Zwischen Globalisierungsdiskursen und Heimatrhetorik. Neue Herausforderungen für die Landesgeschichte im 21. Jahrhundert Zum Festvortrag für Manfred Groten zum 70. Geburtstag

Globalisierungsdiskurse sind allgegenwärtig. Sie prägen seit einigen Jahren auch die kulturwissenschaftlich orientierte Geschichtswissenschaft, die sich bemüht, nationalstaatliche und eurozentrische Perspektiven aufzugeben und Geschichte global zu denken. Ebenso allgegenwärtig ist das Sprechen über Heimat – und das quer durch alle politischen Lager. ‚Heimat‘ erscheint dabei mit Blick auf die Globalisierung als identitätsstiftender Ort, wahlweise unter Ausschluss oder Einschluss des Fremden. Die Landesgeschichte ist in besonderem Maße gefordert, sich in diese gesellschaftspolitische Debatte einzumischen. Denn sie untersucht die Geschichte kleiner und mittlerer Räume, von Orten und Regionen, von ‚Heimaten‘, die seit Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden unterschiedlichen Formen der Globalisierung ausgesetzt sind. Sie sollte dementsprechend den aktuellen Prozess der Globalisierung und die Entstehung neuer Heimatvorstellungen durch historische Analysen begleiten und so allzu einfachen tagespolitischen Diskussionen kritisch entgegentreten.

Grundsätzlich darf Landesgeschichte natürlich, wie jede andere Wissenschaft, ihre Forschungen nicht ausschließlich an tagesaktuellen Themen und vermeintlicher gesellschaftspolitischer Relevanz ausrichten. Und dennoch scheint es mir lohnenswert darüber nachzudenken, welche Rolle die Landesgeschichte in der Gesellschaft spielt oder spielen sollte. Denn Forschung findet ja nicht in einem gesellschaftsfreien Raum statt, sondern ist immer ein Teil der Gesellschaft und des aktuellen Diskurses. Die Frage ist nur, ob sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Elfenbeinturm verkriechen und darauf warten, dass ihre Arbeit als gesellschaftlich relevant wahrgenommen wird, oder ob sie mit ihren Forschungen etwas offensiver in die Öffentlichkeit gehen wollen.

Globalisierung, Identität, Heimat, Migration, Gender und Diversity, europäische Integration, (Post-)Kolonialismus, Tier- und Naturschutz, Medienkultur, Digitalisierung, Strukturwandel, Klimakrise – diese und andere Schlagworte dominieren die aktuellen Diskurse und Diskussionen in der Öffentlichkeit. Die Landesgeschichte sollte sich meines Erachtens zu diesen Themen verhalten, und zwar nicht, indem sie sie lediglich in einem zeitgeschichtlichen oder gegenwartskulturellen Horizont erforscht. Vielmehr geht es um eine historische Tiefenschärfe, die selbstverständlich bis in das Mittelalter, die Frühe Neuzeit und das 19. Jahrhundert zurückzureichen hat. Um nicht missverstanden zu werden: Ich bin ein großer Befürworter von landesgeschichtlicher Grundlagenforschung, die sich etwa in Editionen, größeren Lexikon- und Handbuchprojekten, der systematischen Aufarbeitung unbekannter Quellenkorpora oder auch der gezielten Schließung bestehender Forschungslücken niederschlägt. Es muss der Landesgeschichte aber auch darum gehen, anschlussfähig zu bleiben, sowohl mit Blick auf die wissenschaftliche Community mit ihren regelmäßigen ‚turns‘ als auch mit Blick auf die Gesellschaft, die ihr Forschungsfreiheit ermöglicht, zugleich aber auch ein Interesse an der gerade genannten historischen Tiefenschärfe aktueller Diskussionen hat.

Damit kommt der Landesgeschichte, die sich ja immer schon als Vermittlerin zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit gesehen hat, eine neue gesellschaftspolitische Rolle zu. Und zwar nicht im Sinne der Rückkehr zu einer politisierten und nationale Identität stiftenden Landesgeschichte wie in der Zwischenkriegszeit. Vielmehr geht es um das Bemühen, aktuelle und drängende Fragen, Probleme, Hoffnungen und Ängste der Gegenwart aufzugreifen, in eine historische Perspektive zu bringen und ihre Komplexität aufzuzeigen. Angesichts der Herausforderungen unserer Zeit sollte sich die Landesgeschichte öffentlich positionieren. Genau darum geht es in meinem Vortrag!

Zum Vortrag von Andreas Rutz im Universitätsclub Bonn (Konviktstraße 9) lädt der Verein für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande am 5. Dezember 2019 um 19.30 Uhr. Anschließend findet ein Empfang statt.

 

Zitierweise:
Rutz, Andreas: Zwischen Globalisierungsdiskursen und Heimatrhetorik. Neue Herausforderungen für die Landesgeschichte im 21. Jahrhundert. Zum Festvortrag für Manfred Groten zum 70. Geburtstag, in: Rheinische Geschichte – wissenschaftlich bloggen, 27.11.2019, http://histrhen.landesgeschichte.eu/2019/11/landesgeschichte-im-21-jahrhundert/

Druckversion

Prof. Dr. Andreas Rutz

Prof. Dr. Andreas Rutz ist Inhaber des Lehrstuhls für Sächsische Landesgeschichte an der Technischen Universität Dresden. Studium in Bonn, Paris und New York, Promotion 2005 und Habilitation 2014 in Bonn, danach Lehrstuhlvertretungen in Münster, Bonn und Düsseldorf sowie eine Kurzzeitdozentur in Tokio/Japan. Forschungsschwerpunkte sind die vergleichende Landes- und Stadtgeschichte sowie die Geschichte der Frühen Neuzeit; aktuelles DFG-Projekt: „Weibliche Herrschaftspartizipation in der Frühen Neuzeit. Regentschaften im Heiligen Römischen Reich in westeuropäischer Perspektive“.
Prof. Dr. Andreas Rutz
Diesen Eintrag twittern.
Diesen Eintrag auf Facebook posten.
Prof. Dr. Andreas Rutz

Über Prof. Dr. Andreas Rutz

Prof. Dr. Andreas Rutz ist Inhaber des Lehrstuhls für Sächsische Landesgeschichte an der Technischen Universität Dresden. Studium in Bonn, Paris und New York, Promotion 2005 und Habilitation 2014 in Bonn, danach Lehrstuhlvertretungen in Münster, Bonn und Düsseldorf sowie eine Kurzzeitdozentur in Tokio/Japan. Forschungsschwerpunkte sind die vergleichende Landes- und Stadtgeschichte sowie die Geschichte der Frühen Neuzeit; aktuelles DFG-Projekt: „Weibliche Herrschaftspartizipation in der Frühen Neuzeit. Regentschaften im Heiligen Römischen Reich in westeuropäischer Perspektive“.

Beitrag kommentieren

Ihre E-Mail wird nicht öffentlich sichtbar sein. Erforderliche Felder sind markiert mit einem *

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.