Kaufen, tauschen, verkaufen
Die finanziell unabhängige Frau ist vielleicht eine Errungenschaft des 20. Jahrhunderts, die finanziell kompetente Frau ist es nicht. Einer verheirateten Frau im 18. Jahrhundert fiel es für gewöhnlich zu, die Ausgaben des eigenen Haushalts zu verwalten – vorausgesetzt natürlich, es gab überhaupt etwas zu verwalten. Bei Henriette von Thimus war das Geld zumindest vorhanden und das nicht zu knapp. Als Freiherrin in Aachen, die viele Jahre ihres Lebens zu Zeiten des Wirtschaftsbooms unter der französischen Besatzung verbrachte, konnte sie es sich leisten, mehrmals im Monat zu Maskenbällen und Teepartys zu gehen und sich Stoffe aus dem Ausland liefern zu lassen. Doch auch von Thimus wusste bereits, dass man nur das Geld ausgeben kann, das man auch besitzt und behielt daher ihre Ausgaben mit Argusaugen im Blick. In ihrem Buch findet daher das Schwarzbrot für 42 Aachener Mark genauso Erwähnung wie der Moulton à 3 Reichstaler und 24 Mark, den sie für eine Weste für ihren Ehemann Philipp benötigte, oder der Schmetterlingskasten für ihren Sohn Albert für 1 Reichstaler und 18 Mark. Dass sie nicht nur die eigenen Finanzen im Blick behielt, sondern auch die von Mann und Kind, war zu der Zeit nicht ungewöhnlich.
Das Ausgabenbuch der Henriette von Thimus[1] ist Teil des Rara-Bestands der Bibliothek zur Rheinischen Landeskunde der Universität Bonn und eine von vier Quellen, die im Rahmen des interdisziplinären Projekts „Lern- und archivalienzentriertes Laboratorium für Landeskunde“ aufbereitet werden. Bei diesem „LarLaLand“ handelt es sich um eine Kooperation der Abteilung für Geschichte der Frühen Neuzeit und Rheinische Landesgeschichte und der Arbeitsstelle für Rheinische Sprachforschung.[2] Dabei werden die involvierten Quellen, die alle aus der Region stammen, für die universitäre Lehre aufbereitet.
Das Ausgabenbuch
Auf den ersten Blick handelt es sich bei diesem vierten und letzten Band der Ausgabenbücher der Henriette von Thimus um einen prototypischen Vertreter der Gattung privater Haushaltsbücher. Im Zeitraum von Januar 1805 bis Januar 1822 führte sie penibel Buch über ihre Ausgaben. Die Einträge sind nach Monaten gegliedert, der genaue Tag ist ebenfalls genannt. Rechtsseitig werden die Kosten tabellarisch gegliedert und nach Reichstalern, Aachener Mark und Bauschen aufgeführt, die sich am Monatsende zu einer Gesamtabrechnung addieren. Schon dieser Hauptteil des Buches ist eine Fundgrube reich an Erkenntnissen zu Aachen zu einer wechselvollen Phase, den dortigen wirtschaftlichen Entwicklungen, dem Alltagsleben und den Handlungsspielräumen adeliger Frauen.
Betrachtet man das Ausgabenbuch aber wortwörtlich aus einem anderen Blickwinkel, stellt es sich als kleines Kuriosum heraus. Dreht man das Buch einmal um 180° um die eigene Achse und schlägt es sozusagen von hinten auf, stößt man auf einen „Sonderteil“, der es in sich hat. Hier findet sich ein Sammelsurium von u.a. Monatsrechnungen, Krediten, Fixkosten und Ausgaben, die Henriette von Thimus als „Note des Dépenses faites pour l’affaire de Plettemberg“ betitelt. Zusammengenommen bilden beide Teile eine Quelle, die sowohl eine Auseinandersetzung mit Aachen zur Franzosenzeit ermöglicht als auch höchstspezifische Einblicke in das Leben einer Einzelperson und ihrer Familie erlaubt.
