Bestandserweiterung beim Stadtarchiv Montabaur

Widmung Jakob Kneips an Landrat Heinrich Roth und seine Frau Gertrud Roth, geb. Ebert, auf einer Monographie; Foto: Hermann-Josef Roth
Belletristik, darunter verstand man bekanntlich die Lektüre und profunde Kenntnis der Literatur in gebildeten Kreisen der Gesellschaften des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Doch auch über diese höheren Kreise hinaus erfreute sich die Lektüre von Gedichten, Theaterstücken, wie auch Sagen und Volksweisheiten, die im weitesten Sinne zur Belletristik zählen können, einst großer Beliebtheit. Nicht wenigen bereitet ebendiese Literatur auch heute noch glückliche Stunden, wie aus Vor- und Nachlässen an das Stadtarchiv Montabaur hervorgeht. Die zentralörtliche Rolle der Stadt spiegelt sich auch darin, dass bedeutende Persönlichkeiten wie Robert Pähler (1842-1925) oder Josef Kehrein (1817-1880) hier gewirkt haben.
Einzigartig ist der regionalhistorische Sammlungsbezug, denn es gibt nachweislich keine weitere geschlossene Sammlung privater Herkunft in dieser Breite mit Bezug zum Westerwald. Wer sich für die Nassauische-, Westerwälder-, wie Siegerländer Mundart und die Entwicklung dieser Dialekte im Spiegel der Jahrhunderte interessiert, stößt in hiesiger Literatursammlung auf eine Fülle von Werken: Von der Siegerländer Bergmannsprache über Gedichte wie Theaterstücke in Nassauischer- und Westerwälder Mundart, etwa von Wilhelm Reuter (1888-1948), Otto Stückrath (1885-1968) oder Karl Ramseger-Mühle (1900-1968) ist alles dabei. Auch wer Bauernweisheiten und Volkswitze aus Nassau kennenlernen möchte, gelangt hier an eine große Bandbreite an Literatur. Überlieferungsbildner dieser nun in die bibliothekarischen Bestände (Abteilung 11) des Stadtarchivs Montabaur übernommenen Belletristik-Sammlung waren – ähnlich einer bereits im Jahr 1997 ebenfalls von Dr. Hermann-Josef Roth übernommenen Sammlung [1] – dessen Großvater Prof. Johannes Ebert (1871-1923), der als Altphilologe am Montabaurer Gymnasium wirkte, dessen Onkel mütterlicherseits Pfarrer Ferdinand Ebert (1907-1982), der neben literarischem Schaffen wesentliche Beiträge zur Geschichte und Kultur des Bistums Limburg publiziert hat, wie auch der ehemalige Großholbacher Pfarrer Albert Geßner (1888-1962) und Dr. Roth selbst. Als Erbe Ferdinand Eberts hat dessen Neffe Dr. Hermann-Josef Roth die Bestände verwaltet und erheblich erweitert durch ordensgeschichtliche, aber auch naturkundliche Fachliteratur.

Erste Seite der Nassauischen Chronik von Johann Textor von Haiger, die im Jahr 1712 von den Buchhändlern und Buchdruckern Winckler aus Wetzlar gedruckt wurde und nun aus dem Vorlass Roth in die Bestände des Stadtarchivs Montabaur übergegangen ist; Foto: Hermann-Josef Roth
Dr. Hermann-Josef Roth, Theologe und Naturwissenschaftler, hat die Sammlung um historische, kulturgeschichtliche, literarische und naturkundliche Werke sowohl zum Großraum Westerwald als auch zu den unmittelbar benachbarten Regionen (Siebengebirge, Siegerland, Dill- und Lahngebiet) erweitert. Mit der Zusammenstellung naturkundlicher Literatur und Dokumente zum gesamten Westerwald hat er darüber hinaus eine Pionierleistung erbracht: Der naturwissenschaftliche Teil der Sammlung ist im Wesentlichen von Dr. Roth auf- und ausgebaut worden. Er trug Informationsträger aller Art aus den Bio- und Geowissenschaften über den gesamten Westerwald einschließlich Siebengebirge zusammen. Dazu kamen im Laufe der Zeit noch Bücher und Dokumente zur Naturgeschichte und zum Teil auch Ethnologie der von ihm gründlich bereisten Länder Brasilien, México und USA. Sie spiegeln seine intensive Beschäftigung mit bedeutenden Forscherpersönlichkeiten wie Maximilian Prinz zu Wied (1782–1867) und Pater Dominik Bilimek (1782–1867) von Heiligenkreuz, kaiserlicher Hofbotaniker und zuletzt Kustos auf Schloss Miramare bei Triest. Die historischen Werke betreffend bildeten das mittelalterliche Reformmönchtum, Wissenschaftsgeschichte sowie regionale Landeskunde und mittelrheinische Kirchengeschichte den Schwerpunkt.
Die Sammlung reflektiert in gewisser Weise die frühere für Montabaur in Anspielung auf die höheren Bildungsanstalten der Stadt gebräuchliche Bezeichnung „Westerwald-Athen“: Die Bildungsbiografien aller an dem Zustandekommen der Sammlung beteiligten Persönlichkeiten hängen direkt mit dem ehemaligen Kaiser-Wilhelms-Gymnasium unserer Stadt zusammen.

