Von wegen Konvent? Rezension zu "The Convent of Wesel" von Jesse Spohnholz und Bericht vom Round Table in Portland

Einem Scherz zufolge können Historiker*innen im Gegensatz zu Gott auch die Vergangenheit verändern. Wenn Jesse Spohnholz mit seiner Geschichte des “Konvents von Wesel” 1568 Recht hat, werden die Möglichkeiten der Zunft sogar noch stark unterschätzt: Wer sich seine Vergangenheit erfindet, bildet Traditionen und damit Möglichkeiten, die eine langfristige Wirkung entfalten – im Falle der niederländischen Nationalkirche und des “Konvents von Wesel” bis heute.

Die Fragen von Wirkung und Vergangenheitsbildung, die Konfessionsbildung am Niederrhein und in den Niederlanden sowie nicht zuletzt die Geschichte des “Konvents von Wesel” untersucht – besser: hinterfragt – der amerikanische Historiker Jesse Spohnholz (Washington State University) in seinem jüngsten Buch von 2017. Die hier folgende Vorstellung des Bandes gibt nicht nur den eigenen Leseeindruck wieder, sondern greift auch Punkte von David Luebke (University of Oregon), Ute Lotz-Heumann (University of Arizona) und Yair Mintzker (Princeton University) beim Round Table auf der German Studies Association Conference am 4. Oktober 2019 in Portland (Oregon, USA) auf.

Aus Wesel nichts Neues? – Was der “Konvent von Wesel” sein sollte

Die Stadt Wesels in der Ansicht von Matthias Merian, 1647, Quelle: gemeinfrei.

Der “Weseler Konvent” von 1568 soll ein Treffen niederländischer reformierter Exilanten aus u.a. London, Emden und Wesel gewesen sein, die im November 1568 – in der Erwartungen einer erfolgreichen Militäraktion des aufständischen Prinzen von Oranien gegen die spanische Herrschaft über die Niederlande – in der niederrheinischen Stadt Wesel ein gemeinsames Protokoll verabschiedeten, in dem sie die Struktur, Organisation von Gemeinden, Riten (Taufe, Heirat und Kommunion), Dogmen und Normen der kommenden “Niederländischen Reformierten Kirche” entwarfen. Dem Text des Protokolls folgt eine Liste von 36 Unterzeichnern. Der Konvent soll der erste von mehreren Treffen reformierter Glaubensführer im sogenannten “Konfessionellen Zeitalter” 1555 bis 1618 gewesen sein und gilt als eines von mehreren “foundational moments that defined the creation of the new churches of the post-Reformation world in the mid- to late-sixteenth century” (S. 3).

Abseits des lateinischen Protokolls mit seinen 122 “Artikeln” (vom Autor festgelegt), das in Het Utrechts Archief überliefert ist, finden sich aber nicht die geringsten Hinweise in allen erdenklichen Quellen aus Wesel oder dem Umfeld der vermeintlich Beteiligten. In der älteren Forschung schloss man daher, dass der Konvent “in aller Stille und Zurückgezogenheit”[1] getagt und beschlossen habe. Spohnholz hingegen zieht andere Schlüsse und argumentiert auf rund 250 Seiten entsprechend. Aus dem, was wir über die Geschichte der niederländischen Konfessionsentwicklung wissen, erscheint es laut Spohnholz logisch, dass man sich genau im November 1568 (kurz nach Beginn des niederländischen Aufstands während der Rüstungen des Prinzen von Oranien und nach den wiederholten Versuchen der 1560er Jahre, eine konfessionelle Einigung zwischen Lutheranern und Reformierten zu erzielen) gerade in Wesel (wo sich zahlreiche reformierte Glaubensflüchtlinge aus den Niederlanden sammelten) traf. Ein Konvent machte Sinn, sei aber nie geschenen – und so präsentiert er ein ganz anderes Narrativ.

