Digitales Comeback Rezension zu "Geschichte mit Zukunft. 10 Jahre Wiederaufbau des Kölner Stadtarchivs" von Ulrich Fischer und Markus Späinghaus

„Der wertvollste Dreckhaufen der Welt“[1], „Schätze aus dem Schlamm“[2] oder „Wenn ein Archiv an Demenz leidet“[3] – so lauten die aussagekräftigen Zwischenüberschriften im Sonderband der Mitteilungen aus dem Stadtarchiv von Köln „Geschichte mit Zukunft. 10 Jahre Wiederaufbau des Kölner Stadtarchivs“. Es handelt sich um Zitate aus überregionalen Medien, die beim ersten Durchblättern des Buches ein lebendiges Bild von zehn Jahren Rettungsarbeit erzeugen. Stellenbeschreibungen mit der für ArchivmitarbeiterInnen eher ungewöhnlichen Anforderung „Bereitschaft zur Reisetätigkeit innerhalb der Bundesrepublik“[4] erinnern an die verschiedenen Standorte und Asylarchive. Viele hochaufgelöste Fotos und Detailaufnahmen beeindrucken mit unter Mauerresten hervorschauenden, zerstückelten Archivalien, schwer zu bändigenden „Blumenkohl“-Akten und fertig restaurierten Evangelarien aus dem Mittelalter.

Die Katastrophe am 3. März 2009, die zwei Todesfälle verursachte und das sechsstöckige Archivgebäude im Erdboden versinken ließ, hat einen seit dem Zweiten Weltkrieg in Europa unvergleichlichen Schaden verursacht.[5] Ein Jahrtausend Stadtgeschichte in Form von 22 Regalkilometern Archivgut, drei laufenden Kilometern Bibliotheksgut und 330.000 Karten, Pläne und Plakate wurden zertrümmert und unter Bauschutt vergraben.[6] Mit diesen Bildern vor Augen erscheint es fast undenkbar, dass nur fünf Prozent davon wirklich für immer verloren gegangen sein sollen[7] und der Großteil des Archivguts zukünftig digital zur Verfügung gestellt werden kann.

Bei der Publikation handelt es sich um einen Sonderband aus der Haus-Reihe des Kölner Stadtarchives, die von der Archivleiterin Bettina Schmidt-Czaia herausgegeben wird. Die Autoren sind der Pressesprecher des Archivs, Markus Späinghaus, und der stellvertretende Leiter Ulrich Fischer, der seit 2009 für den Bereich Wiederaufbau und den Aufbau eines digitalen Archivs verantwortlich ist. Jeweils ein Viertel des Buches umfassen das erste und das dritte Kapitel. Das erste Kapitel befasst sich mit dem Einsturz selbst und den unmittelbaren Folgen, das dritte und letzte Kapitel beschreibt den Stand am zehnten Jahrestag und erläutert die Umzugspläne in den Neubau am Kölner Eifelwall. Beinahe die Hälfte des 152 Seiten starken, gebundenen DIN A 4-Heftes beschäftigt sich in Kapitel zwei mit den verschiedenen Aspekten des Wiederaufbaus.

Auf fast 70 Seiten wird hier der Transformationsprozess beschrieben, der sowohl die Aufstockung des Personals von 36 auf 160 MitarbeiterInnen als auch die Einführung eines umfassenden Prozessmanagements beinhaltete. Dieses sieht vor, dass jedes gefundene Fragment von der Bergung bis zur Digitalisierung ein Sechs-Phasensystem durchlaufen muss: Die ersten beiden Phasen, die Bergung und Erstversorgung des Archivguts konnten bereits abgeschlossen werden. Die dritte Phase, die Bergungserfassung, soll Ende 2020 beendet sein. Es folgen die Phase der Konservierung und Restaurierung, die endgültige Identifizierung in der fünften Phase und die Digitalisierung. Obwohl digitalisierte Quellen sukzessive online gestellt und dabei Nutzungsanfragen priorisiert werden, wird die eigentliche Identifikation der Archiv-Einheiten noch Jahrzehnte in Anspruch nehmen. Dennoch: Laut der Autoren des Sonderbandes liegen bereits über 10 Millionen digitalisierte Archivalien im Digitalen Historischen Archiv Köln (DHAK) bereit und sind rund um die Uhr weltweit abrufbar.

