Die Abstracts zur Tagung „Die Stadt und die Anderen“ Sektion I: Körper und Geschlecht. Alteritätskonstruktionen in Familienbüchern

Die erste Sektion der Tagung befasst sich mit Alteritätskonstruktionen in Familienbüchern, wobei mit Körpergeschichte, Disability Studies und Geschlechtergeschichte an aktuelle Diskussionen der Mediävistik und der Frühneuzeitforschung angeschlossen wird. Die beiden Referenten der Sektion, Dr. Bianca Frohne, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Historischen Seminar der Universität Kiel, und Dr. Marco Tomaszewski, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte II der Universität Freiburg, haben in jüngerer Zeit einschlägige Dissertationen zu städtischen Selbstzeugnissen und Chroniken vorgelegt.[1] Moderiert wird die Sektion von Dr. Julia Bruch, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte der Universität zu Köln, die an einem Habilitationsprojekt zur städtischen Handwerkerchronistik im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit arbeitet.

Mo., 24.09.2018, 11.15–12.00 Uhr
Dr. Bianca Frohne (Kiel)
Es hat fillicht got etwas sonderligs uber in versehen. Krankheit und verkörperte Differenz in Familienbüchern des 15. und 16. Jahrhunderts

Allzeit krank, schwach, gebrechlich an Leib oder Sinnen – Bezeichnungen und Zuschreibungen dieser Art lassen sich in zahlreichen Familien- und Geschlechterbüchern des 15. und 16. Jahrhunderts finden. Häufig sind dies sogar die einzigen Informationen, die zu manchen Familienmitgliedern festgehalten wurden; dazu gehörten insbesondere die früh Verstorbenen, die Unverheirateten, diejenigen, die keine politischen, kaufmännischen, militärischen, kirchlichen oder akademischen Karrieren absolviert hatten. Der Vortrag geht der Frage nach, inwieweit die körperliche Verfasstheit, insbesondere in Verbindung mit zeitgenössischen Vorstellungen von Krankheit, Gesundheit oder Funktionstüchtigkeit, als Ausweis von „Andersheit“ wahrgenommen und beschrieben wurde.

Ausgangspunkt stellt das Konzept der „verkörperten Differenz“ („embodied difference“) dar, das unter anderem von den Disability Studies verwendet wird. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie Kategorien des Körperlichen in unterschiedlichen Kulturen und Gesellschaften dazu genutzt werden, Andersheit und Abweichung zu begründen. Damit ist ebenso die Frage verbunden, wie diese Kategorien hervorgebracht und verstetigt werden.

Der Vortrag setzt an diesen Eckpunkten an. Am Beispiel der häuslichen Überlieferung des 15. und 16. Jahrhunderts wird herausgearbeitet, inwieweit sich das Konzept der verkörperten Differenz auf die Untersuchung vormoderner Gesellschaften anwenden lässt. Dazu werden neben Familien- und Geschlechterbüchern auch Tagebücher und Schreibkalender, Briefwechsel und Rechnungsbücher herangezogen.

Auf dieser Grundlage ergibt sich ein komplexes Bild vormoderner Körperlichkeit und ihrer Bedeutungen. So führten viele der (zumeist männlichen) Verfasser von Familienbüchern regelrecht Buch über ihre eigenen körperlichen Auffälligkeiten, Gebrechen, Einschränkungen oder Beeinträchtigungen. Die Darstellung von eigener wie fremder Krankheit und körperlicher Auffälligkeit ging dabei regelmäßig mit offenen oder mehrdeutigen Bewertungen einher; zum Teil stehen selbst widersprüchliche Deutungen unaufgelöst nebeneinander. Dabei ist zu berücksichtigen, dass der Gebrauch von literarischen und gelehrten Topoi, Verweise auf medizinische Wissensbestände und der schreibende Nachvollzug gelebter Frömmigkeit zu den üblichen Methoden der schriftlichen Selbstdarstellung und der familiären Gedächtnisbildung gehörten, die sich nicht immer bruchlos zu einem Ganzen fügen lassen. Um die Konstruktion von „Andersheit“ im Zusammenhang mit Kategorien des Körperlichen zu untersuchen, müssen daher auch die unterschiedlichen Textsorten, die damit jeweils verbundenen Sprecherpositionen und Schreibkonventionen, die zeittypischen Eigenarten der schriftlichen (und teilweise mündlichen) Kommunikation und nicht zuletzt die vielschichtigen (oft kaum noch erkennbaren) Überarbeitungsgänge innerhalb der familiären Textproduktion mitbedacht werden. Vor diesem Hintergrund sollen das Potential wie auch die Grenzen des Konzepts der verkörperten Differenz für die Selbstzeugnisforschung, die Körpergeschichte und die Disability History diskutiert werden.