Von wegen Wesel… und was stattdessen geschah
Was Spohnholz als Alternative aufbaut, hat mit einem Konvent wenig zu tun: Ein solcher soll nie stattgefunden haben, das Protokoll daher kein Beratungsergebnis sein, sondern aus der Feder eines Mannes stammen, der nachträglich Unterschriften dazu sammelte. Die Sinnhaftigkeit des “Konvents” widerlegt der Autor zunächst überzeugend aus dem Text heraus (S. 41-44). In detaillierter Kenntnis verortet er die konfessionspolitischen bzw. theologischen Positionen der Artikel im konfessionellen Diskurs im Herbst 1568. So arbeitet er heraus, dass es sich eher um eine ‘Meinungsschrift’ handelt, die versuchte, eine bestimmte Richtung vorzugeben und die eher aus einer Hand stammt. Diese Hand soll Peter Dathenus, dem Erstunterzeichner des Dokuments, gehört haben.

Dathenus, ein reformierter Niederländer und “one of the chief organizers of the underground Reformed churches in the Netherlands” (S. 53), verbrachte viel Zeit im Reich, genau genommen in Frankfurt und der Kurpfalz, in Auseinandersetzung mit den lutherisch geprägten Glaubenbrüdern und dem Ringen um eine politische Gleichstellung der reformierten Konfession(en) zur Confessio Augustana. Seine theologische Ansicht passt haargenau auf die Bestimmungen des Protokolls und auch biographisch kann Spohnholz die Artikel aus Wesel treffend in der Vorstellungswelt Dathenus’ im Herbst 1568 verorten.

Spohnholz wendet sich dann den 36 Unterzeichnern zu und findet zunächst heraus, dass sie zu besagter Zeit nicht in Wesel waren. Darauf baut er seine These des zirkulierenden Dokuments, welches das Bild der Theologenversammlung ablösen will – diese existierte nur auf dem Papier, der Konvent war eine Versammlung von Unterschriften auf einem Dokument. Wichtig ist dabei, dass die Unterzeichnung selbst noch nicht darüber entscheidet, inwieweit die Unterzeichner allen Punkten des Protokolls auch wirklich zustimmten. Vielmehr stellt Spohnholz unter den Unterzeichnern aus den niederländischen Flüchtlingsgemeinden von London, Emden und Wesel eine theologische Unterschiedlichkeit fest. Das Protokoll – so folgert er – sei damit gerade keine Quelle der steten ‘Konfessionalisierung’ im Sinne einer Festigung, Orthodoxierung und Geschlossenheit der Niederländischen Kirche, als das es in der Konventserzählung gesehen wird, sondern eine Quelle über die Ambiguität und Dispersität von Konfession(szugehörigkeit) im nur so genannten ‘Konfessionellen Zeitalter’ (vgl. S. 87f). Folgerichtig schließt sich eine “Gegengeschichte” der Bedeutung der “Weseler Beschlüsse” an: Diese hätten in der folgenden Entwicklung der niederländisch-niederrheinischen Konfessionskonsolidierung alles andere als Wirkung entfaltet, sondern blieben vielmehr bedeutungslos.

Das Ungeschehene geschehen machen – Die “Invention of Tradition” des Konvents von Wesel
Aber es gab sie ja doch, wenn auch später: Die Bedeutung des Dokuments, das als Schlussakte eines vermeintlichen Weseler Konvents angesehn wurde. Der Bedeutungskonstruktion des eigentlichen unbedeutenden Dokuments wendet sich Spohnholz in seinem zweiten Teil zu, nachdem er die Historizität des Ereignisses zerlegt hat.

