Die Außenbeziehungen der Reichsstadt Aachen mit Frankreich 1656-1715 Ein Werkstattbericht zum Dissertationsprojekt

Stadtansicht der Reichsstadt Aachen. Kupferstich von Matthäus Merian, 1647. Bildquelle: Wikipedia (22.02.18)

Die Aachener Stadtgeschichte ist für die Frühzeit, die Karolingerzeit und das Hoch- und Spätmittelalter durch die Forschung gut erschlossen, doch für die Frühe Neuzeit weist sie überraschend große Lücken auf.[1] Zu diesen Lücken gehört das vielseitige Verhältnis der alten Kaiserstadt zum benachbarten Königreich Frankreich, das unter Ludwig XIV. vielfach kriegerisch nach Osten ausgriff – weit über Aachen hinaus. In meiner von Professor Dr. Michael Rohrschneider betreuten Dissertation gehe ich dieser spannungsreichen diplomatischen Beziehung nach.

Forschungs- und Quellenlage

Die Ursache für die Forschungslücke zur frühneuzeitlichen Stadtgeschichte liegt keineswegs in einem Mangel an Quellenmaterial begründet, denn dieses befindet sich in großen Mengen im Aachener Stadtarchiv. Durch freundlichen Hinweis des Archivleiters Herrn Dr. Rohrkamp wurde ich auf die Bestände zu den Außenbeziehungen der Reichsstadt Aachen aufmerksam. Der Entschluss den Fokus der Arbeit auf die Beziehungen zu Frankreich zu legen fiel aus Interesse an der Natur diplomatischer Kontakte zwischen einer freien Reichsstadt und einer der prestigeträchtigsten Monarchien ihrer Zeit.

André Krischer konnte in seiner 2006 erschienenen Dissertation maßgebliche Forschungsimpulse zur Frage nach der Rolle der Reichsstädte im diplomatischen Gefüge der europäischen Fürstengesellschaft geben.[2] Vor allem gelang es ihm dabei anhand der Beispiele Köln, Frankfurt am Main, Bremen und Schwäbisch Hall herauszuarbeiten, wie sehr sich die Vertreter der korporativ verfassten Reichsstädte an Symbolen und Gepflogenheiten des Adels anzupassen suchten. Ziel meiner Arbeit ist es daher auch, zu untersuchen, inwiefern die Erkenntnisse Krischers im Fall Aachens zutreffen.

Die Auswahl des Zeitrahmens unterliegt hingegen deutlich pragmatischeren Gründen. Da beim Stadtbrand im Jahr 1656 das Aktenarchiv im Aachener Rathaus zerstört wurde, liegen – abgesehen von einigen wenigen Ausnahmen – aus der Zeit vor dem Brand keine Akten mehr vor. Die Überlieferung häuft sich vor allem in den Phasen der unter König Ludwig XIV. geführten Kriege, d.h. Devolutionskrieg, Holländischer Krieg, Reunionskrieg, Pfälzischer bzw. Spanischer Erbfolgekrieg. Daher erscheint es sinnvoll, das Ende des Untersuchungszeitraums mit dem Jahr 1715 auch an das Ende der Herrschaft Ludwigs zu knüpfen. Zwar liegen auch aus späteren Jahrzehnten noch Akten vor, diese sind jedoch deutlich sporadischer gestreut und ließen sich nur mit Schwierigkeit zu einem kohärenten Gesamtbild zusammenfügen.

Einen Kernbestandteil der Dissertation bildet nach gegenwärtigem Stand der Briefwechsel des Aachener Rats, der Bürgermeister und Syndici mit ihrem Agenten am Pariser Hof, Adrien Correur.[3] Diese Sammlung von etwa 250 Briefen bietet durch ihre recht lange Laufzeit (1673–1712) und ihre fast lückenlose Überlieferung ein gutes Grundgerüst, um die Beziehungen Aachens zu Frankreich in dieser Phase zu erschließen.[4] Zusätzlich ergänzt wird dieses Korpus durch mehrere Sammlungen verschiedenartiger Schriftstücke an den französischen König, seine Minister sowie andere Persönlichkeiten am bzw. im Umfeld des Königshofs, darunter zum Beispiel der Pariser Nuntius.[5] Darüber hinaus ist der Briefwechsel des Aachener Syndikus Johann Albert Braumann mit seinem Kollegen Gabriel Messen interessant, den diese während einer diplomatischen Mission Braumanns zum französischen Hof von November 1678 bis März 1679 unterhielten.[6] Die Akten weiterer Syndici, welche in Aachen wie auch im Fall der meisten anderen Reichsstädte für die Besorgung diplomatischer Angelegenheiten eingesetzt wurden,[7] werden derzeit noch untersucht.[8]