Henriette von Thimus – ein unscheinbarer Knotenpunkt in einem großen Beziehungsnetzwerk
Als Spross der Schöffenfamilie Brewer, genannt von Fürth, und durch ihre Ehe mit Philipp von Thimus-Ziverich war Henriette von Thimus in ganz Aachen gut vernetzt. Das wird im Ausgabenbuch nicht nur anhand der vielen Bälle und Teepartys deutlich, an denen sie teilnahm, sondern auch durch die hohe Anzahl von Einträgen, in denen Geld verliehen oder geschuldet wird. Verbindungen familiärer Art führten dabei oft auch zu Verpflichtungen monetärer Natur. „An Antoinette von Pelser wogegen einen Wechsel erhalten habe“[3] schrieb sie an einer Stelle neben eine Summe von 500 Rt., ein paar Monate später gab sie wiederum „Tante Pelser“[4] eine entliehene Summe von 100 Rt. zurück. Auch die Witwe ihres verstorbenen Bruders Theodor erhielt für eine Weile regelmäßig Zuwendungen, Bruder Karl in Brüssel erreichten gelegentlich ein paar Taler und auch für ihren Schwager Kaspar von Strauch konnten problemlos 1000 Rt. erübrigt werden. Da wundert es nicht, dass bei der Jahresendabrechnung im Jahre 1810 Ausgaben von mehr als 5600 Rt. zu verzeichnen sind. Im Jahr davor waren es keine 1000. Das Geld wechselte aber auch außerhalb der Familie den Besitzer, in solchen Fällen fielen die Summen aber deutlich geringer aus.
Die von Fürths waren schon lange ein wichtiger Bestandteil der Aachener Oberschicht gewesen, hatten sie doch oft Schöffen- und Bürgermeisterämter bekleidet und im Kleinen wie Großen Rat gesessen und damit einen gewissen Einfluss auf politische Entscheidungen gehabt. 1773, ein Jahr nach Henriettes Geburt, wuchs ihr Ansehen noch einmal beträchtlich, als Großvater Franz und damit auch seine beiden Söhne in den Reichsfreiherrenstand erhoben wurden. Henriettes Vater Johann Kaspar wurde Truchsess am kurpfalz-bayerischen Hofe und wäre Vogtmajor[5] von Aachen geworden, wäre er nicht verstorben. Auch zur Tuchindustrie, dem wichtigsten Wirtschaftszweig Aachens, hatte die Familie Verbindungen. So war Henriettes Bruder Joseph Aloys Fabrikant in der Firma „Heusch und Fürth“[6].
Die Familie Thimus war lange in Limburg ansässig gewesen und hatte sich dort durch Handel ein beträchtliches Vermögen aufgebaut. Leopold von Thimus wurde 1733 in Aachen eingebürgert und begründete dort die Linie Thimus-Ziverich[7]. In Aachen fasste die Familie schnell Fuß und schon sein Sohn Heinrich Joseph, dessen jüngstes Kind Philipp später Henriette von Fürth heiraten sollte, bekleidete zwischen 1777 und 1783 immer wieder das Bürgerbürgermeisteramt[8] und wurde 1780 Freiherr.[9] 1786 setzten die ersten Unruhen im Rahmen der Aachener Mäkelei ein, die ihn als Mitglied der Alten Partei besonders betrafen. Im März dieses Jahres veröffentlichte die Neue Partei, die sich aus oppositionellen Bürgern zusammensetze eine Beschwerdeschrift mit 80 Punkten, in der sie der Alten Partei, die Aachen in den vorangegangenen Jahrzehnten regiert hatte, unter anderem Amtsmissbrauch und Vetternwirtschaft vorwarfen. Dieser Konflikt kulminierte schließlich im Sturm des Rathauses durch die Neue Partei und schwelte noch immer als die Franzosen Aachen sechs Jahre später einnahmen. Die Besatzungszeit bereitete der Familie weit weniger Probleme. Viele von ihnen entschieden sich für eine Karriere beim französischen Militär, dem sich auch zwei von Henriettes Brüdern verpflichtet hatten.
