Von der Forschung in den Geschichtsunterricht Teil 1: Der Kernlehrplan Geschichte Sek II in Nordrhein-Westfalen

Sevilla, Minarett der Hauptmoschee, 12. Jh., heute Turm der Kathedrale. Bildquelle: Ingo Mehling, Sevilla Cathedral – Giralda, https://de.wikipedia.org/ wiki/Giralda#/media/File:Sevilla_Cathedral_-_Giralda.jpg [29.10.2016]

Seit 2014 gilt in Nordrhein-Westfalen ein neuer Kernlehrplan für das Fach Geschichte in der Sekundarstufe II.[1] Dieser Lehrplan setzt auch für den Geschichtsunterricht in der Oberstufe den Wechsel hin zu kompetenzorientierten Vorgaben um, der durch den PISA-Schock im Jahre 2001 und den sich anschließenden bildungspolitischen Diskussionen um Veränderungen im schulischen Lernen ausgelöst wurde. Die Veränderungen im Lehrplan wurden von Geschichtslehrkräften und Verbänden teils begrüßt und teils kritisiert – einig ist man sich auf jeden Fall darin, dass die Umsetzung der neuen Vorgaben eine Herausforderung für alle Beteiligten ist. Aber was ist eigentlich anders am neuen Lehrplan? Und worin liegen mögliche Probleme bei der Umsetzung?

 

Was ist neu am Kernlehrplan?

Der neue Lehrplan unterscheidet sich von seinen Vorgängern schon auf den ersten Blick durch die Vorsilbe „Kern-“ im Titel. Dieser Zusatz ist bewusst gewählt, denn die neuen „curricularen Vorgaben konzentrieren sich dabei auf die fachlichen ‚Kerne‘, ohne die didaktisch-methodische Gestaltung der Lernprozesse regeln zu wollen“.[2] Diese Entscheidungen liegen in der Verantwortung der einzelnen Schulen und Lehrkräfte. Die dem Lehrplan zugrunde liegenden Kompetenzen sind die gleichen wie schon im Kernlehrplan für die Sekundarstufe I aus dem Jahr 2007.[3] Die konkreten Kompetenzformulierungen (Sachkompetenz, Methodenkompetenz, Urteilskompetenz und Handlungskompetenz) gelten übergreifend für das gesamte gesellschaftswissenschaftliche Lernfeld und sind daher nicht fachspezifisch.

In der Rückmeldung der Verbände zum neuen Lehrplanentwurf kam besonders die Handlungskompetenz in Kritik: eine „derartige[n] Übernahme aus den fachdidaktischen Zugriffen des Politikunterrichts“ sei problematisch, gerade weil die untergeordneten Teilkompetenzen nicht trennscharf von der Methoden- oder Urteilskompetenz abzugrenzen seien.[4] Neben diesen fächerübergreifenden Kompetenzformulierungen finden sich im Lehrplan jedoch auch Verweise auf spezifisch geschichtsdidaktische Überlegungen, z.B. auf das FUER-Modell, das die Re-Konstruktion von Vergangenheit und die De-Konstruktion von Geschichte als die zentralen Operationen des historischen Denkens beschreibt.[5]

 

Welche inhaltlichen Vorgaben macht der neue Kernlehrplan?

Daneben weist der Kernlehrplan aber auch wesentliche Neuerungen bei den inhaltlichen Vorgaben auf. Der Geschichtsunterricht in der gymnasialen Oberstufe soll sich an sieben Themenfeldern orientieren und löst sich damit vom chronologischen Vorgehen als strukturierendem Ordnungsprinzip:

  1. Erfahrung mit Fremdsein in weltgeschichtlicher Perspektive
  2. Islamische Welt – christliche Welt: Begegnung zweier Kulturen in Mittelalter und früher Neuzeit
  3. Die Menschenrechte in historischer Perspektive
  4. Die moderne Industriegesellschaft zwischen Fortschritt und Krise
  5. Die Zeit des Nationalsozialismus – Voraussetzungen, Herrschaftsstrukturen, Nachwirkungen und Deutungen
  6. Nationalismus, Nationalstaat und deutsche Identität im 19. und 20. Jahrhundert
  7. Friedensschlüsse und Ordnungen des Friedens in der Moderne[6]

 

Welche Chancen bieten die neuen Inhalte? Wo zeigen sich Probleme?

Die Betrachtung von historischen Zusammenhängen in diachronen Längsschnitten bietet erhebliches Potential für das historische Lernen, z.B. durch einen hervorragenden Einblick in historische Zusammenhänge und Veränderungen in bestimmten Bereichen.[7] In der Praxis führt aber die fast ausschließliche Orientierung an Längsschnitten im Lehrplan zu großen Problemen. Ein zusammenhängendes, chronologisches Verständnis von Geschichte ist schließlich ebenfalls ein wichtiges Ziel des Geschichtsunterrichts. Dieses Ziel ist aber bei einem Oberstufenunterricht, der größtenteils aus Längsschnitten besteht, schwer zu erreichen. Außerdem könnte das auf eine

 „bloße[n] Aneinanderreihung verschiedenartiger Erscheinungsformen hinaus[laufen], unterlegt womöglich mit einem schlichten Fortschrittsmodell, in dem das Jüngere stets das Bessere und das Ältere als das Schlechtere in Erscheinung tritt“[8].

