Am Hofgarten 22

Nachdem die Stadt Bonn und der Bonner Bürgerverein 1968 das Grundstück mit den Häusern Poppelsdorfer Allee von Nr. 21 bis Nr. 25/25a an den Versicherungskonzern Deutscher Herold verkauft hatten, musste ein neuer Standort für das Institut für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande (IgL) gefunden werden.[1]Zur Auswahl standen zunächst das “Soennecken-Gebäude” in Poppelsdorf, ein Bürogebäude an der Triererstraße 78 sowie ein Neubauobjekt Ecke Dechenstraße/Quantiussstraße. Da der Auszug aus dem Gebäude an der Poppelsdorfer Allee möglichst schnell im Jahr 1968 stattfinden sollte, war es kaum möglich, rechtzeitig ein passendes bezugsfreies Gebäude mit genügend Freifläche finden. Die Entscheidung fiel auf das sogenannten “Haus Goetze”, Ecke Adenauerallee / Am Hofgarten in direkter Nachbarschaft zum Akademischen Kunstmuseum. Mit mehr als 1200 m² Nutzfläche passte das Haus für die Anmietung durch das Institut für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande.

Das Institutsgebäude 1975, Foto: Ernst Linderoth, 04.10.1975, Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn

Zwar war das neue Haus günstig gelegen, hatte aber Nachteile durch die kleinen ehemaligen Büroräume. Das Gebäude mit der offiziellen Adresse „Am Hofgarten 22″ war zwischen 1953 und 1955 erbaut worden. Ursprünglich hatte der Bauherr Heinrich A. Goetze geplant, ein Bürogebäude mit Einkaufsladen im Erdgeschoss zu errichten. Nach der Fertigstellung wurde das Gebäude vom Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen (BMG) angemietet.[2] Nach rund zehn Jahren der Nutzung zog das BMG an die „Diplomatenrennbahn“ zwischen Bundeskanzlerplatz und Bad Godesberg und arbeitete fortan in angemieteten Räumlichkeiten in den Allianzbauten am Tulpenfeld. Für das Institut für Geschichtliche Landeskunde der Rheinlande sollte das Haus an der Straßenecke Adenauerallee/Am Hofgarten eigentlich nur eine vorübergehende Lösung sein, denn es standen Planungen für einen Neubau in Aussicht. Doch ähnlich wie Bonn damals zur Bundeshauptstadt wurde, wurde „das ursprüngliche Provisorium zur Realität“.[3] Nichtsdestotrotz spielte diese Wahl des Gebäudes für das Instituts für Geschichtswissenschaft eine wichtige Rolle. Denn die Lage auf der Adenauerallee stellte sich für das IgL als hervorragend heraus, wegen der unmittelbaren Nähe zum Stadtzentrum, zum Universitätshauptgebäude, zur Mensa und nicht zu vergessen zur Universitäts- und Landesbibliothek.

Das Gebäude des IgL, heute Sitz der Abteilung für die Geschichte der Frühen Neuzeit und Rheinische Landesgeschichte. (Foto: J. Bechtold)

Die Architekten Ernst Quintscher (Hochbauingenieur) und Regierungsbaurat a. D. Brettschneider de Quinckere zeichneten für den Entwurf verantwortlich. Der Bau erhebt sich über einen L-förmigen Grundriss, ist zur Adenauerallee vier- und zum Hofgarten dreigeschossig ausgebildet und schließt mit einem Walmdach mit Schleppgauben ab. Die Terrassierung ist klug gewählt und nimmt Rücksicht auf die niedrigen Wohnhäuser am Hofgarten, wohingegen an der Adenauerallee vier- oder fünfgeschossige Bauten üblich sind. Errichtet wurde das Gebäude als Stahlbetonskelettkonstruktion mit verputzter Fassade. Keller- und das Erdgeschoss werden als Sockelgeschoss zusammengefasst, da sich die beiden Stockwerke durch die farbliche Fassung wie auch ein umlaufendes Gesims von den Obergeschossen absetzen. Die hohe Sockelzone ist ein Element, das für Bauten des Historismus im 19. Jahrhundert charakteristisch ist, und vermittelt insgesamt den Eindruck von einer geschlossenen und tragenden Substanz. Die Fassade der oberen Geschosse ist mit geriffeltem Putz und einem Raster aus hervortretenden Sichtbetonteilen versehen. Dadurch wird die Fassade vertikal gleichmäßig gegliedert und in den Feldern zwischen den Sichtbetonteilen sind die hochrechteckigen Fenster eingelassen. Der Haupteingang am Hofgarten ist leicht erhöht, acht Treppenstufen führen in das Treppenhaus hinein. In dem mit gelben Kunststeinplatten gefliesten Treppenhaus wird der Publikumsverkehr über die zweiläufige U-förmige Treppe verteilt. Der Wahrzeichen aus der Erbauungszeit der 1950er Jahre befindet sich im Treppenhaus – ein rechteckiges Fenster mit einer Verglasung aus farbigen Rechtecken. Die Büroräume und zugleich auch die Bibliotheksräume sind zurückhaltend und zweckmäßig gestaltet und die Wände wahlweise weiß oder gelb gestrichen. Die hölzernen Türen in der Bibliothek sind teilverglast. Nach einer Sanierung im Jahr 2008 sind einzelne Bürotrakte durch neu angebrachte Feuerschutztüren aus Glas mit Kunststoffrahmen getrennt. Außerdem wurden ursprünglich hölzerne Fenster im Dachgeschoss durch Kunststofffenster ersetzt. Das Geschäftsgebäude der Abteilung für Geschichte der Frühen Neuzeit und Rheinische Landesgeschichte ist insgesamt ein sachlicher Baukörper, in dem sich vergangene und zeitgenössische architektonische Ideen vereinen. Insgesamt gehört der Bau zu einer Reihe von Gebäuden der Nachkriegsmoderne, die entlang der B 9 bis heute das Stadtbild prägen.

 

Dieser Beitrag ist Teil der Reihe Die Gründung des Instituts für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande 1920. Lesen Sie auch:

 


[1] Die Gebäude des ehemaligen Instituts für Geschichtliche Landeskunde der Rheinlande sind Teil der Dissertation „Bauten der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn 1818-2018“ von Nataliya Demir-Karbouskaya. Das zweibändige Werk erscheint im September 2020.

[2] Nach der Gründung des Ministeriums im Jahr 1949 sah das Regierungsressort es als seine Aufgabe an, „die eigene Bevölkerung gegen die kommunistische Infiltration zu immunisieren“. Außerdem war das BMG beauftragt, auf die Wiederherstellung der Einheit Deutschlands hinzuarbeiten und in der Bevölkerung die gesamtstaatliche Idee am Leben zu erhalten. 

[3] Wirsching, Andreas: Wege der Demokratie, in: Matthias Hannemann/ Dietmar Preißler (Hg.), Bonn – Orte der Demokratie, Berlin 2014, S. 11.

 

Zitierweise:
Bennewitz, Daniela/Demir-Karbouskaya, Nataliya: “Am Hofgarten 22. Der zweite Standort des Instituts für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande”, in: Rheinische Geschichte – wissenschaftlich bloggen, 15.10.2020, http://histrhen.landesgeschichte.eu/2020/10/igl1920hofgarten/