Vor dem Hintergrund dieser Familiengeschichten scheinen Henriette und Philipp von Thimus ein wenig unterzugehen. In der Forschung werden sie in der Regel nur am Rande erwähnt und stehen meist im Schatten ihres Sohnes Albert, der von 1849 bis 1862 Appelationsgerichtsrat in Köln war und 1870 Landtagsabgeordneter der Zentrumspartei für den Kreis Neuss-Grevenbroich wurde. Größere Bekanntheit erreichte er durch seine musiktheoretische Abhandlung zur harmonikalen Symbolik des Altertums.[10] Philipp schien nicht politisch aktiv gewesen zu sein, auch sonst ist kaum etwas über ihn bekannt. Ob er irgendeiner Tätigkeit nachging, bevor er sich 1832 in Geilenkirchen zur Ruhe setzte, bleibt im Dunkeln. 1800 ehelichte er die fünf Jahre ältere Henriette, die 1806 ihr einziges Kind zur Welt brachte.
Einer der wichtigsten Einschnitte in Henriettes Leben teilt auch das Ausgabenbuch in zwei Hälften. Im Mai 1814 erkrankte sie an einer Lähmung und konnte erst im April des Folgejahres den Stift wieder aufnehmen.[11] Visuell ist deutlich erkennbar, dass sich ihre Schrift krankheitsbedingt stark verändert hat. Auch das Gehen schien ihr schwer zu fallen, wie die häufigen Trinkgeldzahlungen an die Träger ihrer Portechaise zeigen. Die Lähmung hielt sie aber nicht davon ab, ihre Eintragungen akribisch fortzuführen. Am 24. Januar 1822 bezahlte sie 13 Reichstaler, 16 Mark und 5 Bauschen „an Contribution & Rechnungen“[12]. Das sollte ihr letzter Eintrag sein. Drei Wochen später verstarb sie.
Aachen in der Franzosenzeit
Henriettes Leben spielte sich vor dem Hintergrund großer historischer Umbrüche ab. Kaum erwachsen dürfte sie die Besatzung Aachens durch die französische Armee im Dezember 1792 miterlebt haben ebenso wie die drei Monate später folgende Rückeroberung durch die Österreicher. Am 23. September 1794 fiel Aachen dann endgültig an die Franzosen, woraufhin ein Großteil der wohlhabenden Stadtbewohner in die rechtsrheinischen Gebiete emigrierte.[13] Ob auch die Familie von Fürth zu diesen Emigranten gehörte, ist nicht ersichtlich. Im folgenden Jahrzehnt sollten sich die Verwaltungsstrukturen mehr und mehr dem französischen Vorbild anpassen, bis das Roer-Departement mit Aachen als Verwaltungssitz am 26. Mai 1801 als Folge des Friedens von Lunéville endgültig Teil der Französischen Republik wurde.[14]
Über all das kann dieser vierte Band des Ausgabenbuchs keine Auskunft geben. Als Henriette von Thimus im Januar 1805 den ersten Eintrag verfasste, hatte sich die Lage in Aachen längst beruhigt. Im September zuvor hatte Napoleon selbst der Kaiserstadt einen Besuch abgestattet, um sich in die Tradition Karls des Großen zu stellen, und war mit viel Wohlwollen empfangen worden.[15] Das Wohlstandsversprechen, das er bei seinem Besuch gab, sollte in den Folgejahren Realität werden. Die Abschaffung der Ständegesellschaft, Einführung der Gewerbefreiheit und die Vereinheitlichung des Verwaltungsraums und der Maße und Gewichte durch den Code Civil brachten der Stadt wirtschaftlichen Aufschwung.[16] Der starke Staatsprotektionismus der Franzosen und die Kontinentalsperre trugen dazu bei, dass insbesondere das Tuch- und Nadelgewerbe in Aachen florierten und die Bevölkerung durch den erhöhten Bedarf an Arbeitskräften wuchs.[17]
Auch bei Henriette von Thimus ist dieser Wohlstand zu bemerken. Sie ging regelmäßig in die „Komedie“, verlor Geld beim Spiel, ließ das Klavier stimmen und sich Perücken anfertigen, während Kleidung und Stoffe aus dem Ausland zu ihr unterwegs waren. Mit monatlichen Zahlungen an die Armen zeigte sie sich aber auch von ihrer wohltätigen Seite. Als ihr Sohn Albert geboren wurde, kamen auch Ausgaben für das Kind hinzu. Kurz nach ihrer Niederkunft erwarb sie ein Kaninchenfell für die Wiege und Schwämme, um das Kind zu waschen,[18] später wurde Albert mit Hosenträgern, Reitpeitschen und Jahrmarktsäbeln beschenkt.