Diese Quellen fanden in den wenigen Arbeiten, die sich mit dem Themenfeld der Beziehungen Aachens zu Frankreich in der Frühen Neuzeit befassen, bisher keine Beachtung. So handelt etwa Rudolf Arthur Peltzer in seinem 1903 in der Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins (ZAGV) veröffentlichten Aufsatz die Phase zwischen 1648 und 1715 auf nur wenigen Seiten ab, und erwähnt beispielsweise die Korrespondenz mit Correur mit keinem Wort.[9] Auch der Aachener Stadtarchivar und Chronist Karl Franz Meyer bediente sich bei der Anfertigung seiner Stadtchronik nicht der hier genannten Quellenbestände.[10]

Fragestellung und Zielsetzung

Ziel der Arbeit ist es, bisher weitgehend unerforschte Aspekte der Geschichte  der Außenbeziehungen der Reichsstadt Aachen zu beleuchten. Die Wahl dieses Begriffs erfolgt hier in bewusster Abgrenzung von jenem der Außenpolitik – eine Unterscheidung, welche sich in der jüngeren Forschung zur Diplomatiegeschichte zunehmend durchgesetzt hat, etwa durch die Arbeiten von Hillard von Thiessen, Christian Windler[11] oder Tilman Haug[12]. Kurzgefasst ist darunter ein Paradigmenwechsel zu verstehen, weg vom Fokus auf Außenpolitik als Betätigungsfeld eines monolithischen, suprapersonalen Staatswesens hin zur Sicht auf die einzelnen diplomatischen Akteure und ihre verschiedenartigen Beziehungen zueinander. Diese Beziehungen werden oftmals unter den Begriffen „Verflechtung“, „Patronage“ oder „Mikropolitik“ zusammengefasst, wobei diese allerdings nicht immer deckungsgleich zu verwenden sind.[13] Allerdings befassen sich die meisten bisher in diesem Themenfeld angefertigten Studien mit Akteuren aus dem höfischen Umfeld, Untersuchungen zu reichsstädtischen Vertretern fehlen. Auch die Arbeit Krischers berührt diesen Punkt nur peripher, da sie sich mehr auf Aspekte des Zeremoniells und der symbolischen Kommunikation fokussiert. Ein weiteres Ziel dieser Arbeit ist es daher zu untersuchen, ob und wie es Aachener diplomatischen Vertretern gelang, Eingang in diese von den Spielregeln der höfischen Gesellschaft geprägte Welt zu finden.

Des Weiteren sind natürlich auch jene von Krischer behandelten Fragen von Interesse, wie sich die diplomatischen Vertreter einer Reichsstadt – also eines korporativ-republikanisch verfassten Gemeinwesens von umstrittenem völkerrechtlichen Status – kommunikativ den Gegebenheiten der europäischen Adelswelt – und hier konkret jenen des französischen Königshofs und dessen Umfelds – annäherten. Dies bedeutet einerseits einen Blick auf Fragen des Zeremoniells und der symbolischen Kommunikation zu werfen. Allerdings dürfte in diesem Punkt der umfangreichen Studie Krischers nichts fundamental Neues hinzuzufügen sein; vielmehr ist hier die Frage, ob sich dessen Ergebnisse auch im Fall Aachens bestätigen lassen. Andererseits sollen aber auch die verwendeten Kommunikationskanäle betrachtet werden. Damit sind nicht konkrete Postwege oder ähnliches gemeint. Stattdessen soll der Frage nachgegangen werden, welche Formen des Schriftverkehrs verwendet wurden, an wen man sich damit richtete und wie man versuchte sicherzustellen, dass der intendierte Adressat letztlich auch erreicht wurde. Hier spielt natürlich der oben genannte Punkt der mikropolitischen Verflechtung der individuellen Akteure mit hinein. Nach Möglichkeit soll auch versucht werden, diese Fragen in Bezug auf mündliche Kommunikationsvorgägne zu beantworten, sofern diese denn quellenmäßig belegt sind. Da das überlieferte Material – bestehend aus Briefen, Bittschriften, Verträgen u.ä. – aber naturgemäß in erster Linie schriftliche Kommunikation dokumentiert, kann dieser Punkt nur inzidentell behandelt werden.

