Christen und Muslime in Mittelalter und Frühneuzeit Die Abstracts zur Tagung!

Sevilla, Minarett der Hauptmoschee, 12. Jh., heute Turm der Kathedrale. Bildquelle: Ingo Mehling, Sevilla Cathedral – Giralda, https://de.wikipedia.org/ wiki/Giralda#/media/File:Sevilla_Cathedral_-_Giralda.jpg [29.10.2016]

Zu zahlreichen Referaten der bevorstehenden Bonner Tagung “Christen und Muslime in Mittelalter und Frühneuzeit. Ein Schlüsselthema des Geschichtsunterrichts im interdisziplinären Fokus” (16.–17.11.2017, Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Willy-Brandt-Allee 14, 53113 Bonn) liegen bereits jetzt Abstracts vor, die einen sehr guten Vorabeindruck von den Zielsetzungen und Inhalten der Veranstaltung ermöglichen. Gemeinsam mit weiteren Materialien werden sie den Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmern als Reader auf der Tagung zur Verfügung gestellt. Wer sich jedoch schon im Vorfeld informieren möchte, hat schon hier eine Zugriffsmöglichkeit auf die Zusammenfassungen.

 

 

Sektion I: Religion als Gegenstand historischen Lernens

 

Dr. Peter Arnold Heuser (Bonn): Religion und Konfession als Dimensionen einer historischen Friedens- und Konfliktforschung

Die Friedens- und Konfliktforschung arbeitet überwiegend gegenwartsbezogen. Das gilt auch für das Studium der Konflikt-, Gewalt- und Friedenspotenziale der Weltreligionen sowie der Konfessionen, Strömungen und Synkretismen, welche sie in ihrer Geschichte ausgebildet haben. Das Referat orientiert über Thesen, Theorien und Projekte zu den Gewalt- und Friedenspotenzialen der Weltreligionen und lotet anhand weniger Beispiele aus, inwiefern ein historischer Blick auf Religion und Konfession, in dessen Fokus das okzidentale Mittelalter und die europäische Frühneuzeit steht, die Friedens- und Konfliktforschung bereichern kann.

 

Prof. Dr. Peter Geiss (Bonn): Das Thema Religion im Geschichtsunterricht: fachspezifische Fragen und Zugänge 

Es liegt auf der Hand, dass Religion im Geschichtsunterricht immer nur analytisch als historischer Faktor, niemals jedoch in einer bekenntnisgebundenen Perspektive thematisiert werden kann. Die strikte Neutralität des Faches Geschichte in Glaubensfragen schließt es jedoch nicht aus, dass religiöse Prägungen von Schülerinnen und Schülern und die mit ihnen verbundenen Wissens- und Verstehenspotenziale (z.B. Kenntnis der Bibel oder des Korans) für das historische Lernen nutzbar gemacht werden. Religionsbezogenes Wissen ist Teil allgemeiner kultur-geschichtlicher Bildung und damit immer schon ein Gegenstandsfeld des Geschichtsunterrichts. Als historischer Faktor ist Religion ambivalent. Sie kann sozialen Zusammenhalt und das selbstlose Eintreten für Hilflose genauso motivieren wie Unterdrückung und Grausamkeit.[1] Für den Geschichtsunterricht bietet die von dem Mediävisten Philippe Buc für das Christentum und seine säkularen Erben geprägte Konzept der “eschatologischen Gewalt” einen hohen Erkenntniswert, solange die vielfältigen gesellschaftlichen und politischen Funktionen von Religion nicht auf diesen Aspekt reduziert werden.[2]

 

Sektion II: Kulturbegegnung und Kultutransfer im Mittelalter

 

Dr. Mohammad Gharaibeh (Bonn): Zur gegenseitigen Durchdringung von Religion und Herrschaft vom frühen Kalifat bis zum Sultanat der Mamluken