1810 endete diese Blütezeit abrupt. Spekulationen in der Kolonialwirtschaft trieben auch in Aachen die Lebenshaltungskosten in die Höhe. Dazu kamen Missernten und eine Abwertung ausländischer Münzen, was dem Handelsverkehr mit den rechtsrheinischen Gebieten einen herben Schlag verpasste. Auch an Henriette ging diese Teuerungskrise nicht vorbei. Am 25. Mai 1810 kaufte sie einen „Strohhut bey Classen mit bleu de Roi band à 18 ½ livr.“ und kommentierte prompt „N:B: ist viel zu teuer müße nur 2 ½ Rthl kosten“.[19] Ansonsten veränderten sich ihre Ausgaben zu dieser Zeit nicht merklich. Sie ging weiterhin ins Theater oder Kurbad, während der Sohn mit Schlittschuhen und Steckenpferden bedacht wurde. Von einer finanziellen Notlage war bei Familie Thimus wenig zu spüren. Die Wirtschaftskrise war es nicht, die das Ende der französischen Herrschaft in Aachen einleiten sollte. Dafür waren Ereignisse an der militärischen Front verantwortlich.
Aachen in preußischer Zeit
Nach den Befreiungskriegen in den Jahren 1813/14 fand die französische Zeit in Aachen am 17. Januar 1814 ihr Ende. Auf dem Wiener Kongress 1814/1815 wurden die Grenzen am Rhein neu gezogen und ein Großteil des Rheinlandes fiel an Preußen: neben dem Großherzogtum Berg und dem Kurfürstentum Köln auch Henriettes Heimat Aachen, die ab 1822 zur neugegründeten preußischen “Rheinprovinz” gehörte.
Die Reaktion der rheinischen Bevölkerung auf die Preußen fiel jedoch alles andere als erfreut aus. Der Modernisierungsschub, den die „Franzosenzeit“ dem Rheinland gebracht hatte und die als überwiegend positiv empfundenen Erfahrungen mit der französischen Verwaltungs- und Rechtspraxis standen in einem harten Kontrast zu den alten festgefahrenen ständischen Strukturen der preußischen Ostprovinzen.[21] Die Errungenschaften aus der Franzosenzeit wie die Gleichheit vor dem Gesetz oder die Gewerbefreiheit waren die Rheinländer nicht bereit aufzugeben.[22] Ihre Orientierung und kulturelle Nähe zu Frankreich bescherte ihnen die Bezeichnung „Halb-Franzosen“ durch preußische Beamte und Offiziere.[23] Im Jahr 1818 entschied sich der preußische Staat, die französischen Reformen, die sogenannten rheinischen Institutionen, aufrechtzuerhalten, was den Integrationsprozess erheblich erleichterte.
Der Wechsel von der französischen zur preußischen Herrschaft zeigte sich auch in der Wirtschaft. Der noch durch den starken Staatsprotektionismus der Franzosen und die Kontinentalsperre erfahrene wirtschaftliche Aufschwung drehte sich, als eben diese Kontinentalsperre durch Preußen aufgehoben wurde. Die Aachener Fabrikanten mussten nun unter den Bedingungen der liberalen preußischen Zollgesetzgebung mit der überlegenen englischen Konkurrenz in Wettstreit treten.[24] 1817 kam es zu einer langanhaltenden Krise, die Hunger, Cholera und Teuerung umfasste.