Neben diesen Fragen zur äußeren Form der Beziehungen zwischen Aachenern und der französischen Krone bzw. deren Parteigängern sollen schließlich auch die eigentlichen Verhandlungsinhalte betrachtet werden, insbesondere da einige dieser Vorgänge der Forschung bisher gänzlich unbekannt waren. Jedoch soll sich die Arbeit dabei keineswegs in ermüdender Chronistik ergehen, wie es vor allem in der älteren Diplomatiegeschichtsforschung häufig der Fall war. Ganz im Gegenteil sollen die oben behandelten Fragen der personellen Verflechtung und Kommunikationskanäle im Vordergrund stehen und die Inhalte stets durch diese Linse betrachtet werden.

Bisherige Ergebnisse im Zwischenfazit

Anhand der bereits untersuchten und ausgewerteten Quellen lassen sich einige Feststellungen zu den oben aufgeworfenen Fragen und auch darüber hinaus treffen. Diese sollten jedoch keineswegs als abschließende Ergebnisse betrachtet werden, da die Untersuchung weiterer wichtiger Quellenbestände noch aussteht. Vielmehr soll hier in einer Art Zwischenfazit dem gegenwärtigen Arbeitsstand Rechnung getragen werden.

Zunächst ist festzuhalten, dass es sich bei den bisher gesichteten Quellen in der überwiegenden Mehrzahl um Schriftwechsel mit städtisch beauftragten Agenten und Syndici, aber auch mit französischen Ministern, Generälen und vor allem Militärbeamten handelt; nur selten adressierte man einen Brief direkt an den König. An diesen wandte man sich dagegen häufiger in Form von Bittschriften, die wechselweise als reqtes, remonstrations oder placets bezeichnet wurden. Auch sogenannte Memoriale wurden sowohl an den König als auch seine Minister übergeben. Der Hauptunterschied ist, dass es sich dabei in der Regel um Schriften handelte, die vom jeweiligen Agenten oder Gesandten vor Ort angefertigt wurden, während besagte Bittschriften zumeist aus Aachen entweder direkt an den Empfänger oder – häufiger – an einen Agenten vor Ort verschickt wurden, welcher diese dann einreichte. Da die Syndici oder Agenten entweder keine Konzepte oder Kopien dieser Memoriale anfertigten oder aber diese in ihren privaten Akten aufbewahrten, sind nur wenige davon in den Beständen des Aachener Stadtarchivs erhalten. Die Bittschriften, aber auch die meisten Briefe an „Auswärtige“, also eben jene Minister, Generäle, Militärbeamte, aber auch Agenten wie Correur wurden in der Regel unterzeichnet von Rat, Schöffen und Bürgermeistern des Königlichen Stuhls und der freien Reichsstadt Aachen. Der Schriftverkehr mit den eigenen Gesandten, bei denen es sich in der Regel um Syndici oder andere städtische Amtsträger wie Hauptmänner der Stadttorbezirke, sogenannte Aachener Grafschaften, handelte, wurde zumeist von einem ihrer Kollegen besorgt. Nur selten treten individuelle Bürgermeister als Absender oder Empfänger in Erscheinung.[14]

Anhand der Empfänger der Aachener Briefe unter den „Auswärtigen“ lässt sich bereits erkennen, dass diese sich hauptsächlich mit militärischen Angelegenheiten beschäftigten. Häufigster Anlass für die Aachener, diplomatisch aktiv zu werden, sind mit Abstand die im Rahmen der zahlreichen Kriege Ludwigs XIV. immer wieder gestellten Forderungen nach Militärkontributionen durch französische Militärbeamte (intendants). Um die chronische Unterfinanzierung des französischen Kriegswesens zu bekämpfen, schreckte man nicht davor zurück, auch neutralen Städten wie Aachen unter Androhung der militärischen Exekution hohe Geldsummen abzupressen.[15] Dazu kamen weitere Belastungen und Schikanen durch das französische Militär, etwa in Gestalt von Durchmärschen oder gar Einquartierungen französischer Truppen – insbesondere gegen Ende des holländischen Kriegs 1678/79 – oder auch der Nichtachtung von Aachener passeports und Beschlagnahmungen der Waren von Aachener Händlern auf der Reise. Beschwerden hierüber sowie – zumeist erfolglose – Verhandlungen um Exemtionen, Zahlungsnachlässe oder Anerkennung der Aachener Neutralität dominieren die bisher untersuchten Quellen; und auch ein kursorischer Blick in die noch nicht näher gesichteten Dokumentensammlungen lässt nicht erkennen, dass sich dies im Zuge weiterer Untersuchungen grundlegend ändern wird.