Deutlich machen die Autoren zudem, dass der Einsatz von digitalen Technologien intensiv vorbereitet  wurde: Eine digitale Infrastruktur musste im Archiv aufgebaut und die Software stetig weiterentwickelt werden. Hinzu kommt, dass jeder Bearbeitungsschritt aller Archivalien, bzw. jedes einzelnen Teils einer zerstörten Archivalie für die juristische Aufarbeitung des Schadensfalls lückenlos dokumentiert werden musste. Es wird auch der Einsatz von Künstlicher Intelligenz beschrieben. Zum Beispiel wird mit dem “ePuzzler” ein Programm eingesetzt, welches hunderte Millionen Schnipsel geschredderter Akten der Stasi wieder zusammengesetzt hat. Anhand von Farbe und der Schnitt- bzw. Riss-Kontur erkennt es, ob zwei Fragmente zusammenpassen  könnten. Dieser Algorithmus musste für das Kölner Archiv angepasst werden, da es sich bei den Einsturz-Akten um eine andere Art der Zerstörung handelt. Es handelt sich um ein lernendes System, muss aber mit menschlicher Fachkenntnis überprüft und nachgearbeitet werden. Eine Erkenntnis wird beim Lesen des Buches zur Gewissheit: Ohne digitale Technologien wäre die Rettung des Archivguts nicht denkbar gewesen. Gleichzeitig wird auch ersichtlich, dass ohne die Erfahrung und dem Wissen von ArchivarInnen und RestauratorInnen keine befriedigenden Ergebnisse erreicht worden wären.

Die Verfasser thematisieren im zweiten Kapitel auch die Professionalisierung der Öffentlichkeitsarbeit, die sich nach dem Einsturz mit häufigen Anfragen von überregionalen Medien konfrontiert sah. Neue Erkenntnisse und Fachkompetenzen, die sich die MitarbeiterInnen des Kölner Archivs in der Krise aneignen mussten, werden mit anderen Institutionen ausgetauscht. Dies kann die Entwicklung von digitalen Schnittstellen bei der Zusammenarbeit zum Aufbau des Digitalen Archivs NRW oder die Einrichtung eines Notfallverbundes Kölner Archive und Bibliotheken sein. So wie dem Kölner Archiv sehr viel Hilfe aus deutschen und internationalen Städten angeboten wurde und es zum Beispiel von den Erfahrungen der FachkollegInnen nach dem Hochwasser in Prag profitieren konnte, kann es nun selbst Hilfe und Beratung in Extremsituationen anbieten.

Im dritten und letzten Kapitel veröffentlichen die Autoren einen Steckbrief, der alle Daten und Fakten zum Archiv zusammenfasst. In ihm wird auch kurz auf die verschiedenen juristischen Verfahren eingegangen, die noch kurz vor Ende der Verjährungsfrist 2019 begonnen wurden. Obwohl Baumängel und Versäumnisse bei der Bauaufsicht gerichtlich festgestellt wurden, konnte weder das Revisionsverfahren in den strafrechtlichen Fragen noch die rechtliche Aufarbeitung für die Schadensübernahme vollständig abgeschlossen werden. Der Neubau am Eifelwall, der eines der modernsten Archive Europas werden soll, wird von den Autoren mit all seinen technischen Anforderungen ausführlich beschrieben. Beispielsweise soll es neun verschiedene Klimazonen zur Lagerung und Präsentation unterschiedlichster Archivalien innerhalb des Gebäudes geben.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Verfasser sehr detailliert und umfassend informieren. Sie geben Auskunft über Hardware, Software und externen Dienstleistern und erklären die Funktionsweisen komplexer Restaurierungstechniken.  So werden zum Beispiel die Mechanismen einer Vakuumgefriertrocknungsanlage genau erklärt. Die Offenlegung vieler Interna wirkt vor dem Hintergrund des großen öffentlichen Interesses und des hohen Aufwandes für die Restaurierung und Bestandserhaltung des rheinischen Kulturguts angemessen. Der Öffentlichkeit werden somit Entscheidungen dargelegt und offene Fragen beantwortet. In diesem Zusammenhang ist es schade, dass nicht auf das “System der chaotischen Lagerung”, bei der Archiveinheiten durch Barcodes gekennzeichnet und damit unabhängig von ihrem Lagerungsort im Magazin auffindbar gemacht werden, eingegangen wird. .

