Der #Bonn1648-Jahresrückblick

Das Jahr nähert sich dem Ende. Es ist Zeit für Glühwein, Weihnachtsmärkte, gestresste Menschen – und Jahresrückblicke! Auch #Bonn1648 möchte zurückschauen und zwar nicht nur auf einen ereignisreichen akademischen Sommer im Zeichen des Westfälischen Friedenskongresses, sondern auch auf das politische Jahr 2017. Denn in den aktuellen politischen Debatten erreichte der Westfälische Friedenskongress eine bisher unbekannte Prominenz.

Dies liegt zum einen an dem sogenannten „Westfälischen System“, das er etabliert habe und das das moderne Miteinander der Staaten im Sinne einer gleichberechtigten Souveränität auf Basis des Völkerrechts prägte.[1] In Zeiten von Trump, Erdogan und Putin, in denen internationale Verträge aufgekündigt werden und die etablierten Spielregeln nicht mehr zu gelten scheinen, ist der Rückbezug auf die (angebliche) Geburtsstunde dieses Systems verständlich.

Zum anderen werden Parallelen gezogen zwischen den Konflikten im Nahen und Mittleren Osten und dem Dreißigjährigen Krieg. In beiden Fällen haben wir es mit hochkomplexen religiös-konfessionellen Konfliktlagen zu tun, die mit Staatsbildungsprozessen nach innen und außen verwoben sind. Noch als Bundesaußenminister zitierte Frank-Walter Steinmeier auf der Konferenz „Krisendiplomatie auf Hochtouren – Zukunftsperspektiven für Syrien und den Nahen Osten“ einen jungen Syrer, der erklärte: „Was uns fehlt, ist Euer 1648! Wir brauchen einen Westfälischen Frieden für unsere Region.“[2] Der Westfälische Friede erscheint hier nicht als die Grundlage eines inzwischen instabil erscheinenden internationalen Systems, sondern als Blaupause und Inspirationsfigur für aktuelle Konfliktlagen.[3] Es geht nicht nur um die Frage, „warum Friedenschließen so schwer ist“ – so der Titel der Bonner Tagung[4] –, sondern darum, wie man trotz dieser Schwierigkeiten Frieden schließen kann.

Wir haben die schönsten und prominentesten Beiträge des vergangenen Jahres zum Westfälischen Frieden für Sie zusammengetragen. Beginnen möchten wir mit Katy Perry, die Westfälische Frieden als Wurzel allen Übels ansieht, wie sie auf Twitter feststellte. (siehe nebenstehende Abbildung)

Diametral dazu die Stimmen führender deutscher Politiker – fast möchte man von einer Wiederentdeckung des Westfälischen Friedens sprechen:

Frank-Walter Steinmeier als Bundespräsident am 08.10.2017 in einer Rede zu „500 Jahre Reformation: Europa zwischen Einheit und Vielfalt“ in der Christuskirche der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Rom:
„Unnennbares Leid und bis dahin unvorstellbare Grausamkeit brachte schließlich vor allem auf deutschem Boden der Dreißigjährige Krieg, der im Grunde nie aus dem kollektiven Unterbewusstsein und aus der Erinnerung von uns Deutschen verschwunden ist. Dessen Beendigung im Frieden von Münster und Osnabrück stellt eine der größten Leistungen von Diplomatie dar und darf wohl bis heute ein vorbildliches Beispiel europäischer Friedenspolitik genannt werden. Dieser Friede war keine Herzensangelegenheit der Vertragsparteien – aber er war ein Sieg der pragmatischen Vernunft. Ein Friede der Köpfe und des vernünftigen Geistes, dem erst viel später einmal eine Aussöhnung in den Herzen und in den Seelen folgen sollte und konnte.“

Und weiter: „Vielleicht ist “versöhnte Verschiedenheit” die Grundlage von Einheit, die in Europa möglich ist. Auf dieser Basis, und nur auf dieser Basis kann eine gemeinsame europäische Vision, vielleicht sogar eine gemeinsame Identität heranwachsen, die manche junge Menschen schon meinen, wenn sie sagen: “Europa ist mein zweites Vaterland.” Doch die Verschiedenheit zu versöhnen, das wird eine permanente diplomatische Kunst erfordern, die dem Werk von Münster und Osnabrück von 1646/48 um nichts nachsteht, als die Reformation endlich als unwiderrufliche politische Tatsache anerkannt und der Umgang mit ihr gesamteuropäisch in friedlichere Bahnen gelenkt wurde.“[5]

Wolfgang Schäuble als Präsident des Deutschen Bundestages in Berlin am 24.10.2017 in seiner Antrittsrede:
„Ich werde das heute noch einmal tun im Sinne einer kleinen Hommage. Also, um es chronologisch rückwärts zu machen: der 24. Oktober ist der Tag der Vereinten Nationen – 1945 trat an dem Tag die Charta der Vereinten Nationen in Kraft; am 24. Oktober 1929 wiederum endete am „Schwarzen Donnerstag“ die jahrelange Hausse der New Yorker Börse und begann die Weltwirtschaftskrise mit all ihren Folgen; und am 24. Oktober 1648 wurde der Westfälische Friede zur Beendigung des Dreißigjährigen Krieges unterzeichnet – ein Krieg, an dessen Beginn wir uns kommendes Jahr erinnern und dem Herfried Münkler gerade ein Opus Magnum gewidmet hat, in dem er zeigt, dass dieser bis heute längste Krieg auf deutschem Boden, zugleich der erste im vollen Sinne europäische Krieg, uns besser als alle späteren Konflikte die Kriege unserer Gegenwart verstehen lässt. All das erinnert uns an den Charakter der Aufgaben, die vor uns liegen – und daran, dass wir die Entscheidungen, die wir hier treffen, in weltpolitische Zusammenhänge einzubetten haben.“[6]