Das in London verbliebene, vielfach unterschriebene Memorial aus Wesel wurde – so Spohnholz These – 1618 wiederentdeckt und von da an mit einer Bedeutung versehen, die konstruiert war, aber bis heute beständig anhält. Das Weseler Protokoll wurde als “Nationalkonvent” der Niederländischen Kirche (miss)verstanden. Dies begann mit Simeon Ruytincks “Harmonia synodorum belgicarum” von 1618, die das Weseler Protokoll erstmals vorstellte und in die niederländischen reformatorischen Synoden einordnete. Auf Ruytinck beriefen sich alle folgenden niederländischen Kirchenhistoriker des 17. und 18. Jahrhunderts. Das Original wurde kopiert und verschickt und tradierte sich auf dem Festland als Konventsakte. Erst mit der ‘Aufklärung’ habe sich die Auseinandersetzung mit der Quelle verändert und verwissenschaftlicht, erstmals habe man sich mit dem Schweigen der Quellen auseinandergesetzt. Die Tradition, in der die Synode von Wesel einen festen Platz im Kirchengeschichtsnarrativ der reformierten Niederrheins und der Niederlande gewonnen hatte, war aber dennoch verfestigt und führte 1768 zu einer 200-Jahrfeier des Konvents, bei der man den vermeintlichen Gründungsakt für den konfesionellen Rahmen feierte, in dem man im 18. Jahrhundert in den Niederlanden lebte (S. 147).

Über die Popularisierung des Nationalkonventsgedankens, die im Zuge des deutschen/rheinischen Protestantismus im 19. Jahrhundert aufkam, und die preußisch beschmückte 300-Jahrsfeier im Vorfeld des Ersten Vatikanischen Konzils führt der Autor den Leser zur Jahrhundertwende. Nach 1868, so Spohnholz, nahm die Enthmystifizierung des Konvents stetig zu. Was jahrhundertelang als Nationalsynode verstanden war, wurde nun nur noch zum “Konvent”. Auch wenn man 1968 das 400. Jubiläum des “Konvents” feierte, war die Historizität des Ereignisses im 20. Jahrhundert zunehmend angegriffen. Doch bei seinen argumentativen Vorgängern sieht Spohnholz eine zu inkonsequente Argumentation, konzediert aber zugleich eine diffuse Archivsituation, in der über vierhundert Jahre das Missverständnis gewachsen war. Für Spohnholz bleibt der der ‘Konvent von Wesel’ “an invention of historians, who used the term to preserve a sense of meaning and significance for [the] mysterious document” (s. 212).

Interpretation mit Kritik
Also noch eine weitere spekulative Verschwörungstheorie, wurde am Round Table in Portland nachgefragt (Yair Mintzker)? Landet Spohnholz nicht selbst in der “cacophony of irreconcilable interpretations” (S.11), auf die er einleitend schimpft? Sicherlich hat auch Spohnholz keine expliziten Beweise für seine Interpretation – ein Umstand, den er nicht müde wird hervorzuheben (z.B. S. 11, 57). Aber die Quellenkritik ist überzeugend. Da neben dem Protokoll Verweise auf den Konvent fehlen, darf dem Autor hier großes Vertrauen entgegengebracht werden, auch wenn das positivistische Gewissen des Historikers nicht gänzlich gestillt wird.

Round Table in Portland/Oregon, v.l.n.r.: J. Spohnholz, Y. Mintzker, U. Lotz-Heumann, D. Luebke), Foto: JB.

In die Kritik gerät auch der Stil des Buches: Eine Geschichte wird erst gesponnen, doch dann wieder gleich einem Kriminalroman zerlegt, in dem die wissenschaftliche Spurensicherung immer wieder neue Befunde durchsickern lässt (Ute Lotz-Heumann). Diese Stilkritik hat eine Berechtigung: Ausdrücke wie “uncovering” oder “unraveling the mystery” prägen den Sprachstil und bilden eine Athmosphäre des Detektivischen, welche der Geschichtswissenschaft sicher nicht fremd ist, dem wissenschaftlichen Schrifttum hingegen schon. Umso lesbarer wird jedoch das Buch, was wiederum seiner (außer)wissenschaftlichen Wirkung zugute kommen wird.

