Ein Sturz mit Folgen 400 Jahre Prager Fenstersturz

Svoboda K.: Der Prager Fenstersturz. 1844. Öl auf Leinwand, National Museum Prag. Quelle: Wikipedia

Für die Geschichtswissenschaft der Universität Bonn jagt ein Jubiläum und Gedenkjahr das andere. Nach dem Reformationsjahr 2017 jährt sich in diesem Jahr nicht nur die Gründung der Universität Bonn zum 200. Mal,[1] sondern auch eines der wohl populärsten Ereignisse der Frühen Neuzeit feiert seinen 400. Geburtstag: Der Prager Fenstersturz vom 23. Mai 1618.

Bekannt ist dieses Ereignis, bei welchem die zwei kaiserlichen Statthalter gemeinsam mit dem Kanzleisekretär Philipp Fabricius von protestantischen Ständevertretern aus einem Fenster der Prager Burg geworfen wurden, nicht nur aufgrund der Symbolträchtigkeit der Tat, sondern vor allem, weil dieses Ereignis den Beginn des Dreißigjährigen Krieges markiert. So ist es nicht überraschend, dass in diesem Jahr eine Vielzahl von Neuerscheinungen, die sich mit dem Thema befassen, die Auslagetische der Buchhandlungen füllt. Somit wird in diesem Jahr der Dreißigjährige Krieg ganz besonders in die Erinnerung der interessierten Öffentlichkeit und der Wissenschaft gerufen. Erinnern an den Dreißigjährigen Krieg und seinen Anfang bedeutet aber auch Erinnern an den Friedensschluss in Münster und Osnabrück im Jahr 1648, der diesen Krieg beendet hat – ein Ereignis, das nicht nur aufgrund des Gedenkjahres die aktuelle Debatte in Forschung und Öffentlichkeit prägt und dabei verstärkt den Westfälischen Friedenskongress in den Fokus rückt. Projekte wie „A Westphalia for the Middle East“[2] der Körber Stiftung versuchen, Praktiken und Systeme des Friedenskongresses auf die Konfliktsituationen im Mittleren Osten zu übertragen. Der dem Westfälischen Frieden in der Frühen Neuzeit zugeschriebene „Vorbildcharakter“ wirkt somit spürbar bis in heutige Debatten um erfolgreiche Friedensstrategien nach.

Das Logo der APW

Die aktuell so populär gewordene Beschäftigung mit dem Dreißigjährigen Krieg und dem Westfälischen Frieden bildet am Lehrstuhl für Geschichte der Frühen Neuzeit und Rheinische Landesgeschichte der Universität Bonn jedoch schon seit langer Zeit eine Konstante in Lehre und Wissenschaft. So wurde bereits 1957 unter der Leitung von Max Braubach die Vereinigung zur Erforschung der Neueren Geschichte e.V. in Bonn ins Leben gerufen. Die Vereinigung wird im besonderen Maße mit der Herausgabe der 2011 abgeschlossenen Quellenedition zum Westfälischen Friedenskongress, den Acta Pacis Westphliacae,[3] assoziiert. Unter apw digital sind eine digitale Version der Edition und umfangreiches Zusatzmaterial zum Westfälischen Friedenskongress einsehbar.[4] Im Jahr 2011 wurde das Ende der Vereinigung beschlossen, der Dreißigjährige Krieg und der Friedenskongress blieben seitdem allerdings als großer und wichtiger Zweig der Bonner Forschung bestehen. An dieser Stelle sei besonders das Zentrum für Historische Friedensforschung genannt.[5] Dort findet man heute eine große Sammlung von Literatur und Quellen, die sich dem Westfälischen Frieden und dem Dreißigjährigen Krieg aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln nähern.

Jüngste Bonner Neuerscheinung “Dynamik durch Gewalt?”

Zudem hat PD Dr. Andreas Rutz im Jahr 2016 einen umfangreichen Sammelband mit dem Titel „Krieg und Kriegserfahrung im Westen des Reiches 1568–1714“ herausgegeben.[6] Die Beschäftigung mit dem Faktor Gewalt innerhalb des Dreißigjährigen Krieges thematisiert auch der neue Sammelband von Prof. Michael Rohrschneider und Prof. Anuschka Tischer auf Grundlage einer internationalen und interdisziplinären Tagung in Würzburg im September 2016.[7] Er erschien in diesem Jahr unter dem Titel „Dynamik durch Gewalt?“ im Aschendorff Verlag.[8] Dieser Sammelband ist der erste Band der Schriftenreihe zur Neueren Geschichte. Diese Reihe setzt in neuer Folge die Schriftenreihe der Vereinigung zur Erforschung der Neueren Geschichte fort.[9]

