Historische Friedensforschung im Rheinland: Die Acta Pacis Westphalicae

„Zu den bemerkenswerten Symptomen im Wandel unseres Geschichtsbildes zählt das neue Interesse, das die Gegenwart dem Westfälischen Frieden entgegenbringt.“ Mit diesen Worten eröffnete Kurt von Raumer im Jahr 1962 seine Besprechung des von Fritz Dickmann verfassten Werkes ‚Der Westfälische Frieden‘, das er „als die erste wissenschaftliche Geschichte des Westfälischen Friedens“ bezeichnete und das bis heute das Standardwerk darstellt[1].

Raumers Worte sind heute 55 Jahre alt und stammen aus einer Zeit, in der die Loslösung von nationalhistorischen Betrachtungsweisen und die Analyse zwischenstaatlicher Beziehungen und Spannungsfelder auf der politischen und wissenschaftlichen Tagesordnung standen. Forschungen zum Dreißigjährigen Krieg und dem Westfälischen Frieden boten hierfür viele Möglichkeiten. Nach konkreten historischen Modellen suchte auch die Europaeuphorie der 1950er Jahren. Die Untersuchung des vor 300 Jahren abgehaltenen, multinationalen Friedenskongresses versprach Orientierung auf dem Weg zu einem gemeinsamen Europa. Nicht zuletzt waren es auch die Erfahrungen des 2. Weltkrieges, die das Interesse am Westfälischen Friedenskongress (WFK) erneuerten: Wie war es den Akteuren auf dem WFK gelungen, nach Dreißig  Jahren Kriegsschrecken einen dauerhaften und tragfähigen Frieden zu schließen?

Das alles ist mehr als ein halben Jahrhundert her, was aber bewegt heute das Interesse der Forschungen zum WFK? Die Beweggründe ähneln in fast schon beunruhigender Weise den damaligen: Wiegt das Bedürfnis nach und Interesse an Frieden und Sicherheit nicht ähnlich schwer? Wie kann diesem angesichts aktueller Krisen begegnet werden? Wie ist den Entwicklungen auf dem Gebiet der nationalstaatlichen Betrachtungsweisen Rechnung zu tragen? Was bedeuten sie wiederum für die Europäische Union, in einer Zeit, in der – anders als in den 1950er Jahren – kaum noch von einer tiefgreifenden Europaeuphorie gesprochen werden kann? Friedenschließen ist schwer und auch die Interessen innerhalb Europas unterscheiden sich dermaßen, dass eine Einheit in weite Ferne zu rücken scheint. Der WFK ist uns somit näher, als es auf den ersten Blick erscheinen mag.

Der modernen Forschung steht mit der Edition der Acta Pacis Westphalicae (APW) ein monumentales Werk zur Verfügung, um Antworten auf diese und andere Fragen zu finden. Ganz anders hingegen sah es noch für Dickmann aus, dem einzig eine bereits über 200 Jahre alte Aktensammlung die mühsame Arbeit erleichterte.

Der Bedarf, den WFK durch eine zeitgemäße, historisch-kritische Edition für aktuelle Forschungsvorhaben zu öffnen, war also enorm. Doch wäre er allein sicherlich nicht ausreichend gewesen, um ein solch kostspieliges Projekt zu realisieren. Es war eine zu jener Zeit überaus großzügige Fördermöglichkeit durch die Bundespolitik, die letztendlich den Ausschlag gab. Beachtliche 400.000 DM, die Aufgrund der Verzögerung bei der Aufstellung der Streitkräfte freigegeben worden waren, standen ausdrücklich für wissenschaftliche Forschungen der neueren Geschichte bereit. In diesem günstigen – aus heutiger Sicht geradezu traumhaften – finanziellen Klima wurde in Bonn im Juli 1957 die Vereinigung zur Erforschung der Neueren Geschichte (VENG) unter dem Vorsitz des Geschichtsprofessors Max Braubach gegründet.

