„den 3. jan. ist min geburtztag gewest, bin, got hab lob, 50[0] jar alt worden“ Hermann Weinsberg zum 500. Geburtstag

Hermann Weinsberg im Alter von 22 Jahren. Köln um 1539, Kölnisches Stadtmuseum.

Heute jährt sich zum 500. Mal der Geburtstag des bekanntesten Chronisten der Kölner Stadtgeschichte. Seine autobiografischen Aufzeichnungen sind eine wichtige Quelle für die frühneuzeitliche Kulturgeschichte und bieten für viele geschichtswissenschaftliche Fragestellungen bemerkenswerte Ansätze und Einblicke in das Leben eines Kölner Bürgers im 16. Jahrhundert.[1]

Hermann wurde am 3. Januar 1518 als ältester Sohn von insgesamt elf Kindern in Köln geboren. Drei Tage später wurde er getauft. Drei Jahre später zogen seine Eltern in das namensgebende Haus Weinsberg, in dem er seine Kindheit und Jugend verbrachte.[2] Nach einem vierjährigen Schulbesuch in Emmerich kehrte er für das Studium zurück, blieb in Köln und wurde zeitweise zum Kölner Ratsherr gewählt.[3] Er verbrachte den Großteil seines Lebens in der Stadt und damit natürlich auch die meisten seiner Geburtstage. Was erzählen seine Aufzeichnungen zu seinen Geburtstagen? Wie stand Hermann Weinsberg zur jährlichen Erinnerung ans Älterwerden?

Wenn Weinsberg sich zu seinen Geburtstagen äußert, dann berichtet er meistens davon, wie er ihn gefeiert hat. Wenn er ihn feierte, denn vermutlich verschwieg er ihn zeitweise gegenüber weitläufigeren Bekannten, um keine teuren Feste ausrichten zu müssen.[4] Die meisten seiner Geburtstage scheint Weinsberg im Kreis seiner Familie verbracht zu haben, wie 1568, dem auch der Titel dieses Aufsatzes entstammt: „Ich hab sonderlichs kein fest gehalten, dan einen jarwecken gehat und hab mit minen kindern im haus allein ein quart weins oder 2 gedronken […], min narung war [… ] nit grois“.[5] Der Verzehr in familiärer Runde des erwähnten „jarwecken“, einem Festtagsgebäck, betrachtete er als seine Geburtstagstradition, die er nach eigenen Angaben seit 1550 pflegte: „uff fritag den 3. januarii hab ich zu Cronenberch minen geburtztag gehalten, dan dissen tag war ich 32 jar alt worden, derhalb hab ich den geirwecken ader jarwecken mit miner motter, sustern und broder gessen und sint frolich gewest und hernach bin ich bei dissem brauch jarlichs uff dissen tag zu verpliben“.[6] Die „jarwecken“ verschenkte er auch an Freunde und Bekannte zu deren Geburtstagen.[7]

Doch die wichtigste Konstante in seinen Einträgen zu den Geburtstagsfeiern sind seine Familie und Freunde. Besonders ausführlich schildert er die Feier zu seinem 60. Geburtstag, der für ihn einen ganz entscheidenden Lebenseinschnitt markierte: das Eintreten in sein „Altertum“, wie er es nennt. An „min natalis und geburtztag, an wilchem ich sesszich jar alt sin worden und in min alterdom getroden“ ging er zum Mittagessen ins Haus Weinsberg, bei dem ungefähr zehn Personen, darunter seine Schwester Sibilla und seine Schwägerin Elisabeth, mit ihm speisten. Die Aufmerksamkeit, die ihm zum runden Geburtstag entgegengebracht wurde, genoss er überschwänglich: „Da hab ich lustich ront umbher gesprongen mit einem ganssen und keinem halben spronge, dan ich war von hertzen frohe, das ich den tag erlebt. Disses sprongs lachten sie alle und lobten denselben von eim alten man.“ Doch damit war der runde Geburtstag noch lange nicht zu Ende; am Abend wurde weiter gefeiert: „Uff die mailzit zu abent lode ich min suster Maria mit zu uns, besserten die portion mit gutten fischen und koichen, dan es war fritag und schenkten raitzwin und andern wein und waren alle froelich“.[8]

Wenn Hermann Weinsberg auf seine Geburtstage zu sprechen kommt, dienen die Aufzeichnungen als Beleg für die Kontinuität der wesentlichen Zutaten einer gelungenen Geburtstagsfeier: Gutes Essen in guter Gesellschaft in guter Stimmung.