Landtagspräsident Hendrik Hering (links) mit Dr. Hermann-Josef Roth (rechts); Foto: Hermann-Josef Roth
Das Stadtarchiv Montabaur unter Archivleiter Dennis Röhrig (M.A.) hat diese Sammlung im September 2023 übernommen und inzwischen fertig erschlossen sowie – soweit nötig – bestandserhaltene Maßnahmen eingeleitet. Aus dem bisher Gesagten ist deutlich geworden, dass sich längst nicht nur Belletristik unter den rund 400 übernommenen Büchern befindet. Behandelt werden Religions- und Kirchengeschichte einschließlich Protestantismus und Gegenreformation, Missionsgeschichte, Klöster und Mönchtum (v.a. Zisterzienser, Karthäuser, Franziskaner) und Judentum. Auch die Lokalhistorie unterschiedlichster Ortschaften und Städte der Region nimmt einen bedeutenden Platz ein: Mit Montabaur, Hadamar, Hachenburg, Bad- Ems, Neuwied, Betzdorf, Diez und Altenkirchen seien hier nur einige Beispiele genannt. Hinzu kommen die Jahresberichte, Programme, Begleithefte zu den Studienerinnerungsfesten verschiedener höherer Schulen der Region wie z. B. dem Kaiser-Wilhelms-Gymnasium zu Montabaur, dem königlichen Gymnasium zu Hadamar, dem Realgymnasium Limburg an der Lahn. Somit gibt es auch Schnittmengen zur ebenfalls im Stadtarchiv Montabaur befindlichen Abteilung 8.2, dem Nachlass des Kaiser-Wilhelms-Gymnasiums.
Ferner haben die Biografien lokal und regional bedeutender Persönlichkeiten ihren festen Platz in dieser Sammlung: Zu nennen sind etwa Lehrer, Heimatforscher, Pfarrer und Schriftsteller. Des Weiteren behandelt werden die Themen historische Geografie und (historische) Topografie, Territorialgeschichte, Militärgeschichte (z. B. Separatismus 1923, Franzosenzeit, napoleonische Kriege), Medizingeschichte einschließlich Klostermedizin, Kunsthistorie, Gartenwesen, Ethnologie, Revolutionsgeschichte mit Schwerpunkt auf dem Vormärz und der 1848 er Revolution. Auch die Dynastiegeschichte regionaler Adelshäuser mit exakten genealogischen Stammbäumen kommt nicht zu kurz. Ebenfalls finden sich Urkundenregesten in der Sammlung, etwa aus dem Fürstlich-Wiedischen Archiv oder das Siegerländische Urkundenbuch.
Als besonderes Objekt der Sammlung steht der Altarteil mit der Darstellung des Wappens des Trierer Erzbischofs Hugo von Orsbeck (1634-1711) heraus: Es befand sich einst am Barockaltar in der Montabaurer Schlosskapelle, der 1693 bei dem Cochemer Maler und Bildhauer Dietrich Molitor in Auftrag gegeben wurde. Im Jahr 1827 erfolgte die Einstellung der Messen in der Schlosskapelle zugunsten der Kirche St. Peter in Ketten Montabaur. Der Altar wurde, ebenfalls 1827, der Kirchengemeinde Oberelbert geschenkt, infolge des Zweiten Vatikanischen Konzils 1962-1965 aber vernichtet. Ausnahmen bildeten nur eine Figur des Erzengels Michael, die noch heute in der Kirche von Oberelbert steht, sowie das hier abgebildete Wappen Hugo von Orsbecks. Letzteres wurde dem ehemaligen Oberelberter Pfarrer Ferdinand Ebert zur Aufbewahrung übergeben und gelangte über ihn in den Besitz seines Neffen Dr. Hermann-Josef Roth. Roth schenkte es dankenswerterweise Ende 2023 dem Stadtarchiv Montabaur unter Archivleiter Dennis Röhrig, so dass es nach fast 200 Jahren wieder an seinen Ursprungsort zurückkehrte.
Noch in der Auswertung befindet sich der wertvolle Bestand an Stichen, einigen Gemälden, Landkarten, alten Photographien und Dokumenten verschiedener Art. Was hierbei und unter den Büchern ohne konkreten Bezug zur Region Westerwald/Mittelrhein ist, wird von entsprechend orientierten Instituten übernommen. Ein umfassender Bericht soll nach Abschluss der Arbeiten folgen.
Es lohnt sich also für unterschiedlichste Menschen mit den vielfältigsten Interessen, durch die „Belletristische Sammlung – Hermann-Josef Roth“ zu stöbern, denn nicht nur Belletristik-Liebhaber kommen hier an ihren Genuss. Die Findmittel der Belletristik-Sammlung können inzwischen vollständig über die Onlinepräsentation der Findbücher des Stadtarchivs Montabaur recherchiert werden: https://www.stadtarchiv-montabaur.findbuch.net/ . Sie finden sich dort unter Abteilung 11 BIB Archivbibliothek im Bestand BS Belletristik Hermann-Josef Roth.
[1] Nähere Informationen hierzu können Sie im Jahrgang 1997 der Reihe „Unsere Archive“ der Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz (Artikelnr.: Vnr41“) nachlesen, die über die Internetpräsentation des Landeshauptarchivs online einsehbar und downloadbar ist: https://lav.rlp.de/wir-ueber-uns/publikationen/publikationsbestellungen/unsere-archive
Zitierweise:
Röhrig, Dennis: Bestandserweiterung beim Stadtarchiv Montabau. Belletristik, Landesgeschichte, Naturkunde, in: Histrhen. Rheinische Geschichte wissenschaftlich bloggen, 31.03.2026, https://histrhen.landesgeschichte.eu/2026/03/bestandserweiterung-beim-stadtarchiv-montabaur

