650 Jahre Klever Erbfall

Die Klever Schwanenburg in der Abenddämmerung, Ansicht von Osten. Foto: Maarten Takens

Am 19. November 1368 starb Graf Johann von Kleve – und mit ihm der letzte männliche Vertreter des alten Klever Grafenhauses. Dass die Klever Dynastie erlöschen würde, hatte sich bereits seit Langem angekündigt. Johanns 1348 geschlossene Ehe mit Mechthild von Geldern war kinderlos geblieben und bei seinem Tod war der Graf etwa 76 Jahre alt.

Gleich drei Verwandte Graf Johanns erhoben im November 1368 Anspruch auf die Nachfolge in Kleve: Adolf von der Mark, ein Enkel Graf Dietrichs VII. von Kleve (1310/11-1347) und Großneffe Graf Johanns, Otto von Arkel, ein Enkel Graf Ottos von Kleve (1305-1310) und ebenfalls Großneffe Johanns, sowie Dietrich von Horn, ein Neffe des verstorbenen Klever Grafen. Otto von Arkel fand zwar Unterstützung bei Herzog Eduard von Geldern, scheint aber nur eine Außenseiterrolle im Kampf um das Klever Erbe eingenommen zu haben. Dietrich von Horn, Herr von Kranenburg, war jahrelang der wichtigste Rat Graf Johanns gewesen und verfügte anscheinend über eine größere Anhängerschaft im Land. Ihm gelang es nun vorübergehend, sich in den Besitz der Klever Burg zu setzen. Dies war insofern ein symbolträchtiger Akt, als Graf Johann zu Lebzeiten mehrfach bestimmt hatte, dass nach seinem Tod der Inhaber des Klever Stammsitzes sein rechtmäßiger Nachfolger sein solle. Tatsächlich konnte sich jedoch Adolf von der Mark als neuer Graf von Kleve rasch durchsetzen. Auf diesen Erfolg hatte er – gemeinsam mit seinem Bruder Graf Engelbert von der Mark – über viele Jahre planvoll hingearbeitet.

Adolf war ursprünglich für eine geistliche Laufbahn bestimmt und 1357 zum Bischof von Münster ernannt worden. Bald nach seinem Regierungsantritt in Münster vollzog er einen politischen Kurswechsel des Hochstifts, um seinen Großonkel Johann von Kleve bei dessen Engagement im geldrischen Krieg zu unterstützen. Ziel dieser Aktion war ganz eindeutig, sich eine gute Ausgangsbasis für den bevorstehenden Erbfall in Kleve zu verschaffen. Rückendeckung erhielt Adolf von seinem Bruder Engelbert: Bereits 1362 einigten sich beide auf eine zukünftige Aufteilung des Klever Erbes. Im November 1363 sagte auch die Klever Gräfin Mechthild zu, Adolf von der Mark in der Durchsetzung seiner Erbansprüche zu unterstützen. Zwischenzeitlich war Adolf ein beachtlicher Coup gelungen: Im Juni 1363 hatte Papst Urban V. ihn zum Erzbischof von Köln ernannt. Den Kölner Erzstuhl nutzte Adolf von der Mark aber ebenfalls nur, um seine eigene Position weiter abzusichern: Im April 1364 gestattete der Papst, dass Adolf auf das Erzbistum verzichtete, und versetzte an seiner Stelle den Lütticher Bischof Engelbert von der Mark, einen Onkel Adolfs, nach Köln. Engelbert dankte diesen Schritt seinem Neffen, indem er ihm die am unteren Niederrhein gelegenen kölnischen Ämter Rheinberg, Kempen und Oedt pfandweise abtrat. Hiermit schuf sich Adolf von der Mark eine eigene solide Machtbasis in direkter Nachbarschaft der Grafschaft Kleve und nahm in den folgenden Jahren regelmäßigen Einfluss auf die Klever Politik.

In dem Maße, wie Adolf von der Mark seine Machtstellung am Niederrhein ausbauen konnte, verlor Dietrich von Horn am Klever Hof an Einfluss. Dennoch verschafften ihm seine Vernetzung mit den ritterlichen Familien der Grafschaft und seine unweit von Burg und Stadt Kleve gelegene Herrschaft Kranenburg im Konflikt um die Nachfolge 1368 ein gewisses Gewicht.

