Die Kölner Torwartlegende Harald „Toni“ Schumacher und ihre Rezeption in der Sowjetunion während der 1980er Jahre Zweiter Teil

Cover der sowjetischen Ausgabe des Schumacher-Buchs

Cover der sowjetischen Ausgabe des Schumacher-Buchs

FC Spartak Moskau gegen 1. FC Köln

Angesichts der im vorigen Teil dargestellten Berichterstattung über das WM-Halbfinale 1982 ist es kaum verwunderlich, dass Schumachers Foul gegen Battiston in sowjetischen Publikationen über das Duell zwischen Spartak und dem 1. FC Köln im Achtelfinale des UEFA-Pokals 1984/85 keine Rolle spielte. In der zweiten Runde des UEFA-Pokals 1975/76 schaltete Spartak den westdeutschen Gegner aus. Im November 1984 würdigte der Futbol-Chokkej das Team des Trainers Hannes Löhr als renommierten Bundesligisten mit herausragenden Nationalspielern wie Pierre Littbarski, Klaus Allofs und dem „ewigen Kölner“ Toni Schumacher. Gleichzeitig traute man den Moskauern zu, die Kölner erneut aus dem Wettbewerb zu werfen.[14]
Spartaks 1:0-Sieg im Hinspiel am 28. November, das aufgrund der Wetterbedingungen nicht in Moskau, sondern in Tbilisi stattfand, verstärkte diesen Optimismus: Ohne den glänzenden Torwart Schumacher hätten die Gäste eine höhere Niederlage einstecken müssen.[15] Im Rückspiel gewann die westdeutsche Mannschaft mit 2:0 und entschied das Duell für sich. Die sowjetische Presse war überzeugt, dass die Kölner diesen Erfolg zum großen Teil ihrem sicheren Torwart Toni Schumacher verdankten.[16]

Anpfiff

Nach den Weltmeisterschaften in Spanien und Mexiko sowie nach dem Europapokalduell zwischen Moskau und Köln war Toni Schumacher zahlreichen sowjetischen Fußballfans ein Begriff. 1988 bekamen sie eine Gelegenheit, sich mit dem Menschen Schumacher und mit seiner Ansichten über den Fußball in der Bundesrepublik vertraut zu machen: Der sowjetische Sportverlag Fizkul’tura i sport („Körperkultur und Sport“) veröffentlichte Schumachers ins Russische übersetzte Autobiographie Anpfiff. Enthüllungen über den deutschen Fußball, die für viel Aufregung in der Bundesrepublik und im Ausland sorgte und Schumachers Karriere beim 1. FC Köln und in der Nationalmannschaft beendete. Die sowjetische Auflage des westdeutschen Sportbeststellers betrug beachtliche 100.000 Exemplare.[17]
In diesem Buch griff Schumacher einzelne frühere Mitspieler heftig an, reflektierte selbstkritisch seine bisherige Karriere und sein Foul an Battiston und berichtete außerdem über die im westdeutschen Profifußball verbreite Doping-Praxis. Der Doping-Aspekt machte das Buch für die DDR, die in den 1970er und 1980er Jahren systematisch mit diversen Doping-Vorwürfen konfrontiert wurde, besonders interessant: In der Ost-Berliner Presse hielt man dem „kölschen Jung“ Schumacher zugute, die „Wahrheit“ über das „schmutzige Fußballgeschäft in der BRD“ ausgepackt zu haben, für die er hart bestraft worden sei. Der Sportchef der Berliner Zeitung Wolfgang Hartwig stellte Ende Februar 1987 die Freimütigkeit des Torwarts in Frage und betonte, dass Schumacher mit seinen „Enthüllungen“ nicht zuletzt viel Geld verdienen würde. Hartwig deutete außerdem an, Schumacher habe Battiston möglicherweise unter dem Einfluss eines Ephedrin-Dopings verletzt, dass eine Aggressivität gesteigert habe.[18]
Obwohl das brisante Thema Doping auch für die UdSSR Ende der 1980er Jahre aktuell blieb, wurde dieser Aspekt von Valerij Vinokurov in seinem Vorwort nur am Rande aufgegriffen. Der in der DDR unterstellte Vorwurf, sich mit einem Skandalbuch bereichern zu wollen, wurde Schumacher in der Sowjetunion nicht gemacht. Vinokurov lobte die moralische Integrität des mutigen Torwarts und empfahl dem sowjetischen Publikum ausdrücklich, Schumachers Buch zu lesen, um sich über die Entwicklung des westlichen Fußballs zu informieren.[19] Die Tatsache, dass die sowjetische Ausgabe unmittelbar nach der EM 1988 in der Bundesrepublik erschien, zog die Aufmerksamkeit sowjetischer Fußballfans auf das Buch: Schumacher hatte im Anpfiff seine Hoffnung auf den WM-Titel in Italien (1990) und vor allem auf den EM-Triumph im eigenen Land – Köln war unter den Standorten dieses Turniers – ausgesprochen.[20] Während er sich aber bei der EM mit der undankbaren Zuschauerrolle abfinden musste, erreichte die sowjetische Sbornaja das EM-Endspiel gegen die Niederlande und sorgte dadurch für eine Welle der Fußballbegeisterung in der UdSSR. Nach seinem Erfolg mit der Schumacher-Biographie ließ der Verlag Fizkul’tura i sport 1990 ins Russische übersetzte Michel Platinis Ma vie comme un match (1987) in der Auflage von 200.000 Exemplaren veröffentlichten. Ähnlich wie Schumacher ging Platini in seinem Buch auf das Halbfinale von Sevilla und auf Battistons Verletzung ein. Der westdeutsche Torwart wurde zu einem „kaltblutgien Täter“ stilisiert.[21]
Diese Autobiographien frischten die Erinnerungen an das Halbfinale 1982 in der UdSSR auf und machten viele – vor allem junge – sowjetische Fußballfans auf das legendäre deutsch-französische WM-Drama in Sevilla aufmerksam, in dem Toni Schumacher zunächst als Antiheld und später als Retter des westdeutschen Titeltraums auftrat. Die sowjetische Anpfiff-Ausgabe verbesserte Schumachers Ruf in der UdSSR.[22]