Der Übergang von der französischen Zeit zur preußischen Zeit in Aachen deckt sich mit Henriettes Erkrankung. Daher könnte der veränderte Stil ihrer Eintragungen sowohl auf die politischen Veränderungen als auch auf die lange Schreibpause zurückzuführen sein. Auffallend ist, dass Henriette ab dem Jahr 1815 ihren Fokus bei ihren Eintragungen auf Lebensmittel legte, die zuvor keine Erwähnung fanden. Wo sie vorher von Teepartys, Bällen und Kurbädern geschrieben hatte, notierte sie nun Ausgaben für Butter, Bier und Brot.[25] Die Teuerungskrise im Jahr 1817 spiegelte sich in den stark gestiegenen Brotpreisen wider. Für ihr gern gekauftes Weißbrot gab sie im Januar 1817 einen ganzen Reichstaler aus, wofür sie im April 1816 noch 8 Aachener Mark bezahlte. Henriette schien sich aber dennoch nicht über mangelndes Geld beklagen zu müssen, betrachtet man ihren Kauf von gleich 6 Flaschen Eau de Cologne im Mai 1817.[26]
L’affaire de Plettenberg – teure Rechtsgeschäfte und familiäre Verantwortung im Systemübergang 1806
Besondere Aufmerksamkeit verdienen die „Note des Dépenses faites pour l’affaire de Plettemberg“[27],die im bereits erwähnten „Sonderteil“ des Ausgabenbuches zu finden sind. Sie erstrecken sich über fünf Seiten und stechen besonders heraus, da sie gänzlich auf Französisch verfasst wurden. Auch die Währung änderte sie in diesem Teil von Reichstaler und Mark zu Écus und Sol. Henriette von Thimus nutzte zwar auch im Hauptteil des Buches einige französische Entlehnungen, die zum einen auf ihre Bildung als Adelige, zum anderen auf die französische Besatzung zurückzuführen sein können, warum sie diesen Ausgabenteil jedoch vollständig auf Französisch verfasste, lässt sich nicht direkt erklären. Die Ausgaben innerhalb der „Plettenbergschen Angelegenheit“ beziehen sich auf einen Zeitraum von 1805 bis 1811, wobei die ersten Jahre bis 1808 den Großteil ausmachen.
Die von Henriette von Thimus sogenannte L’affaire de Plettenberg bezieht sich auf das Konkursverfahren des Grafen Maximilian Friedrich von Plettenberg-Wittem. Die Plettenberg-Wittems, eine westfälische Adelsfamilie, gerieten bereits unter ihrem ersten Stammhalter Ferdinand von Plettenberg in eine Schuldenlage. Unter dessen Urenkel Maximilian Friedrich, der sein Geld anscheinend nicht so gründlich verwaltete wie Henriette von Thimus und der daher kurz davor stand zum „prodigor“[28], also zum Verschwender, erklärt zu werden, nahm diese Schuldenlage eine neue Dimension an. Innerhalb von nur zwei Jahren nach der Übernahme des Familienbesitzes häufte er Schulden in Höhe von 230.000 Florin an.[29] „Er [Maximilian Friedrich] sucht aller Orten Credit, findet aber solchen nirgends mehr.“[30] Seine Gläubiger, die vor allem in Münster, Wien und Berlin saßen, machten ihre Forderungen geltend, sodass sich Maximilian Friedrich im Jahr 1799 aufgrund einer nicht mehr zu bewältigenden Überschuldung gezwungen sah, eine Fremdverwaltung seiner Güter beim Reichshofrat zu beantragen. Daraus entwickelte sich eine Reihe weiterer Verfahren, die durch die Umwälzungen im Zuge der napoleonischen Kriege und natürlich durch die Auflösung des Reiches 1806 beeinflusst wurden – eine rechtlich höchst komplizierte Angelegenheit für die Gläubiger, die nicht zuletzt vor der Frage standen, an welche Autorität sie sich für die betroffenen Besitzungen wenden sollten. Da das Konkursverfahren über das Ende des Reiches hinaus fortbestand, stellte sich nun vor allem die Frage der weiteren Zuständigkeit.
