„abentz und morgens mit eim langen swanz“ Die Darstellung von Kometen in den Aufzeichnungen Hermann Weinsbergs

Kometen sind ein Spektakel, für das es sich lohnt, fern von anthropogener Lichtverschmutzung auf einsamen Feldwegen zu stehen und nackenfeindlich auf einen kleinen weißen Streifen in der Nacht zu schauen. Kometen haben die Menschen schon immer bewegt und interessiert, auch Kölner im 16. Jahrhundert.

Das Wort Komet stammt aus dem Griechischen und bedeutet „Haarstern“, weil diese Himmelskörper bei ihrer Annäherung an die Sonne durch Ausgasungen einen Schweif bilden.[1] Sie werden daher auch Schweifsterne genannt. Die Erforschung von Kometen hat nicht nur die Astronomie als Wissenschaft mitgeprägt, sondern auch das menschliche Weltbild. Denn die Definition als eigenständige Himmelskörper und die Berechnung ihrer Entfernung zur Erde vor fünfhundert Jahren war wesentlich für das Verständnis unseres Sonnensystems. Obwohl sie in der christlichen Mythologie als Schweifstern von Betlehem durchaus positiv besetzt waren, galten sie im damaligen Europa als Vorboten oder Auslöser von negativen Naturereignissen und wurden mit schlechtem Wetter, Erdbeben und Vulkanausbrüchen in Verbindung gebracht.

Hermann Weinsberg berichtet in seinen Chroniken in unterschiedlicher Ausführlichkeit von mehreren Kometen. Zum ersten Mal erwähnt er einen „groissen cometen“, den man im Jahr 1532, „abentz und morgens mit eim langen swanz“ sehen konnte, „daruff hat das folk vil redens machten ein dem anderen den moit noch swarer.[2] Zu diesem Zeitpunkt reiste der vierzehnjährige Hermann zum dritten Mal nach Emmerich für den Schulunterricht, „mit swarmoit“, wie er später schrieb; der Abschied von seinen Eltern in Köln fiel ihm schwer und die Sichtung dieses Komenten,[3] einem potentiell schlechtem Omen, erleichterte ihm die Situation nicht.

Deutlich nüchterner präsentiert er eine Kometenbeobachtung im Jahr 1556. Dem Ereignis widmet er einen eigenen, wenn auch kurzen Eintrag: „Ein Cometa. Anno 1556 den 5 marcii ist ein groisser comeit eirst uber Dutz erscheinen, hat sich lange sehen laissen und zuletzt ins nortwest verloren.[4] Bei dieser Beschreibung handelt es sich also um eine Eigenbeobachtung: Die Positionsbestimmung erfolgt von Köln aus, er nennt den Tag, an dem der Komet zum ersten Mal von dort aus gesehen werden konnte und welchen Verlauf er am Nachthimmel nahm. Dabei dürfte es sich um den Kometen C/1556 D1 gehandelt haben, der aufgrund seiner außerordentlichen Helligkeit zu den „Großen Kometen“ gezählt wird.[5]

Von einem schrecklichen und wunderbarlichen Cometen so sich den Dienstag nach Martini dieses lauffenden M. D. LXXViJ. Jahrs am Himmel erzeiget hat. Holzschnitt von Jiri Daschitzsky, 1577 (Public Domain, Zentralbibliothek Zürich)