Zu den alten Eliten der klevischen Ritterschaft blieb Adolf von der Mark nach seinem Regierungsantritt als Graf in auffälliger Weise auf Distanz. Kaum einer der Räte Graf Johanns ist in den Jahren nach 1368 am Klever Hof nachweisbar. Bei den führenden Familien in den klevischen Städten – vor allem in der Residenzstadt Kleve selbst – scheint Graf Adolf hingegen sofort auf große Akzeptanz gestoßen zu sein. Die wichtigste Personalie in diesem Zusammenhang war Godert Heymerik. Der für eine geistliche Laufbahn bestimmte Sohn eines Klever Schöffen ist seit 1350 im Umfeld Graf Johanns von Kleve nachweisbar. Spätestens seit 1357 übte er das Klever Rentmeisteramt aus und dürfte dafür verantwortlich gewesen sein, dass die Finanzen des Klever Grafen in politisch schwierigen Zeiten nicht gänzlich aus dem Ruder liefen. Die beachtliche Modernisierung der Klever Territorialverwaltung in den 1350er und 1360er Jahren dürfte Godert entscheidend mitgeprägt haben. Adolf von der Mark schätzte seine Dienste so sehr, dass er Godert Heymerik als einzigen Spitzenbeamten aus der Zeit Graf Johanns in Amt und Würden beließ. Godert nutzte seine herausragende Stelle am Hof, um seine Verwandten zu fördern und verschaffte der Familie Heymerik in der Stadt Kleve wie auch in Teilen der Landesverwaltung ein überragendes Gewicht, dass diese für mehrere Jahrzehnte behalten sollte.

Stabilität in der inneren Verwaltung der Grafschaft stärkte dem neuen Klever Grafen den Rücken für die territorialpolitischen Herausforderungen, mit denen sich Adolf von der Mark, der sich nach seinem Regierungsantritt fortan „Adolf von Kleve“ nannte, konfrontiert sah. Große Teile der Grafschaft Kleve – den Raum um Wesel, Dinslaken und Duisburg sowie die Liemers – hatte er seinem Bruder Engelbert für dessen Unterstützung im Erbfolgestreit überlassen müssen; der Herzog von Geldern forderte Emmerich sowie Huissen als Preis dafür ein, dass er Adolf von der Mark in Kleve anerkannte. Zu einem Ausgleich mit Dietrich von Horn kam es erst 1370: Gegen Zahlung einer Entschädigungssumme überließ dieser dem Klever Grafen die Herrschaft Kranenburg. Dem Kölner Erzstift gelang es hingegen bis 1373, die Pfandschaften Rheinberg, Kempen und Oedt wieder auszulösen.

Der erneut ausbrechende Erbfolgestreit um das Herzogtum Geldern bot Graf Adolf I. von Kleve ab 1371 die Chance, verlorenes Terrain wettzumachen. Seine Parteinahme für Mechthild von Geldern – die Witwe Graf Johanns von Kleve – brachte Kleve vor allem die erneute Pfandherrschaft über Emmerich ein. Die für Kleve negativen Folgen des 1368 mit Herzog Eduard von Geldern geschlossenen Vertrags wurden hinfällig, ohne dass sich der Klever Graf allzu intensiv in dem Krieg um die Herrschaft in Geldern engagieren musste.

Aus der 1369 geschlossenen Ehe mit Margarethe von Berg, einer Schwester Graf Wilhelms von Berg, ging 1373 ein Sohn hervor, der nach dem Vater den Namen Adolf erhielt. Spätestens zu diesem Zeitpunkt konnte die Herrschaft des märkischen Hauses in der Grafschaft Kleve als abgesichert gelten.

 

Eine ausführliche Abhandlung zum Thema erscheint in den Rheinischen Vierteljahrsblättern 2019.

 

Zitierweise:
Hagemann, Manuel: 650 Jahre Klever Erbfall, in: Rheinische Geschichte – wissenschaftlich bloggen, 19.11.2018, http://histrhen.landesgeschichte.eu/2018/11/650-jahre-klever-erbfall/

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Manuel Hagemann

Manuel Hagemann

Studierte Mittelalterliche und Neuere Geschichte, Historische Hilfswissenschaften und Archivkunde sowie Historische Geographie an der Universität Bonn. 2015 Promotion zum Thema "Herrschaft und Dienst. Territoriale Amtsträger unter Adolf II. von Kleve (1394-1448)". 2016-2017 Leiter der Archivstelle Sigmaringen, Außenstelle des Erzbischöflichen Archivs Freiburg; seit 2017 Staatsarchivreferendar am Landesarchiv Nordrhein-Westfalen.
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Über Manuel Hagemann

Studierte Mittelalterliche und Neuere Geschichte, Historische Hilfswissenschaften und Archivkunde sowie Historische Geographie an der Universität Bonn. 2015 Promotion zum Thema "Herrschaft und Dienst. Territoriale Amtsträger unter Adolf II. von Kleve (1394-1448)". 2016-2017 Leiter der Archivstelle Sigmaringen, Außenstelle des Erzbischöflichen Archivs Freiburg; seit 2017 Staatsarchivreferendar am Landesarchiv Nordrhein-Westfalen.

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