In eines dieser vor dem Reichshofrat geführten Verfahren war auch die Familie von Thimus und somit auch unsere Henriette involviert. Vermutlich gehörten sie zu den zahlreichen Gläubigern Maximilian Friedrichs. So gab sie ihrem Ehemann Philipp von Thimus Geld für einige die „Plettenbergsche Angelegenheit“ betreffende unternommene Reisen, unter anderem nach Frankfurt, und notierte Ausgaben für Briefe nach Münster und an den Reichshofratsagenten Ditterich in Wien. Dieser „Sonderteil“ und die alles andere als alltäglichen Ausgaben heben nochmals ihre Rolle in einem weiten Adels- und Familiennetzwerk hervor, auf das sie nicht nur als passive Beobachterin schaute, sondern das sie aktiv mitgestaltete. Henriette von Thimus, die angeheiratete Gattin, überblickte die Schuldengeschäfte der Familie von Thimus, sie wusste um deren Rechtsgeschäfte und sie hatte offenbar weitgehende Einblicke darin.
Das Ausgabenbuch der Henriette von Thimus ermöglicht als ein spezielles Beispiel, den Blick auf Ausgabenbücher als Quelle, und darauf, was diese über Handlungsspielräume von Frauen um 1800 aussagen können. Die Studierenden lernen zudem durch die Arbeit mit der Quelle die Stadt Aachen in der Franzosenzeit und den Übergang in die preußische Zeit ein wenig abseits vom großen politischen Geschehen kennen. Für Sprachwissenschaftler*innen bietet das Ausgabenbuch einen Zugang zur Betrachtung Aachens als multilingualem Grenzraum und eröffnet damit unter anderem Fragen zu Code-Switching und Sprachwandel.
[1] Thimus, Henriette von: Ausgabenbuch der Henriette von Thimus, Aachen 1801-1822, vgl. den Eintrag bei Kalliope https://kalliope-verbund.info/DE-611-HS-3284318 [zuletzt abgerufen am 08.07.2026]. Das Ausgabenbuch der Henriette von Thimus wird im Folgenden verkürzt als Ausgabenbuch zitiert.
[2] Zum Projekt vgl. den einführenden Text Bechtold, Jonas: Wie in alten Zeiten, aber ganz anders. Interdisziplinäre Zusammenarbeit im Projekt „LarLaLand“, in: Histrhen. Rheinische Geschichte wissenschaftlich bloggen, 07.07.2025, http://histrhen.landesgeschichte.eu/2025/07/larlaland-projektbeschreibung-bechtold [zuletzt abgerufen am 08.07.2026].
[3] Thimus, Ausgabenbuch, Eintrag vom 10. November 1810.
[4] Ebd., Eintrag vom 10. Januar 1811.
[5] Der Vogtmajor fungierte als Stellvertreter des Vogts, der zu dieser Zeit der Herzog von Jülich war, und wurde meistens aus der Reihe der Schöffen ausgewählt.
[6] Vgl. Arens, Eduard/Jansen, Wilhelm L.: Geschichte des Club Aachener Casino, gegründet am 9. Dezember 1805, 2. erweiterte Auflage, Aachen 1937.
[7] Vgl. Fürth, Hermann Ariovist von: Beiträge und Material zur Geschichte der Aachener Patrizier-Familien, Bd. 2, dritte Abteilung, Aachen 1882, S. 84.
[8] Im Aachen des 18. Jahrhunderts gab es zwei Bürgermeister. Der Schöffenbürgermeister war Teil der Schöffen, der Bürgerbürgermeister Teil der Zünfte.
[9] Vgl. Fürth, Hermann Ariovist von, S. 84.
[10] Vgl. ebd., S. 85.
[11] Vgl. Thimus, Ausgabenbuch, Eintrag vom 16. Mai 1814f. Zwischen den Einträgen des 16. Mai 1814 und dem darauffolgenden vom 8. April 1815 hat Alfons Köster, Dozent an der Pädagogischen Hochschule Köln, am 27.06.1959 eigene Anmerkungen hinterlassen, die Auskunft über die Erkrankung der Henriette von Thimus geben.
[12] Ebd., Eintrag vom 24. Januar 1822.
