Multiple Zugänge: Der westfälische Friedenskongress (Nachwuchssektion)

Der Übergang vom Studium zur Promotionsphase ist nicht einfach. Während das Studium heutzutage sehr strukturiert, ja fast schulisch aufgebaut ist, bietet die Zeit der Promotion größtmögliche wissenschaftliche Freiheit. Aufgrund des Studienverlaufsplans kommt es in der Regel nur zu einem recht eingeschränkten Austausch mit der wissenschaftlichen Zunft außerhalb der eigenen Hochschule. Umso wichtiger ist es, dass eine Tagung eine eigene Nachwuchssektion anbietet, auch wenn das leider noch immer keine Selbstverständlichkeit ist. Eine solche Sektion ermöglicht es, Masterkandidat/innen und Doktorand/innen, ihre Ergebnisse einem Fachpublikum vorzustellen und hilfreiche Feedback und Impulse zu bekommen. Zudem sind die Vortragenden durch den Vortrag “gezwungen”, sich den Stand ihrer Arbeiten zu vergegenwärtigen und sie unter Umständen in einem neuen Blickwinkel zu betrachten.

Die Moderation und den Kommentar dieser zweiten Sektion im Tagungsablauf übernimmt Prof. Dr. Ralf-Peter Fuchs. Nach seinem Studium der Geschichte und Politikwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum promovierte er dort 1994 und war anschließend als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Ludwig-Maximilians-Universität München tätig. Seit 2014 ist er Professor für Landesgeschichte der Rhein-Maas-Region an der Universität Duisburg-Essen. Sein wissenschaftliches Werk weist ihn als profunden Kenner des Dreißigjährigen Krieges und des Westfälischen Friedenskongresses aus. Fuchs beschäftigt sich intensiv mit den konfessionellen Konflikten der Zeit und der Historischen Friedensforschung. Seine Habilitationsschrift über die Normaljahrsregelung[1] nimmt einen der zentralen Konfliktpunkte auf dem Kongress ins Auge und erschließt das Thema über die gesamte Periode des Dreißigjährigen Kriegs hinweg grundlegend.[2]

Die Nachwuchssektion wird von Marcel Mallon eröffnet. Er stellt sein Promotionsvorhaben “Kunstraub im Dreißigjährigen Krieg” vor. Die Dissertation untersucht dieses Phänomen erstmals in komparatistischer und systematischer Weise anhand von Fallbeispielen, sodass Gemeinsamkeiten und Unterschiede erkennbar werden. Als Fallbeispiele werden neben den bekannten Fällen der Plünderung der Bibliotheca Palatina in Heidelberg 1622 und der Plünderung Prags 1648 verschiedene kleinere und mittlere Raube herangezogen. Ziel der Arbeit ist es, die leitenden Motive der Akteure sowie die Kriterien für die Auswahl der Beute herauszuarbeiten. Zudem soll untersucht werden, ob, und wenn ja welche, rechtliche(n) Grundlagen die Plünderungen legitimierten. Ebenfalls soll das Schicksal der Kunstgüter nach dem Raub betrachtet werden, also in welche neuen Kontexte sie gestellt wurden. Darüber hinaus ist zu prüfen, welche Regelungen in den Friedensverträgen bezüglich der Restitution getroffen worden sind, ein Thema, das bis heute von großer Aktualität ist.

In den Mittelpunkt seines Forschungsvorhabens stellt Alexander Schoenen das Spannungsfeld von Formalität und Informalität auf dem Westfälischen Friedenskongress. Mit Blick auf die kurkölnische Gesandtschaft untersucht er, wie die strengen und starren Vorgaben des Zeremoniells umgangen worden sind, um die Verhandlungen zu forcieren. Wie sehr waren die Gesandten durch die Formalitäten gezwungen, in das Informelle auszuweichen? Sein Ziel ist es darüber hinaus, eine Definition für informelle Kommunikation zu erarbeiten. Durch die kombinierte Betrachtung der kurkölnischen Gesandtschaft und des Westfälischen Friedenskongresses möchte Schoenen die regionalen Phänomene der Landesgeschichte in einen europäischen Kontext einbetten, wozu sich der Kongress gut eignet.