Dass die Außenbeziehungen Aachens zu Frankreich vor allem durch die Auswirkungen der zahlreichen Kriege Frankreichs geprägt waren, wird auch anhand der zeitlichen Verteilung und Konzentration der Quellen ersichtlich. So stammt die Mehrzahl der untersuchten Schriftstücke aus den Jahren 1672–79, 1685, 1688–1697 und 1701–1712, was sich in etwa mit den verschiedenen militärischen Konflikten der Zeit deckt. Lediglich aus der Zeit des Devolutionskriegs konnten bisher keine Quellen aufgefunden werden, obwohl es der Stadtchronik Meyers zufolge auch in diesem Krieg zumindest zu Drohungen vonseiten des französischen Militärs kam.[16] Während dieser Umstand zu Beginn der Untersuchungen noch dem Überlieferungszufall zugeschrieben wurde, erhärtete sich im Laufe der Bearbeitung zunehmend die Vermutung, dass man in Aachen zu Friedenszeiten keinen erhöhten Bedarf sah, bei der französischen Krone diplomatisch aktiv zu werden.

François Michel Le Tellier, Marquis de Louvois. Gemälde von Pierre Mignard, ca. 1670-1691. Bildquelle: Wikipedia (22.02.18)

Der wohl wichtigste Ansprechpartner der Aachener am französischen Hof in diesen Dingen war der langjährige Kriegsminister Ludwigs XIV., François Michel Le Tellier, marquis de Louvois. Zahlreiche Briefe, Bittschriften und Memoriale adressierten der Aachener Rat und die Bürgermeister an ihn, oftmals über ihren Agenten Adrien Correur. So bedeutsam war Louvois‘ Stellung am Hof zeitweise, dass Correur einmal anmerkte „que de toutes vos affaires il ne falloit parler qu’a monditseigneur de Louvois qui en est absolument le maistre“.[17] Seine Nachfolger de Barbezieux, Chamillart und Voysin waren für die Aachener zwar ebenfalls die Personen, an die es sich in Kontributionsfragen zu wenden galt, allerdings sind an sie deutlich weniger Briefe und Bittschriften erhalten als an Louvois. Ob dies durch den Zufall der Überlieferung bedingt ist oder nicht, ist momentan nicht zu beantworten.

Ein weiteres „Leitmotiv“ der Aachener Außenbeziehungen mit Frankreich waren die stetigen Bemühungen darum, erneut zum Ort für einen Friedenskongress erwählt zu werden, nachdem 1668 mit dem Ersten Frieden von Aachen der Devolutionskrieg sein Ende gefunden hatte. Nachdem der Kölner Kongress durch die Festnahme Wilhelms von Fürstenberg im Februar 1674 gescheitert war, wies man von Seiten des Rats im Dezember den Agenten Correur dazu an, Louvois ein stattliches Geldgeschenk anzubieten, sollte sich dieser beim König für die Wahl Aachens als neuen Kongressort verwenden.[18] Im Pfälzischen Erbfolgekrieg begann man derartige Bemühungen anscheinend schon kurz nach Ausbruch des Kriegs, wie ein Schreiben Correurs vom 1. Januar 1689 belegt.[19]