Deutlich ausführlicher und präziser ist seine dritte Darstellung eines weiteren Kometen aus dem Jahr 1577. Zu diesem Zeitpunkt schrieb er aktiv an seinen Büchern und die Einträge haben fast Tagebuchcharakter: „Vom cometen. A[nno]1577 den 11. nov. uff s. Mertins dag am abent umb 6 uren im jongen licht hat man einen cometen-sternen mit langem har oder swanz allereirst in der lucht [=Luft] gesehen im westen, den swanz ufferwarz ins sude-oist gestreckt; war etliche tag vurhin dunkel gewest, ob er do in der lucht gestanden, weis man nit; ist folgens alle abentz gesehen worden im westen undergande umb 9 oder 10 uren und steit noch; was er aber wirken oder beduden wirt, ist gott bekant. An 20 jaren hat man diss ortz keinen gesehen oder groisser dan dissen. Dissen abent sin Merg Luchelgin und Gotschalk, uns neu zimmerknecht, bei uns essen gwest.[6] Ein zweiter Eintrag nimmt Bezug auf dessen Verschwinden: „Cometa verblichen. [Anno 1577] umb den 28. dec. hat der cometa, uff s. Mertins tag eirst erscheinen, bestain zu verblichen, aber leist sich noch etwas sehen, aber vil dunkler dan zuvor. Got wil sinen zorn zu unser verdeinter straif gnedigst linderen und auch sinken laissen.[7] Diese Beschreibung ist in mehrfacher Hinsicht interessant: Zum einen vermerkte Weinsberg das genaue Datum seiner Erstbeobachtung und notierte sogar die Uhrzeiten, zu denen er den Kometen sehen konnte. Weinsberg vermutet, dass der Komet schon vorher am Himmel gewesen sei, doch ließen die damaligen Wetterverhältnisse eine frühere Sichtung in Köln nicht zu. Diese Einschätzung ist übrigens richtig: Der Komet C/1577 V1 wurde in Mittelamerika und Japan bis zu zehn Tage eher beobachtet.[8] Zum anderen weist Weinsberg in beiden Einträgen auf die negative Bedeutung des Haarsterns hin: Zunächst ist er unsicher, welche Bedeutung dieses Himmelszeichen haben kann, die Gottesanrufung im letzten Satz der zweiten Beschreibung wirkt geradezu angstvoll beschwörend.

Nur drei Jahre später erlebte er einen weiteren Kometen, von dem er folgendermaßen berichtet: Vom cometen. Anno 1580 den 15. oct. umb diss trint hat sich ein neu cometa sehen laissen, doch mit eim scheir uffrichtigen, kleinen, bleichen swanzs, ginge abentz uis dem oistsiden bis ins westnort und leist sich noch als sehen, dan es dissen gansen herbst druge ohn regen gewest ist. Der cometa im jar 1577 vig. Martini leis sich vil groisser und heller mit sinem swanz sehen.[9] Weinsberg, zu diesem Zeitpunkt 62 Jahre alt, beschreibt vergleichsweise nüchtern das Aussehen des Kometen und wo er ihn am Himmel gesehen hat. Diese Angaben stimmen mit dem Kometen C/1580 T1 überein.[10] Er bringt dessen Erscheinung explizit mit einer zeitgleichen, längeren Trockenperiode in Verbindung.

Die Komentenbeschreibungen Weinbergs haben mehrere Gemeinsamkeiten: Einerseits die negative Wertung des Phänomens: Der Komet ist immer ein Vorbote oder Überbringer unglücklicher Ereignisse. Andererseits beschreibt Weinsberg zunehmend detailliert, wann er die Kometen beobachten konnte und welche Form sie hatten. Bemerkenswert ist, dass Weinsberg die Größe und die Helligkeit der Kometen, die er sah, mit dem jeweils vorangegangenen vergleicht. Das hing auch mit seinen Schreibphasen zusammen, demonstriert aber zugleich ein großes Problem der Kometenbeobachtung, nämlich die nachvollziehbare Beschreibung des Phänomens: Aufgrund der großen Abstände und kurzen Zeiträume, in denen Kometen von der Erde aus wahrgenommen werden können, sind schriftliche und bildliche Überlieferungen für die Astronomen unverzichtbare Arbeitsgrundlagen. Die beschriebenen Gemeinsamkeiten sind typisch für das 16. Jahrhundert: Der Aberglaube, die zunehmende Schriftlichkeit und das Bedürfnis nach detaillierter, wahrheitsgemäßer Darstellung finden sich in der Komentendarstellung Weinsbergs vereint.

Dieselben Kometen, die Hermann Weinsberg beobachtete, dienten den damaligen Astronomen in einer bis dahin unbekannten Intensität als Studienobjekte.[11] Diese Vorarbeiten des 16. Jahrhunderts ermöglichten es – etliche Forschergenerationen später – die Kometen als Himmelskörper und ihren Weg um die Sonne zu verstehen und im wahrsten Sinne des Wortes durch die zunehmende Berechenbarkeit die Vorbehalte und Ängste ihnen gegenüber abzubauen, die noch bis ins 20. Jahrhundert wirkten.[12]

 

 


[1] Ab einer Entfernung von der Sonne von etwa zwei Astronomischen Einheiten. Das entspricht der doppelten durchschnittlichen Distanz zwischen Erde und Sonne, in etwa 299.195.700 Kilometern.

