Eine Stadt als Feldherr. Studien zur Kriegsführung Kölns (12.-18. Jahrhundert) Von Max Plassmann

Die Monographie des Kölner Archivars und ausgewiesenen Experten zur frühneuzeitlichen Militärgeschichte greift einen Themenbereich auf, der von der bisherigen Forschung noch nicht umfassend und systematisch untersucht wurde. Zwar liegen zahlreiche Studien vor, welche die bellizitären Dispositionen vormoderner Herrscher und Adliger analysieren. Reichsstädte als kriegsführende Mächte sind in der Forschung dagegen bislang eindeutig unterrepräsentiert. Insofern leistet die hier zu besprechende Arbeit einen wichtigen Beitrag zu einem besseren Verständnis der „Funktionsweise des Alten Reichs als Sicherheits- und Friedensgemeinschaft“ (S. 15) im Allgemeinen sowie der spezifischen militärischen Rahmenbedingungen, Zielsetzungen und Auseinandersetzungen der Reichsstadt Köln im Besonderen.

Folgende Leitfragen werden in den Vordergrund gerückt: „Wie und auf welcher Basis führte die Stadt Köln Krieg, welche grundsätzlichen Annahmen und Faktoren leiteten ihre militärischen Entscheidungen und ihre Vorbereitungen auf mögliche Kriege? Was war letztlich die Strategie von Bürgermeistern und Rat als politisch führender Elite, um die Interessen der Stadt und ihrer Bürger in kriegerischen Zeiten zu wahren?“ (S. 14). Der Verfasser konzentriert sich konsequent auf die Kölner Perspektive. Dies spiegelt sich nicht zuletzt in seiner Quellenauswahl wider, die zahlreiche ungedruckte Bestände des Historischen Archivs der Stadt Köln berücksichtigt.

Der Untersuchungszeitraum ist denkbar weit gefasst und erstreckt sich vom 12. Jahrhundert bis zur französischen Besatzung Kölns am Ende des 18. Jahrhunderts. Die Zeit um 1500, also die Jahre nach der vergeblichen Belagerung von Neuss 1474/75 durch Karl den Kühnen, wird als Wendepunkt bzw. Epochenschwelle charakterisiert. In der Folgezeit wandelten sich sowohl die militärischen als auch die makropolitischen Rahmenbedingungen substanziell (schwindende Bedeutung des Rittertums zugunsten von Söldnerheeren, frühmoderne Staatsbildung, Kriegsverdichtung usw.). Gerade kriegstechnische Fortschritte stellten eine wachsende Bedrohung für die Stadt dar, zum Beispiel in Form von Artilleriebeschuss von der rechten Rheinseite aus. Zwar galt Köln aufgrund seiner starken Befestigung im Untersuchungszeitraum als kaum einnehmbar; unverwundbar war die Stadt jedoch keineswegs.

Es ist das Verdienst der Monographie, die Charakteristika reichsstädtischer Kriegsführung am Beispiel Kölns eindringlich vor Augen zu führen und damit in mehrfacher Hinsicht Kontrapunkte zum gängigen, auf den Prämissen vormoderner Adelskultur basierenden Bild der zeitgenössischen Bellizität zu setzen. Anders als viele nach Reputation strebende (individuelle) Protagonisten der europäischen Mächtepolitik strebte die Reichsstadt Köln – als  gewissermaßen kollektiver militärischer Akteur – weder nach territorialer Expansion noch nach dem Erwerb von Ruhm und Ehre. Die militärischen Hauptziele waren dagegen, wie der Verfasser überzeugend herausarbeitet, vorwiegend defensiver Natur. Es galt primär, die Sicherheit und Freiheit Kölns zu bewahren und kostspielige, lange Kriege zu vermeiden. Dass dies nicht zu verwechseln ist mit prinzipieller Friedfertigkeit oder sogar einem „natürlichen Kölner Pazifismus“ (S. 14), betont der Verfasser mit guten Gründen. Die Stadt Köln war durchaus wehrhaft und wusste sich trotz ihres im Vergleich mit den Hauptakteuren des internationalen Geschehens nachrangigen Machtpotenzials bei Bedarf auch mit Gewalt zu behaupten.