[13] Vgl. Sobania, Michael: Das Aachener Bürgertum am Vorabend der Industrialisierung, in: Lothar Gall (Hrsg.), Vom alten zum neuen Bürgertum. Die mitteleuropäische Stadt im Umbruch 1780-1820 (Stadt und Bürgertum 3), München 1991, S. 183-228, hier S. 209.
[14] Vgl. Kraus, Thomas R./Pohle, Frank (Hrsg.): Aachen. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Bd. 5: Von der Reichsstadt zur «bonne ville». Aachen zur Zeit der Französischen Republik und unter Kaiser Napoleon I. (1792-1814) (Veröffentlichungen des Stadtarchivs Aachen 18/Beihefte der Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins 12), Neustadt an der Aisch 2018, S. 178.
[15] Vgl. ebd., S. 287; Rowe, Michael: A Tale of Two Cities: Aachen and Cologne in Napoleonic Europe, in: Broers, Michael/Hicks, Peters/Guimerá, Augustin (Hrsg.): The Napoleonic Empire and the New European Political Culture (War, Culture and Society 1750-1850), Basingstoke u. a. 2012, S. 123-131.
[16] Vgl. Kraus, Thomas R./Pohle, Frank, S. 336.
[17] Vgl. ebd., S. 342
[18] Vgl. Thimus, Ausgabenbuch, Eintrag vom 30. April 1806.
[19] Ebd., Eintrag vom 25. Mai 1810.
[20] Vgl. Brophy, James M.: 1815 bis 1848 – Vom Wiener Kongress zur Revolution, in: Internetportal Rheinische Geschichte, https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Epochen/1815-bis-1848—vom-wiener-kongress-zur-revolution/DE-2086/lido/57ab241e7d1687.63686537 [zuletzt abgerufen am 14.07.2026].
[21] Vgl. Rowe, Michael: Die Rheinlande und das Reich 1780-1830, in: Manfred Groten (Hrsg.), Die Rheinlande und das Reich. Vorträge gehalten auf dem Symposium anlässlich des 125-jährigen Bestehens der Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde am 12. und 13. Mai 2006 im Universitätsclub in Bonn (Publikationen der Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde: Vorträge 34), Düsseldorf 2007, S. 143-158, hier S. 157f.
[22] Vgl. Thielen, Katharina: Politische Partizipation in der preußischen Rheinprovinz 1815-1845. Eine Verflechtungsgeschichte (Stadt und Gesellschaft. Studien zur Rheinischen Landesgeschichte 10), Wien/Köln 2023, S. 131, S. 141f.
[23] Vgl. Brophy, James M.: 1815 bis 1848 – Vom Wiener Kongress zur Revolution, in: Internetportal Rheinische Geschichte, https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Epochen/1815-bis-1848—vom-wiener-kongress-zur-revolution/DE-2086/lido/57ab241e7d1687.63686537 [zuletzt abgerufen am 14.07.2026].
[24] Vgl. Sobania: Das Aachener Bürgertum, S. 226.
[25] Vgl. Thimus, Ausgabenbuch, Eintrag vom Mai 1815.
[26] Vgl. ebd., Eintrag vom 10. Mai 1817.
[27] Thimus, Ausgabenbuch, Note des Dépenses faites pour l’affaire de Plettemberg 1805-1811.
[28] Solterbeck, Sven: Blaues Blut und rote Zahlen. Westfälischer Adel im Konkurs 1700-1815 (Internationale Hochschulschriften 653), Münster 2018, S. 208.
[29] Vgl. ebd., S. 208.
[30] Brief des Reichshofratsagenten Ditterich an August Josef von Plettenberg-Lenhausen vom 26. Oktober 1798, zit. nach: Solterbeck, Blaues Blut, S. 208.
Zitierweise:
Günter, Lara/Schemmer, Mira: Kaufen, tauschen, verkaufen – Familie, Umfeld und rheinische Politik im Ausgabenbuch der Aachenerin Henriette von Thimus, in: Histrhen. Rheinische Geschichte wissenschaftlich bloggen, 07.08.2026, https://histrhen.landesgeschichte.eu/2026/08/kaufen-tauschen-verkaufen-schemmer-guenter