Zur Person Correurs müssen einige Worte gesagt werden, wenn auch aus den Quellen leider nicht allzu viel ersichtlich wird.[20] Aus einer Instruktion an ihn aus dem Jahr 1673 geht hervor, dass er Advocat am Pariser Parlement war.[21] Seit demselben Jahr befand er sich in Aachener Diensten, und auch wenn die Intensität des Briefverkehrs mit ihm nach 1679 deutlich abnahm, so blieb er doch bis ins frühe 18. Jahrhundert hinein – der letzte Brief von ihm stammt von 1712 – eine wichtige Stütze Aachens am französischen Königshof. Zwar kam ihm als Agent keine besondere diplomatische Stellung zu, aber er übergab zahlreiche Bittschriften und Memoriale an die Minister und verkehrte mit einer Vielzahl von Personen am Hof, darunter Generäle und Militärbeamte, aber auch einzelne Bedienstete der Minister, welche ihm den Zugang zu ihren Dienstherren erleichterten. Er war somit eine Art ständiger Vertreter Aachens am Hof und offenkundig gut vernetzt.

Nur selten entsandte der Aachener Stadtrat eigene Vertreter nach Paris. So hielt sich, wie bereits erwähnt, der Syndicus Braumann Ende 1678 bis Anfang 1679 dort auf, um bei Louvois eine Befreiung von Unterhaltszahlungen für in Aachen einquartierte französische Soldaten zu erreichen. Gleichzeitig verhandelte er mit Außenminister Pomponne über eine sogenannten „Spezialinklusion“ der Reichsstadt in das zu dieser Zeit in Nimwegen verhandelte Vertragswerk zur Beendigung des holländischen Kriegs. Dabei arbeitete Braumann eng mit Correur zusammen und baute innerhalb der wenigen Monate seines Aufenthalts sein eigenes Netzwerk aus Kontakten zu Personen wie etwa dem Marschall Friedrich von Schomberg oder dem Straßburger Bischof und Günstling Ludwigs XIV. Franz Egon von Fürstenberg auf. Dies soll in der Arbeit anhand seiner Korrespondenz mit seinem Kollegen Gabriel Messen in Aachen detailliert untersucht werden, lässt sich hieran doch exemplarisch belegen, dass sich auch reichsstädtische Vertreter im höfischen Umfeld zu bewegen wussten.[22]

Ausblick

Während es also für die Frage nach der mikropolitischen Verflechtung der Aachener diplomatischen Akteure reichlich interessante Quellenbefunde gibt, so muss beim Punkt des Zeremoniells konstatiert werden, dass die bisherigen Quellenuntersuchungen nur wenig zutage gefördert haben. So konnte die Existenz von Zeremonienakten oder -büchern, in denen der zeremonielle Ablauf diplomatischer Kontakte durch die Reichsstädte akribisch dokumentiert wurden und welche André Krischer zu einer zentralen Quellengrundlage seiner Studie machte,[23] für Aachen bisher nicht nachgewiesen werden. Entweder sind sie nicht überliefert, oder aber wurden schlichtweg nie angefertigt. Auch in den bisher untersuchten Korrespondenzen schweigen sich die verschiedenen Akteure zur äußeren Form ihrer Vorsprache auch bei hohen Persönlichkeiten wie Louvois – abgesehen von einigen beiläufigen Bemerkungen – weitgehend aus und konzentrieren sich auf die Verhandlungsinhalte. In diesem Punkt sind noch weitere Untersuchungen nötig.

Ein weiterer Aspekt, der ebenfalls näherer Betrachtung unterzogen werden soll, ist die Rolle von Geistlichen in den Aachener Außenbeziehungen. So half etwa der Beichtvater Ludwigs XIV., Ferrier,[24] im Jahr 1672 den Aachenern beim Erhalt einer Neuausstellung eines im Stadtbrand von 1656 zerstörten Handelsprivilegs durch die französische Krone.[25] Bei den Bemühungen zur Wahl zum Kongressort während des Holländischen Kriegs warben die Aachener erfolgreich um die Unterstützung des Pariser Nuntius Varese.[26] 1691 betraute man einen Geistlichen ungenannten Ranges aus der Abtei Rolduc mit der Übergabe einer Bittschrift an den französischen König[27] und ab 1701 stand ein Récollet-Pater namens Antonin Bouland als Agent am Hof, in Lüttich und Namur in Aachener Diensten.[28]/p>