Wurde Spohnholz’ akribische Dekonstruktion eines Konfessionalisierungsnarrativs im ersten Teil gänzlich gelobt, so wurde doch sein häufiger Rückgriff auf überkommene Rezepte für spätere Epochen wie “die Aufklärung” oder “romantischer Nationalismus” kritisch beäugt. Wo Teil 1 Narrartive hinterfragt und dekonstruiert, stützt sich Teil 2 auf sie.

Auch blieb die Frage, ob der Konvent von Wesel denn tatsächlich “never was”, wie der Titel es verspricht. Spohnholz selbst zeigt auf dutzenden Seiten wie die Vorstellung und Konstruktion eines Konvents (!) Wirkung entfaltet hat und damit Realtitäten bildete – der Konvent existierte in Vorstellungen, solange ihm Gültigkeit zugesprochen wurde. War es somit nicht eher ein “never happened”?

Fazit
Diese Kritiken treffen nicht den Kern des Buches, allenfalls seine Aufmachung. Spohnholz schreibt die Geschichte eines Ereignisses, die mit Ereignisgeschichte das Wenigste zu tun hat. Das Buch verdeutlicht, dass über Konfession im 16. Jahrhundert nicht in starren Grenzen gedacht werden kann, sondern dass konfessionelle Identitäten mit Instabilität und Ambiguität verbunden sind. Es ist eine Quellenkritik zu geschichtswissenschaftlichen Kategorien und zur Historizität des Gewesenen und des Nicht-Gewesenen, des Gedachten und Geschriebenen; ein Buch, dass sich an Fachwissenschaftler, insbesondere Archivare, genauso aber an die breite Öffentlichkeit richtet, auch wenn sie sich nicht direkt für Wesel interessiert, sondern für das 16. Jahrhundert und wie Historiker der letzten 400 Jahre mit ihm ungegangen sind.

Spohnholz äußert sich als Historiker, der nach vorne und nicht nach hinten schaut: Was wird aus dem Weseler Konvent nach seinem Buch? Dass die Geschichte verformbar war, hat Spohnholz in seinem Buch gezeigt. Ob er dem eingangs zitierten Verdikt über die Möglichkeiten des Historikers auch durch sein Buch erfüllt, bleibt abzuwarten. Eine Indikator, ob seine Interpretation langfristig angenommen wird, bleibt dabei vor allem ein in Wissenschaftskreisen sonst wenig geliebter Name: Wikipedia. Hier ist auf Englisch, Deutsch und Niederländisch vieles über den Konvent zu lesen. Doch Jesse Spohnholz Interpretation des “event that never was (happened)” liest sich erst am Ende des Wiki-Artikels – noch.

Jesse Spohnholz, The Convent of Wesel. The Event that Never was and the Invention of Tradition, Cambridge u.a. 2017, Cambridge University Press, 298 S., ISBN 978-1-107-19311-6.


[1] Herbert Frost, Der Konvent von Wesel im Jahre 1568 und sein Einfluß auf das Entstehen eines deutschen evangelischen Kirchenverfassungsrechts, in: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte: Kanonistische Abteilung 56/1 (1970), S. 325-387, hier S. 325, generell als Referenz auf den alten Forschungsstand bes. S. 353f.

 

Zitierweise:
Bechtold, Jonas: Von wegen Konvent? Rezension zu “The Convent of Wesel” von Jesse Spohnholz und Bericht vom Round Table, in: Rheinische Geschichte – wissenschaftlich bloggen, 04.11.2019, http://histrhen.landesgeschichte.eu/2019/10/rezension-konvent-von-wesel/

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Jonas Bechtold

Jonas Bechtold studierte von 2012 bis 2019 Geschichte und Politikwissenschaft in Bonn, Paris (Sorbonne/Paris IV) und St. Andrews. Er ist Mit-Herausgeber von Histrhen und arbeitet am Institut für Geschichtswissenschaft der Universität Bonn.
Jonas Bechtold
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