Religion und Staat seien im Islam nicht voneinander zu trennen, Islam sei sogar Staat(sordnung) und Religion, lauten gängige Aussagen über den Islam. In der Gegenwart nehmen viele Islamisten und Kritiker des Islam diese Aussagen für bare Münze nehmen, und selbst in der Forschung sind sie zumal noch gern zitierte Meinungen. Jedoch zeigt der Blick in die vormoderne Geschichte islamisch geprägter Gesellschaften ein differenzierteres Bild. Die Frage, inwieweit die Religion von Herrschaft zu trennen sei, ist eine komplexe und lässt sich mit einem einfachen “Ja” oder “Nein” nicht beantworten. Zum einen hat es zahlreiche Herrschaftsformen gegeben, die zwar unter den Titeln “Kalif” und “Sultan” eine Kohärenz implizieren, sich jedoch voneinander stark unterschieden. Zum anderen hat sich keine religiöse Institution wie die christliche Kirche im Islam gebildet, die ein allgemeingültiges Lehramt behauptete und damit als “verbindlicher” Ansprechpartner hätte gelten können. Noch hat es eine historische Figur gegeben, die sowohl politische als auch theologische Autorität in sich vereinte. Dennoch ist eine gewisse Durchdringung von Religion und Herrschaft zu erkennen. Sie entspringt daraus, dass sich Herrscher oft religiöser Legitimationsstrategien bedienten, und dass sie durch Patronageverhältnisse, den Bau von Lehrinstitutionen und die Förderung bestimmter religiöser Strömungen indirekt die Wissensweitergabe und Produktion unter Religionsgelehrten beeinflussten.

 

PD Dr. Alheydis Plassmann (Bonn): Gewalteskalation im Kontext des ersten Kreuzzugs

Die Quellen zum ersten Kreuzzug sprechen von außergewöhnlichen Gewalttaten bei der Eroberung Jerusalems im Jahr 1099 und scheinen damit die Überlegung zu unterstützen, dass es in Kriegen, bei denen es einen Religionsunterschied gab, eher zur Eskalation von Gewalt und einer Missachtung von Gepflogenheiten im Krieg kam. Daher soll im Vortrag untersucht werden, a) unter welchen Bedingungen es im zeitlichen Kontext des ersten Kreuzzuges auch andernorts zur Eskalation von Gewalt kam, b) inwieweit wir bei anderen Auseinandersetzungen, bei denen Religion eine Rolle spielte, Gewalt beobachten können, und c) soll abschließend geklärt werden, in welchen Kontexten außergewöhnliche Gewalt überhaupt thematisiert wird. Die Schilderungen zum ersten Kreuzzug sollen also sowohl, was Gewalt im Krieg angeht, als auch in Bezug auf die Instrumentalisierung der Schilderung von Gewalt in den Horizont der Zeit eingeordnet werden.

 

Katharina Gahbler, M.A. (Bonn): Feindbilder verstehen – Präsenz und Funktion von sog. Sarazenen in mittelalterlichen Quellen

Im Bonner Projekt “Saraceni, Mauri, Agareni, … in lateinisch-christlichen Quellen des 7. bis 11. Jahrhunderts” wurden lateinisch-christliche Quellen des 7. bis 11. Jahrhunderts mit Blick auf ihre Nachrichten über die genannten Personengruppen, die unter dem Synonym ‚Sarazenen‘ subsumiert werden können, untersucht und in einer Quellensammlung zusammengeführt. Die Ergebnisse zeigen einen deutlichen Schwerpunkt der Berichte im Mittelmeerraum. Somit kann dieser Raum als Raum der Begegnung und Interaktion zwischen der christlichen Bevölkerung und den muslimischen Sarazenen verstanden werden. Ein wichtiger Ort hierfür stellte die Stadt Córdoba dar, die seit dem 8. Jahrhundert der Sitz der umayyadischen Herrscher in Andalusien war. Abd ar-Rahman III. (912 – 961) ließ sich dort Anfang des 10. Jahrhunderts zum Kalifen ausrufen. Gerade aus dieser Zeit sind uns zwei Begegnung zwischen Christen und Muslimen überliefert, die neben weiteren Projektergebnissen im Mittelpunkt des Vortrags stehen werden: Zum einen die Verserzählung ‚Pelagius‘ der sächsischen Kanonisse Hrotsvit von Gandersheim (ca. 935 – 973) und zum zweiten die Vita des Johannes von Gorze († 974), die von dem Abt Johannes von St. Arnulf († ca. 984) im lothringischen Metz verfasst wurde. Während Hrotsvit vom Leiden und Tod des jungen Mannes Pelagius berichtet, der 925 seinen Märtyrertod als Geisel des Kalifen Abd ar-Rahman III. fand, ist in der Lebensbeschreibung des Gorzer Mönches ein Bericht über seine Gesandtschaft an den Hof des selbigen Kalifen enthalten. Der ostfränkische König Otto I. hatte Johannes in den 950er Jahren auf diese Reise geschickt, um beim Kalifen u.a. ein Vorgehen gegen eine Niederlassung andalusischer Sarazenen im Süden Frankreichs zu erwirken. In beiden Texten nun wird der Córdobeser Herrscher als Sarazene beschrieben und zum ungläubigen Antagonisten und Feindbild der Erzählung stilisiert, an dem sich die gläubigen Protagonisten beweisen müssen. Diese Bilder und ihre Funktionen in den mittelalterlichen Texten zu analysieren und zu erklären, ist die Absicht des Vortrags.