[2] Die Zitate dieses Beitrags sind entnommen aus: Das Buch Weinsberg. Kölner Denkwürdigkeiten aus dem 16. Jahrhundert, Bd. I und II, bearb. von Konstantin Höhlbaum, Leipzig 1886/87, Bd. III bearb. von Friedrich Lau, Bonn 1897. (Nachdruck der Ausgaben: Düsseldorf 2000). (Weinsberg I-III). An dieser Stelle: Weinsberg I, S. 81f.

[3] Weinsberg I, S. 81; Dabei wird es sich sehr wahrscheinlich um den Kometen C/1532 R1 gehandelt haben.

[4] Weinsberg II, S. 82.

[5] Ausführlich mit genauen Positionsangaben beschrieben vom Astronomen Joachim Heller aus Nürnberg. Heller hatte den Kometen bereits am 27. Februar entdeckt und konnte ihn bis zum 22. April beobachten. Abdruck bei C. L. v. Littrow: Drei Quellen über den Kometen von 1556, Wien 1856.

[6] Weinsberg II, S. 360f.

[7] Weinsberg II, S. 367.

[8] Dieser Komet ist kurz und gut beschrieben auf Wikipedia: Großer Komet von 1577. Beschrieben wurde er auch auf deutsch: Valentin Steinmetz: Von dem Cometen welcher im Nouember des 1577. Jars erſtlich erſchinen/vnd noch am Himmel zuſehen iſt/wie er von Abend vnd Mittag/gegen Morgen vnd Mitternacht zu/ſeinen fortgang gehabt/obſeruirt und beſchriben in Leiptzig. Augsburg/Magdeburg/Leipzig 1577. Zur Onlineresource [beide abgerufen am 15.4.2018].

[9] Weinsberg III, S. 74.

[10] In Nürnberg war er auch beobachtet und gemalt worden [abgerufen am 15.4.2018]. Eine genaue Auseinandersetzung mit der Beschreibung des Kometen liefert: Johannes Kepler: Über den Neuen Stern im Fuß des Schlangenträgers, Prag 1606. (Nachdruck: Würzburg 2006), S. 229f.

[11] Besonders der Komet von Jahreswechsel 1577/78 (C/1577 V1) spielte in der Geschichte der Kometenforschung eine bedeutende Rolle, da für ihn zum ersten Mal schlüssig bewiesen wurde, dass er sich außerhalb der Erdatmosphäre befand.

[12] An dieser Stelle muss natürlich an die mediale Panikmache von 1910 hingewiesen werden. Der Große Januarkomet (C/1910 A1) und das Erscheinen des Halleyschen Komets (1P/Halley) wurde zum Zeichen für das bevorstehende Weltende erklärt und versetzte viele Menschen in Angst. Zur langen Geschichte der Vorbehalte gegen Kometen sei auf den Artikel „Kometenfurcht“ auf Wikipedia verwiesen.

 

 

Zitierweise:
Hermel, Jochen: „abentz und morgens mit eim langen swanz“. Die Darstellung von Kometen in den Aufzeichnungen Hermann Weinsbergs, in: Rheinische Geschichte – wissenschaftlich bloggen, 18.04.2018, http://histrhen.landesgeschichte.eu/2018/04/kometen-weinsberg/

Jochen Hermel

Jochen Hermel

Studierte in Bonn Mittelalterliche und Neuere Geschichte, Historische Geographie und Geschichtliche Landeskunde der Rheinlande
∙ Arbeitete in verschiedenen Projekten an der Universität Bonn und am Historischen Archiv der Stadt Köln
∙ Promoviert über die Heimlichen Evangelischen Gemeinden in Köln in der Frühen Neuzeit.
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Über Jochen Hermel

Studierte in Bonn Mittelalterliche und Neuere Geschichte, Historische Geographie und Geschichtliche Landeskunde der Rheinlande ∙ Arbeitete in verschiedenen Projekten an der Universität Bonn und am Historischen Archiv der Stadt Köln ∙ Promoviert über die Heimlichen Evangelischen Gemeinden in Köln in der Frühen Neuzeit.

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