„Die Publikation der bei den westfälischen Friedensverhandlungen 1643 bis 1648 entstandenen Akten ist die erste große Forschungsaufgabe“[2], die sich die VENG zum Ziel setzte. Weitere Editionen zu neuzeitlichen Friedenskongressen sollten ebenso wie der Aufbau internationaler Kooperationen folgen. Dies war der ambitionierte Plan; letztendlich wurde die monumentale Edition der APW zur Lebensaufgabe der VENG. Schnell wurde deutlich, dass der Grundsatz der Arbeiten an den APW die Beschränkung auf das Wesentliche und somit Verzicht auf Vollständigkeit lauten musste[3]. Anders war den Aktenbergen nicht zu begegnen. Die Bearbeitung weiterer Projekte musste zurückgestellt werden.

1962 erschien mit den Instruktionen des Kaisers, Frankreichs und Schwedens der erste Band und bis heute folgten weitere 47 Bände. Die Schriftenreihe der Vereinigung zur Erforschung der Neueren Geschichte ergänzt seit 1965 die Edition und bietet Raum zur Veröffentlichung aktuelle Forschungsergebnisse zum WFK. Aktuell liegen in dieser Reihe 37 Titel vor, deren Inhalte sich in den letzten Jahren sowohl thematisch als auch zeitlich geöffnet haben.

Nach über fünfzig Jahren näherten sich die Arbeiten am Editionsprojekt 2011 dem Abschluss. Im selben Jahr wurde daher die Auflösung der VENG (die Förderung hatte seit 1977 die Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste übernommen) beschlossen. Das bedeutete jedoch keineswegs das Ende der Forschungsstelle. 2013 wurde unter dem Vorsitz von Maximilian Lanzinner, der bereits 2003 die Leitung der VENG vom jüngst verstorbenen Konrad Repgen übernommen hatte, das Zentrum für Historische Friedensforschung (ZHF) gegründet. Das ZHF führt seitdem die Arbeit der VENG in einer breiteren Ausrichtung fort und nimmt die Erforschung von Frieden und Sicherheit in der Vergangenheit ins Blickfeld. Einen wichtigen Beitrag zur Forschung leistete das ZHF bereits 2014 mit APW digital. Durch dieses Angebot steht eine retrodigitalisierte Online-Edition der APW zur Verfügung, die sich an modernen Ansprüchen digital gestützter Forschungsvorhaben zum WFK ausrichtet. Das ZHF ist dem Lehrstuhl für Geschichte der Frühen Neuzeit und Rheinische Landesgeschichte der Universität beigeordnet, seine Leitung übernahm daher 2016 Michael Rohrschneider.

 

 


[1] Raumer, Kurt von: Westfälischer Friede. In: HZ 195 (1962), 596–613, hier: 596.

[2] APW, I,1, V (Vorbemerkungen zur Gesamtedition): http://apw.digitale-sammlungen.de/search/display.html?tree=001%3A001&titleAPW_str=APW+I+1&id=bsb00057097_00005_sec0002#bsb00057097_00005 [21.05.2017].

[3] Repgen, Konrad: Über die Publikation Acta Pacis Westphalicae (= APW). In: Dreißigjähriger Krieg und Westfälischer Friede. Hrsg. von Konrad Repgen. (Rechts- und Staatswissenschaftliche Veröffentlichungen der Görres-Gesellschaft, N. F., 81). Paderborn 1998, 153–180, hier: 156.

 

Zitierweise:
Otto, Sandra: Historische Friedensforschung im Rheinland: Die Acta Pacis Westphalicae, in: Rheinische Geschichte – wissenschaftlich bloggen, 07.06.2017, http://histrhen.landesgeschichte.eu/2017/06/acta-pacis-westphalicae/

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Sandra Otto

Sandra Otto

studierte in Bonn Geschichte sowie Germanistik, vgl. Literatur- und Kulturwissenschaft (Bachelor) und im Anschluss Internationale Geschichte der Neuzeit (Master). Derzeit im Zentrum für Historische Friedensforschung der Universität Bonn sowie freiberuflich im Archivwesen tätig. Promoviert über die Rolle der Medien in frühneuzeitlichen Migrationsprozessen unter besonderer Beachtung der weiblichen Migration.
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