 

Prof. Dr. Daniel König (Heidelberg): Missverstandene Convivencia Regulierung und Dynamiken des Zusammenlebens von Juden, Christen und Muslimen auf der Iberischen Halbinsel (8.-17. Jh.)

Das Konzept Convivencia (Span. “Zusammenleben”) wurde ursprünglich in einer innerspanischen Debatte um den Einfluss der islamischen Präsenz auf den spanischen Nationalcharakter geprägt, die Mitte des 20. Jahrhunderts zwischen den Historikern Américo Castro und Claudio Sánchez Albórnoz geführt wurde. Etwa seit den 1990ern wird dieses Konzept in Europa und Nordamerika häufig verwendet, um das Zusammenleben von Juden, Christen und Muslimen auf der Iberischen Halbinsel unter muslimischer Herrschaft zu beschreiben. Dabei wurde dieses Zusammenleben teilweise idealisiert als “Culture of Tolerance” (Menocal 2006) dargestellt, in Gegenreaktion daher als “Mythos” multikultureller Idealisten gebrandmarkt (z. B. Cailleaux 2013). Beide Positionen formulieren eine Erwartungshaltung an mittelalterliche Gesellschaften, die deren Funktionieren nicht gerecht wird. Von einer Form des Monotheismus geprägte mittelalterliche Gesellschaften kannten weder Religionsfreiheit noch ein gleichberechtigtes Miteinander verschiedener religiöser Gruppen, waren aber durchaus religiös heterogen und fanden daher Formen des hierarchisierten Zusammenlebens. In der Geschichte der Iberischen Halbinsel zwischen dem 7. und 16. Jahrhundert stehen sich dabei Perioden der hierarchisierten Multireligiosität und Perioden des religiösen Konformitätsdruckes gegenüber. Convivencia—d.h. also fruchtbare Interaktion, aber auch (teilweise gewalttätige) Konfrontation implizierendes “Zusammenleben”—fand allerdings im gesamten Zeitraum auf verschiedenen sozialen Ebenen statt, sowohl unter muslimischer als auch unter christlicher Herrschaft. Dieses multireligiöse Zusammenleben wurde erst beendet, als unter der kastilisch-aragonesischen Doppelkrone mit der Zwangskonversion oder Ausweisung der Juden (1492), der kastilischen Muslime (1502), der aragonesischen Muslime (1525) und schließlich der (getauften, aber am Islam festhaltenden) Moriscos (1609) die Vorstellung durchgesetzt wurde, eine Gesellschaft habe religiös konform zu sein. Vor diesem Hintergrund, so die Argumentation des Vortrages, steht convivencia nicht für naives Multikulti, sondern für die prinzipielle Bereitschaft eines Herrschafts- und Gesellschaftssystems, religiösen Pluralismus an sich zuzulassen.