Zusammenfassung

In seinem Buch Anpfiff schwärmte Toni Schumacher von der sowjetischen Torwartlegende Lev Jašin, die er in Moskau persönlich kennengelernt habe: Jašin, der in seinen Kommentaren in der Zeitschrift Futbol-Chokkej tatsächlich Schumachers Torwartqualitäten würdigte,[23] habe ihn nicht nur für einen großen Torhüter, sondern auch für einen guten Menschen gehalten.[24]
In der Tat pflegte die sowjetische Sportpresse in den 1980er Jahren das Bild des herausragenden Torhüters Toni Schumacher, der einen wichtigen Beitrag zu den nationalen und internationalen Erfolgen seines Vereins 1. FC Köln sowie zu den Triumphen der DBF-Auswahl geleistet habe und mit Recht zu den besten Welttorhütern gezählt worden sei. Die Frage nach der moralischen Integrität des Torwarts, die man im Westen und auch in der DDR nach dem WM-Halbfinale zwischen Frankreich und Westdeutschland (1982) kontrovers diskutierte, wurde in der UdSSR bis zum Ende der 1980er Jahre de facto nicht gestellt: Im Fall Schumacher konzentrierten sich sowjetische Autoren vor allem auf seine herausragenden Sportleistungen. Hingegen spielte Schumachers Fehlverhalten bei der Verletzung des Franzosen Patrick Battiston in sowjetischen Publikationen nur eine marginale Rolle und wurde in der Sportpresse nicht behandelt.
Die ausgewerteten Erinnerungen von Zeitzeugen bestätigen, dass der Zusammenstoß zwischen Schumacher und Battiston den Kölner Torwart in der UdSSR bekannt machte und nicht zuletzt zur Entstehung eines negativen Schumacher-Bildes in diesem Land führte. Diese Episode der dramatischen Sevilla-Nacht geriet erneut ins Blickfeld sowjetischer Fußballfans, nachdem die Autobiographien von Toni Schumacher und Michel Platini Ende der 1980er Jahre in der UdSSR erschienen worden sind. Schumachers selbstkritisches Buch wurde sowohl in der DDR als auch in der Sowjetunion eher wohlwollend wahrgenommen. Der Erfolg der sowjetischen Anpfiff-Ausgabe lässt sich nicht nur auf den sensationellen Charakter dieser Autobiographie, sondern auf die unbestrittene, von sowjetischen Fußballexperten systematisch hervorgehobene und von Fußballfans hochgeschätzte Spielerqualität des Torwarts zurückführen, ebenso auf seine Auseinandersetzung mit dem Foul an Patrick Battiston.
Während Michel Platini das in Frankreich ohnehin verankerte Feindbild des „hässlichen Deutschen“ Schumacher zu untermauern bestrebt war, leistete Anpfiff einen Beitrag zum Abbau von Ressentiments gegen den westdeutschen Torwart. Letzter wurde in der UdSSR Ende der 1980er Jahre als mutiger und integrer Mensch dargestellt, der die Missstände im westdeutschen Profifußball zu entlarven gewagt habe und somit Respekt verdiene.