Derzeit werden weitere Akten der städtischen Syndici untersucht. Diese agierten mit Außnahme Braumanns nicht am französischen Hof, werden für das Thema der Arbeit aber vor allem dann relevant, wenn sie mit französischen Militärs vor Ort – etwa in Maastricht, Luxemburg oder Bonn – über Kontributionen, Einquartierungen etc. verhandelten. Auch besteht die Hoffnung, in diesen Beständen noch Quellen zu anderen Themenfeldern zu finden, etwa zu einer von der Meyerschen Chronik erwähnten Audienz zweier Aachener Bürgermeister und des Syndicus Karl von Berg beim französischen König, als sich dieser im Zuge der Belagerung Limbourgs im Sommer 1675 in der Nähe Aachens aufhielt.[29]

Ein langfristiges Ziel ist schließlich die Untersuchung der Akten der französischen Seite in den relevanten Pariser Archiven. Dies kann allerdings erst in Angriff genommen werden, wenn die Untersuchung der Quellen im Aachener Stadtarchiv weitgehend abgeschlossen ist.


[1] So sind in der stadtgeschichtlichen Reihe „Aachen von den Anfängen bis zur Gegenwart“, herausgegeben von Thomas R. Kraus, in den letzten Jahren bereits erschienen: Bd. 1: Die natürlichen Grundlagen; Aachens Geschichte von den Anfängen bis zu den Karolingern, Bd. 2: Vom Beginn der Karolingerzeit bis zu den Staufern (1137), Bd. 3.1: Entstehung der Reichsstadt und ihre Geschichte bis zum Ende des 15. Jahrhunderts, sowie Bd. 3.2: Lebensbereiche der Bürger 1138-150 (z.B. Verwaltung, Wirtschaft, kirchliches Leben, Wallfahrt). Der geplante vierte Band (Aachen vom Ende des 15. Jahrhunderts bis zum Einrücken der französischen Revolutionstruppen) wird erst in den kommenden Jahren erscheinen, wie mir Herr Dr. Kraus freundlicherweise mitteilte.

[2] André Krischer: Reichsstädte in der Fürstengesellschaft. Politischer Zeichengebrauch in der Frühen Neuzeit, Darmstadt 2006.

[3] Die Ermittlung des aus den Aachener Quellen nicht hervorgehenden Vornamens Correurs wurde mir ermöglicht auf freundlichen Hinweis von PD Dr. Dr. Guido Braun.

[4] Stadtarchiv Aachen, RA II Allgemeine Akten Nachträge, Nr. 1595 und 1596.

[5] Stadtarchiv Aachen, RA II Allgemeine Akten Nachträge, Nr. 1597, 1598, 1598a.

[6] Stadtarchiv Aachen, RA II Allgemeine Akten Nachträge, Nr. 1546, fol. 136r-244v. Es sei angemerkt, dass bei einer Vielzahl der hier genannten Bestände leider eine mangelhafte, weil laienhaft durchgeführte Nummerierung vorliegt, die weder ganz als Paginierung noch als Foliierung eingeordnet werden kann. Ich habe mich entschlossen diese hier dennoch als folio-Angabe wiederzugeben, da dies der Realität am nächsten kommt und das Auffinden der angegebenen Schriftstücke am besten ermöglicht.

[7] Siehe Krischer: Reichsstädte, S. 175-186.

[8] Stadtarchiv Aachen, RA II Allgemeine Akten Nachträge, Nr. 1530-1550.

[9] Rudolf Arthur Peltzer: Die Beziehungen Aachens zu den französischen Königen, in: ZAGV 25 (1903), S. 133-268, hier: S. 221-226.

[10] Karl Franz Meyer: Aachensche Geschichten überhaupt als Beyträge zur Reichs-allgemeinen insbesondere aber zur Anlage einer vollständigen Historie über den Königlichen Stuhl und des Heiligen Römischen Reichs freye Haubt- Kron- und Cur-Stadt Aachen von ihrem Ursprung bis auf gegenwärtige Zeiten, in drey Bücher aufgetheilt […], Aachen 1781.

[11] Exemplarisch zu nennen: Hillard von Thiessen.: Diplomatie und Patronage. Die spanisch-römischen Beziehungen 1605-1621 in akteurszentrierter Perspektive (Frühneuzeit-Forschungen, Bd. 16). Epfendorf 2010, oder auch Hillard von Thiessen, Christian Windler: Nähe in der Ferne. Personale Verflechtung in den Außenbeziehungen der frühen Neuzeit (Zeitschrift für Historische Forschung, Beiheft 36). Berlin 2005.

