiten. Der Aufsatz über seine zweite Ballettmusik, „Die Geschöpfe des Prometheus“ von Agnieszka Lulińska, widmet sich dem Wandel der Tanzkunst zu Beethovens Zeit. Dieser und andere musik- und kulturhistorische Beiträge führen vor Augen, was für die Rezeption Alter Musik bereits selbstverständlich ist: Komponisten vor dem 20. Jahrhundert musizierten anders als wir es heute tun. Die Instrumente waren anders gebaut und wurden anders gespielt, klangen also auch anders. Die Musiker waren anders sozialisiert, die Orchester funktionierten anders. Das Ballett ist ein herausragendes, aber allgemein wenig beachtetes Beispiel dafür; hier fand gerade zu Beethovens Zeit ein signifikanter Wandel der Tanzkultur statt.

Die Historizität der Musik Beethovens ist nicht das einzige aufsatz- und kapitelübergreifende Themenfeld, das durch den Band hervorragend bearbeitet wird. Titel wie „Goethe und Beethoven“ von Julia Cloot, „Der Blick der Anderen“ von Karl Traugott Goldbach oder auch „Joseph Karl Stielers Beethoven-Portrait“ von Silke Bettermann verdeutlichen, dass nicht nur Beethoven seine Umwelt rezipierte, sondern diese auch ihn. Gleiches gilt für das wenig schmeichelhafte Themenfeld der Finanzen des Komponisten, das als Frage nach seinen Verdienstmöglichkeiten oft am Rande, im Beitrag „Beethoven und der schnöde Mammon“ durch Verena Großkreutz aber ganz explizit verhandelt wird.

Das komplexeste, weil widersprüchlichste Thema ist das Spannungsfeld zwischen neuer bürgerlicher Welt und alter Adelstradition, in dem Beethoven sich bewegte. Mit diesem Themenkomplex eröffnen auch die Kuratorinnen ihr Begleitwort zur Ausstellung. Es ist bei genauerem Hinsehen faszinierend, wie Beethoven sich einerseits von Revolutionsmusik inspirieren ließ und sich für die Werte der Französischen Revolution begeisterte, andererseits aber von seinen adligen Gönnern profitierte. Dem widmet sich vor allem das vierte Kapitel mit dem einleitenden Text „Beethoven: Revolutionär oder politischer Opportunist?“ von William A. Kinderman. Der Beitrag „Napoleon, ein vergöttlichter Herrscher“ von Adam Zamoyski zeigt, wie sehr Beethoven und viele seiner Zeitgenossen in sich selbst hin- und hergerissen waren und sich von ihren einstigen Idealen, zum Beispiel nach der Selbstkrönung zum Kaiser, verraten fühlten.

Gerade die immer wieder wechselnden Stile der Texte machen den Begleitband sehr angenehm zu lesen. Der Aufsatz über „Beethoven und die Suche nach dem Anfang“ von Alan Gosman hat einen essayistischen Charakter, wenn er über die Frage des richtigen Jahresanfangs und des Umgangs damit bei Beethoven und seinen Zeitgenossen nachdenkt. Eher umständlich liest sich dagegen der Beitrag zu Schillers „Ode an die Freude“ von Norbert Oellers, doch durch den Abwechslungsreichtum, mit dem der Band aufwartet, stört das nicht.

Die Aufsätze lassen folgende übergreifenden Leitgedanken erkennen: Beethoven war ein Mensch seiner Zeit, der seine Musik im Rahmen der Möglichkeiten seiner Umwelt komponierte. Das betrifft das Publikum, die Förderer und die musikalischen Mittel. Umso eindrucksvoller erscheinen aber die zahlreichen Beispiele für Beethovens „Grenzüberschreitungen“ (so nicht um sonst der Titel des letzten großen Aufsatzes zu Kapitel fünf von Ulrich Konrad, der sich den Jahren 1817-1827 widmet), in denen er das bis dahin Gekannte übertraf. Viele einzelne Beiträge zeigen profane Aspekte aus dem Leben des großen Komponisten, der unter chronischen Krankheiten litt. Diese einzelnen Bilder werden immer wieder in größere Kontexte seiner direkten und indirekten Umwelt, des Bürgertums und der Musikgeschichte eingeordnet. Wer in dieser Darstellung die Musik und den Kunstsinn vermisst, wird sich über eine weitere Besonderheit des Buches freuen:

An verschiedenen Stellen sind auf kleinformatigem, farblich zur Schriftfarbe des Kapitels passendem Hochglanzpapier Zitate von berühmten Interpreten Beethovens aus verschiedenen Jahrhunderten abgedruckt. Diese in ganz anderem Duktus stehenden, kurzen Zwischentöne rufen ins Gedächtnis, warum Beethoven so verehrt wird, auch wenn im Text gerade von seinem Darmleiden zu lesen ist. Die Zitierten praktizieren Beethovens Musik, ob mit Saiten, Tasten oder Taktstock. Musikalische Größen wie der Bonner Generalmusikdirektor Dirk Kaftan, die Violinistin Isabelle Faust oder der Pianist Andreas Staier berichten, wie sie von Beethoven inspiriert werden, welche Beziehung sie zu ihm haben. Damit formen die kurzen Zitate einen großartigen Ausgleich zum wissenschaftlichen Charakter der sonstigen Textbeiträge. Obwohl die eingebundenen Papiere den Lesefluss teilweise unterbrechen, ist die wortwörtliche Einbindung der Zitate in den ganzen Band ein sehr gelungenes Mittel, um die musikalischen Beiträge mit der wissenschaftlichen Darstellung in einen Dialog zu versetzen.

„Beethoven. Welt. Bürger. Musik.“ ist weit mehr als nur ein Begleitband. Als eigenständige Publikation ist er ein wissenschaftlicher Sammelband, der, erschlossen durch ein ausführliches Personenregister, nicht primär neue Forschungsergebnisse präsentiert, aber, reich bebildert, auch über das Jubiläumsjahr 2020 hinaus relevant sein wird. Musikfreundinnen und -freunden sei der Band in verschiedener Weise empfohlen: Überzeugten Anhängerinnen und Anhängern des Komponisten als Materialsammlung, als Quelle für ein sachliches Beethoven-Bild und als angenehme Beschäftigung mit einem vertrauten Gegenstand in einer noch unvertrauten Weise. Denen, die vom großen Pathos, das die Musik Beethovens stets zu umgeben scheint, bisher eher abgeschreckt wurden, bietet der vorliegende Sammelband einen unaufgeregten Zugang zur Musik dieses Komponisten, der aber gleichzeitig, dafür sorgen die Zitate, keinen Zweifel an dessen musikalischer Bedeutung und Größe lässt.

Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn/Beethoven-Haus Bonn (Hg.), Beethoven. Welt. Bürger. Musik, Köln 2019; ISBN 578-3-86832-555-3.


[1] https://www.bundeskunsthalle.de/beethoven.html [zuletzt abgerufen am 14.07.2020].

[2] So in der Begründung der Stiftung Buchkunst, http://www.stiftung-buchkunst.de/de/die-schoensten-deutschen-buecher/2020/alle-praemierten.html?id=344 [zuletzt abgerufen am 14.07.2020].

 

Zitierweise:
Katzenbach, Lennart: Rezension zu “Beethoven. Welt. Bürger. Musik.”, in: Rheinische Geschichte – wissenschaftlich bloggen, 07.09.2020, http://histrhen.landesgeschichte.eu/2020/09/rezension-beethoven-katalog-katzenbach

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Lennart Katzenbach
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