Und eine Weisheit hat sich bis heute erhalten: Runde Geburtstage sollte man groß feiern. In diesem Jahr werden Hermann Weinsberg und sein Werk von Historikerinnen und Historikern mehrfach gefeiert, besonders hervorzuheben ist die Herbsttagung der Abteilung für Geschichte der Frühen Neuzeit und Rheinische Landesgeschichte und des Vereins für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande in Bonn, die ihm gewidmet ist. Auf diesem Blog wurde bereits am 21. Oktober 2017 der Call for papers veröffentlicht und es werden weitere Beiträge im Rahmen der Tagung erscheinen.

Wer bis dahin mehr von und über Hermann Weinsberg lesen möchte, sollte die digitale Edition besuchen oder sich die gedruckten Editionen in fünf Bänden ansehen.[9] Das Original befindet sich im Historischen Archiv der Stadt Köln und hat den Einsturz gut überstanden. Einen hervorragenden Einstieg bietet der 2005 erschienene Sammelband, der auch die Literatur und den aktuellen Forschungsstand bietet.[10] Ob Hermann Weinsberg gefallen hätte, dass wir heute seine Aufzeichnungen lesen, ist fraglich, denn eigentlich hatte er sie ausschließlich für seine Familie angefertigt, um seinen Rat und seine Erfahrungen weiterzugeben. Aber das Jubiläum zu seinen Ehren mit einer Tagung zu feiern, hätte ihm ganz sicher zugesagt – sie kostet ihn ja nichts.


[1] Eine Übersicht der bisherigen bearbeiteten Fragestellungen bietet Tobias Wulf, Auswahlbibliographie. Hermann Weinsberg und seine Aufzeichnungen als Gegenstand und Quelle der historischen und sprachwissenschaftlichen Forschung, in: Manfred Groten (Hg), Hermann Weinsberg (1518–1597). Kölner Bürger und Ratsherr. Studien zu Leben und Werk. Köln 2005, S. 293-300. Alle folgenden Zitate sind aus der Edition entnommen: Das Buch Weinsberg. Kölner Denkwürdigkeiten aus dem 16. Jahrhundert, Bd. I und II, bearb. von Konstantin Höhlbaum, Leipzig 1886/87, Bd. III und IV bearb. von Friedrich Lau, Bonn 1897/98, Bd. V, bearb. von Josef Stein, Bonn 1926 (Nachdruck der Ausgaben: Düsseldorf 2000). (Weinsberg I-V)

[2] Wolfgang Herborn: Hermann von Weinsberg (1518–1597). In: Rheinische Lebensbilder. Bd. 11, herausgegeben von Wilhelm Janssen, Köln 1988, S. 59–76. Unveränderter Neudruck in: Manfred Groten (Hg), Hermann Weinsberg (1518–1597). Kölner Bürger und Ratsherr. Studien zu Leben und Werk. Köln 2005, S. 15-33, hier S. 19-23.

[3] Wolfgang Herborn, Die Reisen und Fahrten des Hermann von Weinsberg. Zur Mobilität eines Kölner Bürgers im 16. Jahrhundert, in: Georg Mölich/Gerd Schwerhoff, Köln als Kommunikationszentrum, Köln 2000, S.141-166.

[4] Laut dem Bearbeiter Josef Stein. Weinsberg V, S. 85. 1574, zu seinem 56. Geburtstag, veranstaltete er „stat mines gebortzfest“ ein „krenzlin“, dessen ausgiebiges Festmahl er mit einer Gesellschaft von etwa zehn Personen „zu Cronenberch uff der stoben“ ausrichtete. Inwiefern er das als Ersatzgeburtstagsfeier betrachtete, sagt er nicht.

[5] Weinsberg V, S. 65.

[6] Weinsberg I, S. 331.

[7] Weinsberg V, S. 72.

[8] Weinsberg V, S. 122f.

[9] Siehe Fußnote [1].

[10] Manfred Groten (Hg), Hermann Weinsberg (1518–1597). Kölner Bürger und Ratsherr. Studien zu Leben und Werk. Köln 2005 (ISBN 3-89498-152-0).

 

 

Zitierweise:
Hermel, Jochen: „den 3. jan. ist min geburtztag gewest, bin, got hab lob, 50[0] jar alt worden“. Hermann Weinsberg zum 500. Geburtstag, in: Rheinische Geschichte – wissenschaftlich bloggen, 03.01.2018, http://histrhen.landesgeschichte.eu/2018/01/500-geburtstag-weinsberg/

Jochen Hermel

Jochen Hermel

Studierte in Bonn Mittelalterliche und Neuere Geschichte, Historische Geographie und Geschichtliche Landeskunde der Rheinlande
∙ Arbeitete in verschiedenen Projekten an der Universität Bonn und am Historischen Archiv der Stadt Köln
∙ Promoviert über die Heimlichen Evangelischen Gemeinden in Köln in der Frühen Neuzeit.
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