Neben der Bewahrung der „alten Bonner Schule“ hat es sich der Lehrstuhl für die Geschichte der Frühe Neuzeit und Rheinische Landesgeschichte unter der Leitung von Prof. Michael Rohrschneider zur Aufgabe gemacht, die nachrückenden Generationen von Historikern und Historikerinnen an den Themenkomplex Dreißigjähriger Krieg und Westfälischer Frieden heranzuführen. Die Lehrangebote von Prof. Michael Rohrschneider, Dr. Dorothée Goetze und PD Dr. Dr. Guido Braun aus den letzten Semestern legen Zeugnis davon ab.[10] Sie führen damit die Arbeit von Prof. Konrad Regpen und Prof. Maximilian Lanzinner (Emeritus) fort, die sich in ihrer Lehrtätigkeit und in ihren Publikationen ebenfalls mit dem Westfälischen Frieden auseinandergesetzt haben und maßgeblich die Bonner Forschung prägten.

So kann der 400. Jahrestag des Prager Fenstersturzes einmal mehr dazu anregen, sich zu vergegenwärtigen, was die Forschung bereits geleistet hat und welche Forschungsmöglichkeiten noch bestehen. Ein Sturz mit Folgen ist es ganz sicher gewesen, ganz gleich ob man sich dabei nun auf den Kriegsbeginn als tiefen Einschnitt in der Frühen Neuzeit konzentriert oder auf den Wunsch, aus der Vergangenheit etwas für die Bewältigung der Gegenwart mitzunehmen.

 


[1] Pünktlich zum 200-jährigen Jubiläum ist es Interessierten unter der folgenden Adresse möglich, die Stiftungsurkunde der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität von 1818 einzusehen: https://cams.ukb.uni-bonn.de/public/UniBonn/urkunde/urkunde_1818.html [letzter Zugriff: 16.05.2018].

[2] Nähere Informationen zum Projekt der Körber Stiftung in Zusammenarbeit mit der Universität Cambridge finden sich unter: https://www.koerber-stiftung.de/en/a-westphalia-for-the-middle-east [letzter Zugriff: 16.05.2018].

[3] Weitere Informationen unter http://www.pax-westphalica.de/ und https://apw.digitale-sammlungen.de/ [letzter Zugriff: 16.05.2018].

[4] Einen Überblick über die Entstehungsgeschichte der APW und der APW digital findet sich in dem Beitrag von Sandra Otto: http://histrhen.landesgeschichte.eu/2017/06/acta-pacis-westphalicae/ [letzter Zugriff: 18.05.2018].

[5] https://www.zhf.uni-bonn.de/ [letzter Zugriff: 18.05.2018].

[6] Rutz, A.: Krieg und Kriegserfahrung im Westen des Reiches 1568–1714 (Herrschaft und soziale Systeme in der Frühen Neuzeit 20), Göttingen 2016.

https://www.fnzrlg.uni-bonn.de/mitarbeiter/wissenschaftliche-mitarbeiterinnen/pd-dr.-andreas-rutz [letzter Zugriff: 18.05.2018].

[7] Rohrschneider, M./Tischer, A.: Dynamik durch Gewalt? Der Dreißigjährige Krieg (1618-1648) als Faktor der Wandlungsprozesse des 17. Jahrhunderts (Schriftenreihe zur Neueren Geschichte NF, 1), Münster 2018. https://www.zhf.uni-bonn.de/schriftenreihe/michael-rohrschneider-anuschka-tischer-hrsg.-dynamik-durch-gewalt-der-dreissigjaehrige-krieg-1618-1648-als-faktor-der-wandlungsprozesse-des-17.-jahrhunderts.

[8] Aschendorff Verlag: https://www.aschendorff-buchverlag.de/ [letzter Zugriff: 18.05.2018].

[9] Nähere Informationen und eine Liste der Publikationen finden sich unter: https://www.zhf.uni-bonn.de/schriftenreihe [letzter Zugriff: 18.05.2018].

[10] Einsehbar sind das aktuelle Vorlesungsverzeichnis und jene der vergangenen Semester unter: https://basis.uni-bonn.de/qisserver/rds?state=user&type=8&topitem=lectures&breadCrumbSource=portal [letzter Zugriff: 18.05.2018].

 

Zitierweise:
Ovesiek, Rahel: Ein Sturz mit Folgen – 400 Jahre Prager Fenstersturz (23. Mai 1618), in: Rheinische Geschichte – wissenschaftlich bloggen, 23.05.2018, http://histrhen.landesgeschichte.eu/2018/05/ein-sturz-mit-folgen/

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Rahel Ovesiek

Rahel Ovesiek

Bachelor of Arts in Geschichte und Englisch auf Lehramt in Bonn und an der University College Cork. Zur Zeit Master of Education und Master of Arts (Geschichte) ebenfalls an der Universität Bonn.
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