Herrschaftspartizipation in den vormodernen Rheinlanden

Senatssaal Rathaus Köln. Kupferstich nach einer Zeichnung von Johann Toussyn um 1655, via Wikimedia Commons, gemeinfrei
Die traditionelle Herbsttagung der Abteilung für Geschichte der Frühen Neuzeit und Rheinische Landesgeschichte und des Vereins für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande kann in diesem Jahr mit einem Novum aufwarten: Erstmals ist das Haus der Geschichte Bonn Austragungsort, und wir freuen uns sehr, dass wir eine Führung durch die Ende 2025 dort neu eröffnete Dauerausstellung im Rahmen unserer Tagung erhalten werden.
Das Tagungsthema könnte kaum aktueller sein. Partizipation, verstanden als aktive Form der Mitwirkung an politischen und gesellschaftlichen Prozessen, zählt zu den Fundamenten unserer heutigen freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Schon in der Vormoderne war sie, wie die neuere Forschung hervorgehoben hat, als integraler Bestandteil von Herrschaft ein zentraler Faktor aktiver Teilhabe- und Aushandlungsprozesse.
In Abkehr von der wirkungsmächtigen älteren Historiographie, die oftmals auf Grundlage von etatistisch ausgerichteten Top-down-Vorstellungen argumentierte, hat die neuere Geschichtswissenschaft fundamental andere Perspektiven und Fragestellungen entwickelt, die unsere Sicht auf das Wesen vormoderner Herrschaft grundlegend verändert haben. Ansätze wie zum Beispiel Kommunalismus und Republikanismus, das ,Nichtabsolutistische im Absolutismus‘ oder auch Akzeptanz als fundamentaler Bestandteil konsensualer Herrschaft haben unseren Blick für Formen, Funktionsweisen und Praktiken von Herrschaft wesentlich geschärft.
Die vormodernen Rheinlande bilden in diesem Zusammenhang einen besonders interessanten Untersuchungsraum, da sie in hohem Maße durch ein Nebeneinander unterschiedlicher Herrschaftsformen und -eliten geprägt waren: Geistliche und weltliche Herrschaft, Köln als herausragende Reichsstadt und nicht zuletzt zahlreiche ,mindermächtige‘ Akteurinnen und Akteure prägten das Bild einer politisch, ökonomisch und kulturell vielfältig vernetzten Region, in der sich pluralistisch strukturierte partizipative Ausprägungen von Herrschaft entwickelten.
Die Tagung zielt darauf ab, anhand von ausgewählten ,rheinischen‘ Beispielen die Teilhabe von Gruppen oder Individuen an der Ausübung von Herrschaft epochal übergreifend in den Blick zu nehmen und einen Beitrag zu der Frage zu leisten, ob und inwiefern die Rheinlande besondere Charakteristika aufwiesen, die nicht nur für den engeren landesgeschichtlichen Kontext, sondern auch für die generelle Erforschung vormoderner Herrschaft aufschlussreich sind. Wir freuen uns vor diesem Hintergrund besonders, dass wir das Zentrum „Macht und Herrschaft“ der Universität Bonn als Kooperationspartner gewinnen konnten.
Zudem wird uns erfreulicherweise Histrhen – in bewährter Manier – im Tagungskontext unterstützen.
Gefördert wird die Tagung dankenswerterweise durch den Landschaftsverband Rheinland.
Programm
Dienstag, 29. September 2026
09.30–10.00 Uhr Grußworte und Einführung
Grußwort Haus der Geschichte
Grußwort Prof. Dr. Matthias Becher (Zentrum „Macht und Herrschaft“)
Michael Rohrschneider (Bonn): Einführung
10.00–12.45 Uhr Sektion I: Aspekte der Partizipation in Kontexten erzbischöflich-kurfürstlicher Herrschaft
Moderation: Teresa Schröder-Stapper (Düsseldorf)
10.00–10.45 Uhr Linda Dohmen (Bonn): Königsmacher am Rhein. Die Erzbischöfe von Köln und die Aushandlung königlicher Herrschaft im Kontext der Doppelwahlen von 1198 und 1257
10.45–11.15 Uhr Kaffeepause
11.15–12.00 Uhr David Schulte (Bonn): Politische Teilhabe- und
Partizipationsstrukturen im Kurfürstentum Köln in der zweiten Hälfte des
16. Jahrhunderts
12.00–12.45 Uhr Bettina Braun (Mainz): „Mitregierer“ und „Erbherren“? Das Mainzer Domkapitel zwischen Herrschaftspartizipation und Interessenvertretung
12.45–14.15 Uhr Mittagspause
14.15–16.15 Uhr Sektion II: Herrschaftspartizipation am Niederrhein in der Frühen Neuzeit
Moderation: Sebastian Hansen (Düsseldorf)
14.15–15.00 Uhr Kara Kuebart (Bonn): Zwischen Kooperation und Konfrontation: Herrschaftspartizipation der Landstände in den Vereinigten Herzogtümern (16. Jahrhundert)
15.00–15.45 Uhr Frank Göse (Potsdam): Von beanspruchten Privilegien, umstrittenen Rängen und zelebrierten Huldigungen: Selbstverständnis und Partizipationsspielräume der Stände in Kleve-Mark im 18. Jahrhundert
15.45–16.15 Uhr Kaffeepause
16.30–17.30 Uhr Jahreshauptversammlung des Vereins für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande
18.00 Uhr Abendvortrag
Tim Neu (Duisburg-Essen): Ständische Teilhabe. Gedanken zur alteuropäischen Form politischer Partizipation
Mittwoch, 30. September 2026
09.00–10.30 Uhr Sektion III: Rheinische Landesgeschichte in Bericht und Kritik
Moderation: Tobias Weller (Bonn)
09.00–09.30 Uhr Lukas Liebl (Bonn): Bestandsaufnahme zum DMW-Projekt: Zur Dynamik der Heteronymie in Dialekten des Mittleren Westdeutschlands
09.30–10.00 Uhr Katharina Stuhldreher (Bonn): Bloßer schreiber oder halber negotiant? Matthias Lintz als kurkölnischer Legationssekretär auf dem Westfälischen Friedenskongress
10.00–10.30 Uhr Simon Hirzel / Ove Sutter (Bonn): Ein Archiv als schwieriges Erbe: der Atlas der deutschen Volkskunde an der Universität Bonn
10.30–11.00 Uhr Kaffeepause
11.00–12.30 Uhr Sektion IV: Die Reichsstadt Köln im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit
Moderation: Sebastian Schlinkheider (Köln)
11.00–11.45 Uhr Bart Holterman (Lübeck): Zwischen Engagement und Distanz: Das Verhältnis Kölns zur Hanse
11.45–12.30 Uhr Gerd Schwerhoff (Dresden): Herrschaftspartizipation in der Reichsstadt Köln von 1396 bis 1794
Mittagspause
14.00 Uhr Ausstellungsführung im Haus der Geschichte Bonn
Zum Flyer der Herbsttagung.