[12] Tilman Haug: Ungleiche Außenbeziehungen und grenzüberschreitende Patronage. Die französische Krone und die geistlichen Kurfürsten, Köln/Weimar/Wien 2015.

[13] Siehe dazu auch die Anmerkungen Haugs zur Unterscheidung von „Patronage“ und „Mikropolitik“, Haug: Außenbeziehungen, S. 20.

[14] Näheres zur Verfassung der Reichsstadt Aachen mit Bürgermeistern, Schöffen, Hauptmännern usw. sowie der Herkunft der Bezeichnung „königlicher Stuhl“ bei Walter Kaemmerer: Geschichtliches Aachen. Vom Werden und Wesen einer Reichsstadt, 2. Auflage, Aachen 1957, S. 30-44.

[15] Der Militärhistoriker John A. Lynn schätzt, dass in dieser Periode etwa 25% der französischen Militärausgaben zu Kriegszeiten durch Kontributionen gedeckt wurden, siehe John A. Lynn: The Wars of Louis XIV 1667-1714, London/New York 1999, S. 57. Mehr zur französischen Militärverwaltung und zur Rolle der intendants ebd., S. 53.

[16] Meyer: Aachensche Geschichten, 1. Buch, S. 667.

[17] Adrien Correur an Aachener Bürgermeister, Schöffen und Rat, o.D., Stadtarchiv Aachen, RA II Allgemeine Akten Nachträge, Nr. 1595, fol. 171r. Das Schreiben ist undatiert, jedoch lässt der Aachener Eingangsvermerk vom 16. Dezember 1678 den Schluss zu, dass es um dem 10. Dezember verfasst worden sein muss.

[18] Aachener Bürgermeister, Schöffen und Rat an Adrien Correur, 22.12.1674, Stadtarchiv Aachen, RA II Allgemeine Akten Nachträge, Nr. 1596, fol. 11r.

[19] Adrien Correur an Aachener Bürgermeister, Schöffen und Rat, 1.1.1689, Stadtarchiv Aachen, RA II Allgemeine Akten Nachträge, Nr. 1595, fol. 247r-248v.

[20] Siehe Anm. 3. Auch das Repertorium der diplomatischen Vertreter nennt ihn nicht (Ludwig Bittner, Lothar Groß (Hgg.): Repertorium der diplomatischen Vertreter aller Länder seit dem Westfälischen Frieden (1648), 1. Band (1648-1715), Oldenburg, Berlin 1936).

[21] Instruktion für Adrien Correur, 12.8.1673, Stadtarchiv Aachen, RA II Allgemeine Akten Nachträge, Nr. 1595, fol. 6r-7v.

[22] Siehe Anm. 6.

[23] Krischer: Reichsstädte, S. 39f.

[24] Vorgänger des bekannteren Paters de la Chaise.

[25] Stadtarchiv Aachen, RA II Allgemeine Akten Nachträge, Nr. 1597, fol. 9r-20v.

[26] Stadtarchiv Aachen, RA II Allgemeine Akten Nachträge, Nr. 1598a, fol. 2r-4v.

[27] Ebd., fol. 11r-13v.

[28] Ebd., fol. 16r-29r, 38.

[29] Meyer: Aachensche Geschichten, 1. Buch, S. 668. Die Audienz wird auch erwähnt in Aachener Bürgermeister, Schöffen und Rat an Adrien Correur, 28.6.1675., Stadtarchiv Aachen, RA II Allgemeine Akten Nachträge, Nr. 1596, fol. 33r.

 

Zitierweise
Obrecht, Florian: Die Außenbeziehungen der Reichsstadt Aachen mit Frankreich 1656-1715. Ein Werkstattbericht zum Dissertationsprojekt, in: Rheinische Geschichte – wissenschaftlich bloggen, 27.02.2018, http://histrhen.landesgeschichte.eu/2018/02/aussenbeziehungen-aachen/

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Florian Obrecht

Florian Obrecht

Studierte Geschichte und Germanistik im Bachelor an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, anschließend Masterstudium Geschichte, Fachrichtung Internationale Geschichte der Neuzeit. Promoviert derzeit über die Außenbeziehungen der Reichsstadt Aachen mit Frankreich 1656-1715.
Florian Obrecht
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