Besonders gelungen sind die Passagen, in denen die Ambivalenzen der spezifischen Rahmenbedingungen Kölns geschildert werden. Einerseits wurde im Verlauf der Frühen Neuzeit immer deutlicher, dass die Stadt auf europäischer Ebene zu den Mindermächtigen zählte, die zur politischen und militärischen Behauptung mittel- und langfristig zwingend auf Unterstützung von außerhalb angewiesen waren, sei es durch den Kaiser oder vertraglich fixierte Bündnispartner. Köln war schon aus strukturellen Gründen gar nicht in der Lage, offensiv-expansive Kriegsziele zu realisieren, zumal die Stadt über kein nennenswertes Territorium außerhalb der Stadtmauer verfügte. Andererseits stellte die Stadt einen Faktor dar, den die in der rheinischen Region agierenden Mächte nicht außer Acht lassen konnten. Köln war aufgrund seiner starken Befestigung, seiner Bedeutung als Kommunikations- und Handelszentrum sowie seiner unmittelbaren Lage am Rhein, der als Versorgungsweg kaum vollständig zu sperren war, von großer strategischer Bedeutung, wie überhaupt dem gesamten Rheinland als neuralgischer Zone im Westen des Alten Reiches stets eine wichtige Rolle in Kriegszeiten zukam, da sich hier die politischen, militärischen und wirtschaftlichen Interessen vieler europäischer Akteure bündelten.

Abgewogen und differenziert sind die Urteile des Verfassers im Hinblick auf die militärische Stärke Kölns. Die Stadt verfügte zwar über eine Bürgerwehr und Söldner. Da es nie zu größeren Belagerungen oder Gefechten kam, blieb deren Kampfkraft letztlich aber eine Unbekannte, die für die Stadt selbst wie auch für ihre Gegner nur schwer einzuschätzen war. Dies gilt insbesondere für den Erzbischof bzw. Kurfürsten von Köln, der vonseiten der Stadt aufs Ganze gesehen als bedrohlichster und „natürlicher“ Gegner wahrgenommen wurde – was beide Seiten aber nicht daran hinderte, bei Bedarf auch als Partner zu agieren. Das militärische Oberkommando der Stadt wurde kollektiv durch die politischen Eliten ausgeübt (Bürgermeister, Rat usw.). Auch dies stellt eine Besonderheit gegenüber den dynastischen Fürstenstaaten dar.

Besonders positiv hervorzuheben ist, dass der Verfasser die große Bedeutung des Niederrheinisch-Westfälischen Reichskreises für seinen Untersuchungsgegenstand herausgearbeitet hat. Ohne eine adäquate Einbeziehung der erst in den letzten Jahrzehnten von der Forschung angemessen gewürdigten Reichskreise lassen sich die Politik und Kriegsführung der Reichsstände, wie die vorliegende Arbeit demonstriert, nicht zutreffend analysieren.

Im Hinblick auf die langfristige Identitätsbildung der Stadt Köln sind mehrere Aspekte besonders erwähnenswert. Auffällig ist in diesem Zusammenhang zum einen, dass es neben der Schlacht von Worringen 1288 und dem Neusser Krieg 1474/75 keine größeren militärischen Aktionen im direkten Umfeld der Stadt gab (sieht man vielleicht von der Bedrohung durch schwedische Truppen im Jahre 1632 ab), die identitätsstiftende Wirkung hätten entfalten können. Köln wurde nicht in größerem Maßstab belagert, stadtkölnische Truppen schlugen keine glorreichen Schlachten und brachte auch keinen charismatischen militärischen Oberkommandierenden hervor. Auch blieb der Stadt ein Schicksal wie dem benachbarten Bonn erspart, das im Verlauf der Frühen Neuzeit gleich mehrfach erhebliche Schäden zu verkraften hatte, die auf militärische Gewalteinwirkungen zurückgingen – ganz zu schweigen von Katastrophen, die im kollektiven Gedächtnis als negativer „lieu de mémoire“ bis heute lebendig sind, wie die Zerstörung Magdeburgs im Jahre 1631.

Insgesamt gesehen hat Max Plassmann eine instruktive Studie vorgelegt, die nicht nur für die Kölner Stadtgeschichte in engerem Sinn von großem Interesse ist, sondern darüber hinaus auch für die Teildisziplin Militärgeschichte wichtige Impulse genereller Art bereithält.

 

Max Plassmann, Eine Stadt als Feldherr. Studien zur Kriegsführung Kölns (12.-18. Jahrhundert) (Stadt und Gesellschaft. Studien zur Rheinischen Landesgeschichte, 7), Böhlau, Wien/Köln/Weimar 2020; ISBN 978-3-412-51783-0.

 

Zitierweise:
Rohrschneider, Michael: Rezension zu “Eine Stadt als Feldherr. Studien zur Kriegsführung Kölns (12.-18. Jahrhundert)”, in: Rheinische Geschichte – wissenschaftlich bloggen, 22.06.2020, http://histrhen.landesgeschichte.eu/2020/06/rezension-koeln-feldherr-rohrschneider

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