Angela Merkel als Bundeskanzlerin am 10.09.2017 beim Internationalen Friedenstreffen von Sant’Egidio in Münster:
„Was vom Willen und der Fähigkeit zum Dialog abhängt, können wir ja auch an der Geschichte Europas ablesen. Das diesjährige Treffen findet statt in den historischen Städten des Westfälischen Friedens. In Münster und Osnabrück gelang es 1648, den unvorstellbaren Grausamkeiten des Dreißigjährigen Krieges endlich ein Ende zu setzen. Es waren dreißig schreckliche Jahre der Vernichtung. Erstmals in der Geschichte fand ein gesamteuropäischer Friedenskongress statt. Er war getragen von der Einsicht, dass Friede nicht im Krieg, sondern am Verhandlungstisch gefunden wird. Er war getragen von der Erkenntnis, dass Krieg als Mittel zum Zweck der Verfolgung partikulärer Interessen letztlich nur Verlierer kennt. Gleichwohl löste auch der Westfälische Friede keineswegs alle Probleme seiner Zeit – und schon gar nicht auf Dauer. Es sollten weitere Jahrhunderte folgen, in denen sich die Völker in Europa auf das Schrecklichste bekriegten.“[7]

Sigmar Gabriel als Außenminister am 22.05.2017 in der Eröffnungsrede zur Konferenz „Friedensverantwortung der Religionen“ in Berlin zu Religion und Westfälischem System:
„Wenn ich sage, dass Religionen auch Verantwortung übernehmen sollen und können, dann das ist kein Plädoyer dafür, das Westfälische Staatensystem beiseiteschieben zu wollen und Religionen die Verantwortung zu geben. Es ist vielmehr ein Plädoyer dafür, die Kraft, das Wissen, die Widerstandsfähigkeit, die Langfristigkeit von Religionen nutzbar zu machen für ganz konkrete Friedensarbeit. Wer könnte das besser, als die, die nach den Buchstaben oder Überlieferungen ihrer Glaubensbekenntnisse so sehr dem Frieden verpflichtet sind.“[8]

Der Westfälische Frieden also als Fixstern für eine geordnete und befriedete Staatenwelt? Historikerinnen und Historiker mögen das skeptisch sehen, der Politik kann er dennoch als Inspiration dienen. In diesem Sinne wünschen wir ein gutes 2018!

 

 


[1] https://www.bundesregierung.de/Content/DE/Bulletin/2017/10/100-1-bpr-rom-kirche.html [letzter Zugriff: 18.12.2017].

[2] https://www.bundestag.de/presse/pressemitteilungen/2017/pm-171024-rede-schaeuble/530102 [letzter Zugriff: 18.12.2017].

[3] https://www.bundeskanzlerin.de/Content/DE/Rede/2017/09/2017-09-10-rede-bk-sant-egidio.html [letzter Zugriff: 18.12.2017].

[4] https://www.auswaertiges-amt.de/de/newsroom/170522-bm-friedensverantwortung-religionen/290118 [letzter Zugriff: 18.12.2017].

[5] Eine kritische Sicht auf diese Denkfigur werfen: Heinz Duchhardt, Das ‘Westphälische System’: Realität und Mythos, in: Hillard von Thiessen / Christian Windler, Hg., Akteure der Außenbeziehungen: Netzwerke und Interkulturalität im historischen Wandel, Köln [u.a.] 2010, 393–401; Benjamin de Carvalho / Halvard Leira / John M. Hobson, The big bangs of IR. The myths that your teachers still tell you about 1648 and 1919, in: Millennium – Journal of International Studies 39/3 (2011), 735–758.

[6] https://www.bundesregierung.de/Content/DE/Bulletin/2016/11/141-3-bmaa-krisendiplomatie-syrien.html [letzter Zugriff: 18.12.2017].

[7] So etwa das von der Körber-Stiftung geförderte Projekt „A Westphalia for the Middle East“. https://www.academia.edu/35334180/Phase_2_Report_Reinventing_Westphalia._Historical_Lessons_for_a_Future_Peace_in_the_Middle_East [letzter Zugriff: 18.12.2017].

[8] Zusätzlich zur Begleitung auf diesem Tagungsblog auch der Tagungsbericht bei: https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7435 [letzter Zugriff: 18.12.2017].

 

 

Zitierweise:
Goetze, Dorothée/Oetzel, Lena: Der #Bonn1648-Jahresrückblick, in: Rheinische Geschichte – wissenschaftlich bloggen, 20.12.2017, http://histrhen.landesgeschichte.eu/2017/12/jahresrueckblick-bonn1648/

Dr. Dorothée Goetze & Dr. Lena Oetzel

Dr. Dorothée Goetze & Dr. Lena Oetzel

Dr. Dorothée Goetze ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Bonn und widmet sich intensiv dem Immerwährenden Reichstag (1663-1806) und Integrationsprozessen im Ostseeraum (16.-18. Jhd.).

Dr. Lena Oetzel lehrt und arbeitet an den Universitäten Bonn und Salzburg. In ihrem aktuellen Projekt beschäftigt sie sich mit Interessen von Gesandten auf dem Westfälischen Friedenskongress (1643–1649).
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http://histrhen.landesgeschichte.eu/2017/12/jahresrueckblick-bonn1648/

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