Das Kongressgeschehen in Westfalen wurde sehr eng durch Zeitungsberichte begleitet. Die Korrespondenten betrachteten das gesamte Spektrum der Verhandlungen und unterrichteten ihre Leser kleinteilig über die Fortschritte. Mit der Thematik des Westfälischen Friedenskongresses in den Zeitungsberichten beschäftigt sich Jonas Bechtold in seinem Vortrag. Nach der herrschenden Forschungsmeinung berichteten die Zeitungen nüchtern, sachlich und neutral über die Vorgänge. Es gab jedoch immer wieder kommentierende Elemente, mit denen die Korrespondenten ihre Hoffnungen und Befürchtungen auf einen baldigen Frieden beziehungsweise ein Scheitern der Verhandlungen zum Ausdruck brachten. Am Beispiel der Elsassverhandlungen zwischen Frankreich und dem Kaiser möchte Bechtold den Zusammenhang zwischen Berichtsqualität und Kongresspolitik aufzeigen. Als vielversprechende Informationsquelle nimmt er dabei die durch das Gesandtschaftspersonal veröffentlichten Interna in den Blick, welche nicht nur die Kongressöffentlichkeit, sondern auch die Verhandlungen beeinflussten.

Eine weitere Möglichkeit für Nachwuchshistoriker/innen sich und ihre Projekte vorzustellen, bieten Plakatwände. Mit Hilfe dieser Wände, die im Vortragsraum aufgestellt werden, können sie ihre Vorhaben mit Hilfe von Collagen, Karten, Bildern darstellen. Sie ermöglichen es einem größeren Teilnehmerkreis, sich auf der Tagung zu präsentieren.

 

SEKTION 2: MULTIPLE ZUGÄNGE: DER WESTFÄLISCHE FRIEDENSKONGRESS (NACHWUCHSSEKTION)

Moderation und Kommentar: Ralf-Peter Fuchs

1. Kunstraub im Dreißigjährigen Krieg (Marcel Mallon)
2. Die kurkölnische Gesandtschaft auf dem Westfälischen Friedenskongress im Spannungsfeld von Formalität und Informalität (Alexander Schoenen)
3. Der Westfälische Friedenskongress in den Zeitungsberichten. Zum Zusammenhang von Berichtsqualität und Kongresspolitik am Beispiel der “Elsassverhandlungen” (Jonas Bechtold)

 


[1] Fuchs, Ralf-Peter: Ein ‘Medium zum Frieden’. Die Normaljahrsregel und die Beendigung des Dreißigjährigen Krieges (Bibliothek Altes Reich 4), München 2010.

[2] Vgl. Kaiser, Michael: Rezension von: Ralf-Peter Fuchs: Ein ‘Medium zum Frieden’. Die Normaljahrsregel und die Beendigung des Dreißigjährigen Krieges, München 2010, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 3 [15.03.2011], URL: http://www.sehepunkte.de/2011/03/17948.html [zuletzt eingesehen am 30.06.2017].

 

Zitierweise:
Mallon, Marcel: „Multiple Zugänge: Der westfälische Friedenskongress (Nachwuchssektion)“, in: Rheinische Geschichte – wissenschaftlich bloggen, 05.07.2017, http://histrhen.landesgeschichte.eu/2017/07/nachwuchssektion/

Marcel Mallon

Marcel Mallon

Studierte Geschichte, Kunstgeschichte und Archäologie (Bachelor) sowie Allgemeine Geschichte (Master) an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Masterarbeit über „Trauttmansdorff in den deutschsprachigen Presseberichten vom Westfälischen Friedenskongress“. Seit August 2016 am Zentrum für Historische Friedensforschung in Bonn angestellt.
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