Ende des Zweiten Teils. Zum Ersten Teil dieses Artikels.

 


 

[14] Vgl. O. Smoleev, Stabil’naja nestabil’nost’, in: Futbol-Chokkej  (47) v. 25.11.1984, S. 14f.

[15] Vgl. Valerij Berezovskij, Vse mogut vratari, in: Futbol-Chokkej (48) v. 2.12.1984, S, 6f.

[16] Vgl. G. Radčuk, Pereraspredelenie rolej, in: Futbol-Chokkej  (50) v. 16.12.1984, S. 13f.

[17] Vgl. Toni Šumacher, Svistok. Zapadnogermanskij futbol iznutri, Moskau 1988. 1988 erschien außerdem die bulgarische Ausgabe der Autobiographie. Vgl. Toni Šumacher, Načalen signal, Sofia 1988.

[18] Vgl. Wolfang Hartwig, Geflitzt wie die Teufel, in: Berliner Zeitung v. 26.2.1987, S. 6.

[19] Vgl. Vinokurov, „Svistok“ v pol’zu provinivšegosja, S. 5-8.

[20] Vgl.  Šumacher, Svistok, S. 141.

[21] Vgl. Mišel’ Platini, Žizn’ kak matč, Moskau 1990, S. 144-148.

[22] Alexander Friedman Interview mit dem Übersetzer Grigory Gelfand (Jahrgang 1979) und mit dem Journalisten Alexander Pesetsky (Jahrgang 1979) (4.5.2016, Minsk).

[23] Vgl. Lev Jašin: „Pretendentov mnogo“, in: Futbol-Chokkej (24) v. 15.6.1986, S. 5f.

[24] Vgl. Šumacher, Svistok, S. 141. 2010 betonte Schumacher, dass Lev Jašin seiner Meinung nach zu fünf besten Torhütter der Fußballgeschichte gehöre. Vgl. Toni Šumacher: „Lučšie vratari v istorii mirovogo futbola – Jašin, Majer, Buffon i Turek“, in: sports.ru v. 9.6.2010,  http://www.sports.ru/football/71134700.html (Zugriff am 20.06.2016).

 

 

Zitierweise:
Friedman, Alexander: Die Kölner Torwartlegende Harald „Toni“ Schumacher und ihre Rezeption in der Sowjetunion während der 1980er Jahre, Zweiter Teil, in: Rheinische Geschichte – wissenschaftlich bloggen, 04.07.2016, http://histrhen.landesgeschichte.eu/2016/07/toni-schumacher-zwei/

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Alexander Friedman

Alexander Friedman

Mitarbeiter des Forschungsprojekts „Widerstand im Rheinland 1933-1945“ (LVR-Institut für Rheinische Landeskunde und Regionalgeschichte, Bonn) und des Dokumentationsprojekts „Juden in Nazideutschland“ von Yad Vashem (Jerusalem), Lehrbeauftragter an der Universität des Saarlandes und an Sciences Po Paris in Nancy
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