Vielleicht auch deshalb verzichten viele Schulen in ihren schulinternen Curricula auf die Behandlung des Stoffes der Qualifikationsphase in Unterrichtseinheiten speziell zu den einzelnen Themenfeldern des Lehrplans, sondern gehen in der Anordnung der Themenschwerpunkte doch stärker chronologisch vor.[9]

Das Inhaltsfeld 7 (Friedensschlüsse und Ordnungen des Friedens in der Moderne) lässt sich allerdings nur schwer in einen chronologischen Ablauf einfügen. Insbesondere der für den Leistungskurs geforderte inhaltliche Schwerpunkt „Multilateraler Interessenausgleich nach dem Dreißigjährigen Krieg“ stellt eine große Herausforderung für die Lehrkräfte und die Schülerinnen und Schüler dar, denn:

„Wie können Grundsätze, Zielsetzungen und Beschlüsse der Vertragspartner von 1648 bearbeitet werden, wenn keine Grundlagenkenntnisse über die Zeit vorhanden sind?“[10]

Schließlich ist laut Kernlehrplan keine tiefere Behandlung des Dreißigjährigen Krieges und seines Kontextes vorgesehen. Und wo sollten die Lehrerinnen und Lehrer dafür auch die Zeit finden? Gerade weil hier hohe Anforderungen an die Lernenden gestellt werden, ist die Unterrichtsvorbereitung für die Geschichtslehrkräfte besonders anspruchsvoll. Und genau an dieser Stelle wollen die Bonner historischen Lehrerfortbildungstagungen ansetzen. Mehr dazu gibt es übermorgen!

Hier finden Sie Teil 2: Die Bonner historischen Lehrerfortbildungstagungen

 


[1] Vgl. Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.): Kernlehrplan für die Sekundarstufe II Gymnasium/Gesamtschule in Nordrhein-Westfalen. Geschichte. Düsseldorf 2014. URL: https://www.schulentwicklung.nrw.de/lehrplaene/upload/klp_SII/ge/KLP_GOSt_Geschichte.pdf [2.11.2017]. Im Folgenden: KLP Sek II Geschichte.

[2] Vgl. KLP Sek II Geschichte, S.3.

[3] Vgl. Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.): Kernlehrplan für das Gymnasium – Sekundarstufe I (G8) in Nordrhein-Westfalen. Geschichte. Düsseldorf 2007. URL: https://www.schulentwicklung.nrw.de/lehrplaene/upload/lehrplaene_download/gymnasium_g8/gym8_geschichte.pdf [02.11.2017].

[4] Landesverband nordrhein-westfälischer Geschichtslehrer e.V.: Stellungnahme des Landesverbandes zum Entwurf des Kernlehrplans für die Sekundarstufe II Gymnasium / Gesamtschule in NRW, S. 3. URL: https://www.geschichtslehrerverband-nrw.de/app/download/8241273884/Stellungnahme+KLP+S+II+2013.pdf?t=1475341030 [02.11.2017].

[5] KLP Sek II Geschichte, S. 12. Zum FUER-Modell siehe auch: Forschungsprojekt zur Förderung und Entwicklung von reflektiertem Geschichtsbewusstsein: Unser Theoriekonzept – Leitziel ist der reflektierte und (selbst-)reflexive Umgang mit Geschichte. URL: http://www1.ku-eichstaett.de/GGF/Didaktik/Projekt/grundlagen.html [02.11.2017].

[6] KLP Sek II Geschichte, S. 17-19.

[7] Vgl. z.B. Michael Sauer: Geschichte unterrichten. Eine Einführung in die Didaktik und Methodik. Seelze-Velber 2001, S. 57-58.

[8] Sauer: Geschichte unterrichten, S. 58.

[9] Vgl. zum Beispiel den schulinternen Lehrplan Geschichte Sek II des Kardinal-Frings-Gymnasium in Bonn-Beuel: [Link veraltet. Anm. d. Red., 05.02.2018] oder des Beethoven-Gymnasiums in Bonn: http://www.beethoven-gymnasium.de/fileadmin/user_upload/Schulinterner_Lehrplan_Geschichte_SII.pdf [02.11.2017].

[10] Landesverband nordrhein-westfälischer Geschichtslehrer e.V.: Stellungnahme, S. 7.

 

Zitierweise
Kämmerling, Magdalena: Von der Forschung in den Geschichtsunterricht. Teil 1: Der Kernlehrplan Geschichte Sek II in Nordrhein-Westfalen, in: Rheinische Geschichte – wissenschaftlich bloggen, 06.11.2017, http://histrhen.landesgeschichte.eu/2017/11/von-der-forschung-in-den-geschichtsunterricht/

Magdalena Kämmerling

Magdalena Kämmerling

Studierte Geschichte, Englisch und Ethnologie in Köln (Staatsexamen und Magister). Von 2011-2013 Studienreferendarin (Gymnasium) in Köln und Bergisch Gladbach. Seit 2013 Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Didaktik der Geschichte an der Universität Bonn. Promoviert über Geschichtsdidaktik und Geschichtsunterricht in Deutschland und England
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