Mo., 24.09.2018, 12.00–12.45 Uhr
Dr. Marco Tomaszewski (Freiburg)
Die Hausväter und die Anderen. Geschlecht und Status in Familienbüchern und Hausratgedichten (15.–17. Jahrhundert)

Mit Familienbüchern und Hausratgedichten nimmt der Beitrag zwei städtische kulturelle Phänomene des 15. bis 17. Jahrhunderts in den Fokus, die auf den ersten Blick eher unterschiedlich erscheinen: Hausratgedichte als eine Form der lehrhaften Dichtung, in denen seitenweise Hausrat aufgezählt wird, scheinen wenig mit Familienbüchern gemeinsam zu haben, also Sammelhandschriften, in denen stadtgeschichtliche und familienbezogene Inhalte kombiniert wurden.

Beide Phänomene lassen sich jedoch als Ausdrucksformen des „othering“ verstehen. Sie waren Teil von Diskursen und Praktiken, in denen die städtischen Ehemänner der Mittel- und Oberschichten seit dem 15. Jahrhundert ihre eigene Rolle als Hausväter und den Status der eigenen Familie konstruierten, postulierten und reproduzierten. Nicht zuletzt Hermann Weinsbergs Aufzeichnungen sind dafür ein eindrückliches Beispiel.

Im Beitrag soll diese Perspektive weiter verfolgt werden. Familienbücher und Hausratgedichte spielten unter anderem eine entscheidende Rolle beim Entwerfen eines Männlichkeitsbildes, das sich sowohl von Frauen als auch von nicht-verheirateten Männern abgrenzte. Der Hausrat, der ja tatsächlich das ökonomische Kapital der Partner und damit eben auch der Frauen darstellte, wird dabei in den Gedichten als symbolisches Kapital des Hausvaters beansprucht, dessen Besitz patriarchale Stärke symbolisiert und ihn sowohl gegenüber Frauen als auch gegenüber nicht-verheirateten Männern abgrenzt. Familienbuchführung als ständische Praxis hatte zum Ziel, Ehre in Form von Herkommen und Tradition zu repräsentieren und zu dokumentieren sowie durch kommunikative Praktiken zuzuschreiben.

 


[1] Frohne, Bianca: Leben mit „Kranckhait“. Der gebrechliche Körper in der häuslichen Überlieferung des 15. und 16. Jahrhunderts. Überlegungen zu einer disability history der Vormoderne (Studien und Texte zur Geistes- und Sozialgeschichte des Mittelalters 9), Affalterbach 2014; Tomaszewski, Marco: Familienbücher als Medien städtischer Kommunikation. Untersuchungen zur Basler Geschichtsschreibung im 16. Jahrhundert (Spätmittelalter, Humanismus, Reformation 98), Tübingen 2017.

 

Zitierweise:
Rutz, Andreas: Die Abstracts zur Tagung „Die Stadt und die Anderen“. Sektion I: Körper und Geschlecht. Alteritätskonstruktionen in Familienbüchern, in: Rheinische Geschichte – wissenschaftlich bloggen, 25.07.2018, http://histrhen.landesgeschichte.eu/2018/07/die-stadt-und-die-anderen-sektion-eins/

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PD Dr. Andreas Rutz

PD Dr. Andreas Rutz

Andreas Rutz ist Privatdozent am Institut für Geschichtswissenschaft der Universität Bonn und vertritt im Wintersemester 2018/19 und im Sommersemester 2019 den Lehrstuhl für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Promotion 2005, Habilitation 2014. Lehrstuhlvertretungen in Münster und Bonn 2014-2016, Gastdozentur in Tokio 2015, Stipendiat der Gerda Henkel Stiftung seit 2018. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Geschichte der Frühen Neuzeit und die vergleichende Landes- und Stadtgeschichte.
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