Kölns verlassene Kinder Eine Untersuchung zur Stadt Köln in der Frühen Neuzeit

Akte betreffend den Fall des „eilfjährigen elterlosen Buben nahmens Nicolas Meyer“, 1816, Historisches Archiv der Stadt Köln, Best. 400 (Oberbürgermeister (vor 1883)), A 3912

Die Stadt Köln verfügte um 1800 über ein ausdifferenziertes Armenfürsorgesystem mit unterschiedlichen Einrichtungen, die Aufgaben der Wohlfahrt und Fürsorge wahrnahmen und für arme, kranke und alte Menschen zuständig waren. Zu diesen Bedürftigen zählten auch in besonderem Maße die Waisen- und Findelkinder.

Das Promotionsprojekt nimmt die Situation dieser verlassenen oder verarmten Kinder in Köln im Zeitraum von etwa 1750 bis 1850 in den Blick. Ausgangspunkt ist das sogenannte „Waisen- und Findlingshaus“, wenngleich die Kinder auch mit weiteren Einrichtungen in Berührung kamen. Entscheidend ist die Frage nach dem Stellenwert der Versorgung der betroffenen Kinder in der städtischen Sozialpolitik Kölns. Als lokal angelegte Studie leistet das Projekt einen Beitrag zur Geschichte der Stadt in einer Zeit politischer Umbrüche. Darüber hinaus ist die Untersuchung im Feld der Kindheitsgeschichte zu verorten, da es immer wieder größere, überregionale Themen berührt, etwa indem nach der hinreichenden Versorgung oder richtigen Erziehung der Kinder gefragt wird, sowie danach, was Kindheit und „Kind-Sein“ in der Frühen Neuzeit bedeutete.

Die zentralen Quellen sind in den Beständen des Historischen Archivs der Stadt Köln überliefert. Eine Quelle behandelt einen besonders interessanten Fall aus dem Jahr 1816. Sie betrifft den elfjährigen Jungen namens Nicolas Meyer, der in Köln auf der Straße aufgegriffen und verhaftet wurde. Nach eigener Aussage stammte er aus der Nähe von Trier, wo er Schweine hütete. Er gab an, dass seine Eltern tot und seine Stiefgeschwister verarmt seien und er nun niemanden mehr habe bis auf einen Oheim, der jedoch nach Amerika ausgewandert sei. Diesem reise er nun seit vierzehn Tagen hinterher. Dem Polizeiinspektor in Köln erschien die Geschichte allerdings suspekt. Er beurteilte den Jungen als verschlagene Person, der zur Gefahr für die öffentliche Sicherheit werden könne. Daher wies er an, Nicolas Meyer in die Arbeitsanstalt nach Brauweiler überführen zu lassen, denn der Junge wirke schließlich stark genug, um für den eigenen Lebensunterhalt aufzukommen. Außerdem mangele es in der Anstalt noch an Arbeitskräften seines Alters. In Brauweiler wurde nach der Auflösung des dortigen Klosters und der Vertreibung der Geistlichen unter der französischen Herrschaft ab 1809 zunächst eine Bettleranstalt untergebracht, in die auch Kinder und Jugendliche eingeliefert wurden. Aus ihr ging in preußischer Zeit eine Arbeitsanstalt hervor. 

Das Promotionsprojekt beleuchtet einerseits Einzelschicksale der betroffenen Kinder und ihre Lebensumstände, für die der Fall von Nicolas Meyer ein anschauliches Beispiel ist. Andererseits fragt es auch nach den strukturellen Gegebenheiten und Veränderungen in der Waisenfürsorge in Köln gegen Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts und befasst sich mit den Einrichtungen, in denen diese Kinder untergebracht, versorgt, unterrichtet und zur Arbeit angehalten wurden.

 

 

Zitierweise:
Fiegenbaum, Thea: Kölns verlassene Kinder. Eine Untersuchung zur Stadt Köln in der Frühen Neuzeit, in: Rheinische Geschichte – wissenschaftlich bloggen, 28.11.2018, http://histrhen.landesgeschichte.eu/2018/11/koelns-verlassene-kinder/

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Thea Fiegenbaum

Thea Fiegenbaum

Studierte Geschichte, Mittelalterstudien und Literaturwissenschaft an den Universitäten Köln und Bielefeld ∙ Arbeitet am Historischen Archiv der Stadt Köln ∙ Promoviert über die Waisen- und Findelkinder der Stadt Köln in der Frühen Neuzeit (http://artes.phil-fak.uni-koeln.de/38035.html)
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