 

Sektion III: Kulturbegegnung und Kultutransfer in der Frühen Neuzeit

 

Dipl.-Übers. Caspar Hillebrand (Bonn): Osmanische Reisetexte über den Westen (15. Jahrhundert – 1921)

Der Vortrag gibt zunächst einen Überblick über die historische Entwicklung osmanischer Reisetexte über Europa als Gattung. Diese lässt sich anhand der äußeren Merkmale Häufigkeit und Entstehungskontext (z.B. diplomatische Texte, Gefangenschaftsberichte, touristische Texte etc.) grob in drei Phasen einteilen: eine Frühphase (bis ca. 1700), eine “Phase der Institutionalisierung” als Gattung (ca. 1700 bis ca. 1840) und eine “Phase der Diversifizierung” (ab ca. 1840). Im zweiten Teil des Vortrags wird exemplarisch das Yolculuk Kitabı (‚Reisebuch‘) des Arztes, Bildungspolitikers und Historikers Hayrullah Efendi von 1863/64 vorgestellt. Der Autor versucht darin seine Leser für das Reisen nach Europa zu begeistern, das für ihn einen Schlüssel zum Fortschritt seines Landes darstellt. Anhand einiger Textpassagen wird dabei besonders die in dem Werk zum Ausdruck kommende mehrschichtige Haltung zum Thema Religion beleuchtet und historisch eingeordnet.

 

Dr. Dorothée Goetze (Bonn): De la Motrayes Reisen in die Morgenländer – Der Reisebericht des Aubry de la Motraye über das Osmanische Reich (1723/1783)

Aubrey de la Motraye (ca. 1674-1743) bereiste zwischen 1696 und 1720 sowie 1726/27 große Teile Europas, Asiens und Nordafrikas. Diese Reisen hat er in einem insgesamt dreibändigen Reisebericht dokumentiert, der in zwei Publikationen erschienen ist: 1723 erschienen unter dem Titel Travels through Europe, Asia and into part of Africa… die ersten beiden Bände des Werkes in englischer Sprache. 1727 wurde in Den Haag eine französische Ausgabe auf den Markt gebracht. 1732 wurde der dritte Band des Reiseberichts veröffentlich, zunächst auf Französisch, im gleichen Jahr in englischer Übersetzung. 1783 erschien eine deutsche Auszugsübersetzung unter dem Titel Reisen des Herrn de la Mottraye in die Morgenländer, die vor allem seine Zeit im Osmanischen Reich in den Blick nimmt. Aubrey de la Motraye selbst hat sich mehrfach im Osmanischen Reich aufgehalten. 1696 bereiste er die Levante und Nordafrika. 1697 brach er nach Konstantinopel auf. Insgesamt hielt er sich während dieser zweiten Reise mehr als 15 Jahre im Osmanischen Reich auf. Seine Beobachtungen zu Land und Leuten, auch zum Zusammenleben von Europäern und Osmanen schildert er in seinem Reisebericht.

 

PD Dr. Arne Karsten (Wuppertal): Das Bild des Anderen. Zur Ikonographie der Osmanen in der christlichen Welt

Über die Jahrhunderte hinweg ist der Aufstieg des Osmanischen Reiches aus bescheidenen Anfängen zur beherrschenden Großmacht im östlichen Mittelmeerraum im christlichen Europa mit Staunen und Besorgnis beobachtet und kommentiert worden. Nicht zuletzt in Bildern unterschiedlichsten Typus’ fand die Auseinandersetzung, aber auch phasenweise Kooperation mit dem Glaubensfeind einen aufschlussreichen Niederschlag. Der Vortrag untersucht anhand von Bildquellen der Frühen Neuzeit die Wahrnehmung des “Fremden” und sucht dabei Spezifika der osmanischen Herrschaftsorganisation aus christlicher Perspektive zu rekonstruieren.

 


[1] Zu dieser Ambivalenz: Frank-Michael Kuhlemann: Ohne Religionsgeschichte wird es nicht gehen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.12.2015, S. 7.

[2] Philippe Buc: Heiliger Krieg, Gewalt im Namen des Christentums. Aus dem Amerikanischen von Michael Haupt, Darmstadt 2015.

 

 

Zitierweise
Rohrschneider, Michael: Christen und Muslime in Mittelalter und Frühneuzeit. Die Abstracts zur Tagung!, in: Rheinische Geschichte – wissenschaftlich bloggen, 13.11.2017, http://histrhen.landesgeschichte.eu/2017/11/christen-und-muslime-abstracts/

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