Trotz vieler technischer Einzelheiten und der komplexen Zusammenhänge ist das Buch gut lesbar und verständlich geschrieben. Es erinnert noch einmal eindrucksvoll daran, dass sich sehr viele Menschen, angefangen mit den ehrenamtlichen HelferInnen der ersten Stunde, für das kulturelle Erbe der Stadt eingesetzt haben. Deutlich wird, dass neben neuer Hard- und Software, die  Arbeit vieler MitarbeiterInnen notwendig war, um diese zahlreichen Prozesse zu entwickeln: Neue interdisziplinäre Denkweisen, Offenheit, Kommunikation und Teamarbeit bilden nicht nur die Grundlage für die Bewahrung des Rheinischen Kulturgutes, sondern werden in zukünftigen digitalen Arbeitswelten entscheidende Herangehensweisen sein.

Ulrich Fischer, Markus Späinghaus, Geschichte mit Zukunft. 10 Jahre Wiederaufbau des Kölner Stadtarchivs (Mitteilungen aus dem Stadtarchiv Köln, Sonderband), Berlin 2018, 152 Seiten, ISBN: 978-3-928907-38-5.

 


[1] Ulrich Fischer/Markus Späinghaus, Geschichte mit Zukunft. 10 Jahre Wiederaufbau des Kölner Stadtarchivs (Mitteilungen aus dem Stadtarchiv Köln, Sonderband), Berlin 2018, S. 28 (Süddeutsche Zeitung, 27.03.2009).

[2] Ebd., S. 41 (Kölner Stadtanzeiger/ksta.de, 14.12.2010).

[3] Ebd., S. 81 (Deutschlandfunk Kultur, 27.02.2014).

[4] Ebd., S. 53 (Stellenbeschreibung der Stadt Köln, 06.06.14).

[5] Ebd., S. 30.

[6] Ebd., S. 28.

[7] Ebd., S. 42.

 

Zitierweise:
Opgenoorth, Kim: Rezension zu „Geschichte mit Zukunft. 10 Jahre Wiederaufbau des Kölner Stadtarchivs”. Von Ulrich Fischer, Markus Späinghaus (Mitteilungen aus dem Stadtarchiv Köln, Sonderband), in: Rheinische Geschichte – wissenschaftlich bloggen, 17.03.2020, http://histrhen.landesgeschichte.eu/2020/03/digitales-comeback/

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Kim Opgenoorth

Kommentar zu “Digitales Comeback Rezension zu "Geschichte mit Zukunft. 10 Jahre Wiederaufbau des Kölner Stadtarchivs" von Ulrich Fischer und Markus Späinghaus

  1. AvatarAndre Hirsch

    Vielen Dank für die ausführliche Rezension des Buches. Eine Bestandsaufnahme der Entwicklung der “Rettung” der Kolner Stadtgeschichte nach 10 Jahren nachdem damals geglaubten Verlust tut gut. Und ist auch wichtig für die vielen ehrenamtlichen Kolner Bürger, die sich damals entschlossen hatten, in welcher Form auch immer zu helfen, um ihre Stadtgeschichte zu retten.

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