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Kulturgutschutz in Europa und im Rheinland. Franziskus Graf Wolff Metternich und der Kunstschutz im Zweiten Weltkrieg

Als Provinzial- und Landeskonservator im Rheinland, sowie Beauftragter für den militärischen Kunstschutz im Zweiten Weltkrieg, stellt Franziskus Graf Wolff Metternich eine bedeutsame historische Figur für den Kulturgutschutz in Europa und dem Rheinland dar – nicht zuletzt deshalb steckt in der Aufarbeitung seines Nachlasses das Potenzial einerseits der Lückenschließung, andererseits des Aufgreifens neuer Betrachtungsweisen des Kulturgutschutzes im Zweiten Weltkrieg und dessen Bedeutung heute. Ganz in diesem Sinne ist auch der im Folgenden rezensierte Tagungsband verfasst worden.

Der im Frühjahr 2021 herausgegebene Band entstand im Kontext einer Tagung, die begleitend zu einem vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderten Forschungsprojekt[1] 2019 im LVR-Kulturzentrum Abtei Brauweiler organisiert wurde. Ergebnisse aus dem Projekt Bereitstellung von archivischen Quellen aus deutschen, französischen und englischsprachigen Archiven für die deutsche und internationale Provenienzforschung zu Kunstschutz und Kunstraub im Zweiten Weltkrieg wurden in diesem Rahmen präsentiert und vergleichend diskutiert[2], was sich in diesem (ersten) Band widerspiegelt. Der Band wurde von Dr. Hans-Werner Langbrandter, Gebietsreferent bei dem LVR-Archivberatungs- und Fortbildungszentrum, Esther Rahel Heyer, M.A., freiberufliche Kunsthistorikerin und Florence de Peyronnet-Dryden, M.A., Denkmalschutzreferentin in Lyon herausgegeben. Sowohl das Forschungsprojekt wie auch diese Veröffentlichung folgen dem Ansatz, Nachwuchs, Praxis und Wissenschaft in einer hervorragenden Art und Weise der transnationalen Zusammenarbeit zu verknüpfen und Ressourcen anzubieten, die breit zugänglich und sichtbar gemacht werden sollen. In diesem Sinne und ergänzend zur online abrufbaren Datenbank, die deutsche, französische, belgische und englischsprachige Archivquellen um den zentralen Nachlass von Wolff Metternich aufzeigt[3], ist zum Jahresende 2021 ein zweiter Band angekündigt: Unter dem Titel „Als künstlerisch wertvoll unter militärischem Schutz!“ Ein archivisches Sachinventar zum militärischen Kunstschutz im Zweiten Weltkrieg geplant, soll er „eine thematische Kontextualisierung der Quellen, einen Überblick der relevanten Archive und Bestände sowie weiterführende Forschungsansätze und Materialien“[4] anbieten.

Der Titel des Bandes Kulturgutschutz in Europa und im Rheinland. Franziskus Graf Wolff Metternich und der Kunstschutz im Zweiten Weltkrieg bringt zugleich die Infragestellung des ambivalenten Begriffs „Kunstschutz“ und dessen notwendige vergleichende Ansicht in die Diskussion ein. Der Obertitel verspricht Ansätze zum Kulturgutschutz in zwei definierten geographischen Räumen. Die Präzision des Inhalts findet sich in der Fokussierung auf eine einzige Person, eine Sparte des Felds und eine Epoche innerhalb des Untertitels. Die 31 Beiträge, davon zwei auf Französisch und von 26 Autoren und Autorinnen geschrieben, wurden in sieben thematische Blöcke aufgeteilt, die dem gleich in der Einführung zu Tagung und Band von Esther Rahel Heyer genannten Anspruch entsprechen, den Fokus zu erweitern (S. 29). Die ersten Seiten sind kaum überarbeiteten Gruß- und Einführungsworten gewidmet, die den Kontext der Tagung wiedergeben und eine starke lokale Verankerung zu spüren geben. Es folgt ein erster Teil zum Kulturgutschutz, der aus vier unterschiedlichen Aufsätzen besteht und die Auseinandersetzung mit Begrifflichkeiten (Arnaud Bertinet), dem völkerrechtlichen Kulturgutschutz (Sabine von Schorlemer), Franziskus Graf Wolff Metternich (Esther Rahel Heyer) und dem Kunstschutz (Christina Kott) beinhaltet. Der zweite Teil geht perspektivisch dem Stand der Quellenforschung nach und bietet pointierte Einsichten in die Forschungserkenntnisse sowie die entwickelten Tools aus dem DZK-geförderten Projekt. Der dritte Teil ist sowohl dem deutschen Kunstschutz in Frankreich wie auch dem französischen Kulturgutschutz und schließlich deren Auswirkungen und Spätfolgen gewidmet. Es folgen vier Aufsätze zum Kunstschutz in besetzten Gebieten Europas (Teil IV) und sechs Texte zum Kulturgutschutz im Zweiten Weltkrieg im Rheinland (Teil V). Die letzten zwei Teile (Kulturgutschutz heute und Zukunftsperspektiven) bilden mit sieben Aufsätzen den Abschluss des Bandes.

Jeder der Aufsätze bringt, in unterschiedlichem Umfang, einige neue Ansatzpunkte in die wissenschaftliche Diskussion ein. Inhaltliche Überschneidungen sind insbesondere zwischen den Überblickstexten des ersten, sechsten und siebten Teils vorhanden. Die hierauf bezugnehmenden Querverweise zwischen den Aufsätzen durch die Herausgebenden stellen eine sinnvolle Verknüpfung der Inhalte dar: Dies ermöglicht der Leserschaft, Bezüge und Ergänzungen zwischen den eingeführten Fragestellungen rasch in dem sonst ohne Sach- und Personenverzeichnisse gestalteten Band zu identifizieren. Diese Vorgehensweise entspricht zudem dem Wunsch der Herausgebenden und des Forschungsteams, neue Ansätze in die Diskussion einzubringen. An dieser Stelle darf bspw. auf die von Esther Rahel Heyer verfolgte neue Frage nach der „Selbst- oder Fremdbestimmung [Metternichs] Handlungsspielraumes“ (S. 80) hingewiesen und die damit neu zu diskutierenden Betrachtungsweisen in der Biografie- und Sammlungsforschung hervorgehoben werden. Ebenso bringt auch die vergleichende Erarbeitung der Bedeutung der nationalsozialistischen Herrschaft für die Tätigkeit des Rheinischen Amtes für Denkmalpflege von Jan Schleusener (S. 371-398) neue Aspekte der geltenden Netzwerke in dieser Organisation ein und integriert damit wichtige Elemente aus den Sozialwissenschaften[5].

Die in diesem Band verfolgte anspruchsvolle Kombination von Forschungsansätzen auf Makro- und Mikroebene, sowie die Betrachtung von unterschiedlichen geographischen Räumen, auf die Zeit des Zweiten Weltkriegs eingegrenzt, bietet eine klare Stärke dieses Tagungsbandes. Ebenso wichtig ist das verfolgte Ziel der Herausgebenden, Autoren und Autorinnen, zur Schließung einer Lücke in der Forschung beizutragen und die etablierte Narrative zu hinterfragen: Sowohl das Zusammenbringen von Forschenden aus unterschiedlichen Disziplinen wie auch die Möglichkeit des Zugriffs auf bisher nicht erschlossene bzw. nicht zugängliche Archivalien fügen sich in die zunehmende Literatur der letzten fünfzehn Jahre, die eine starke Fragmentierung vorweist, sinnvoll und bereichernd ein. Es gibt allerdings zu bemängeln, dass der – zurecht – an mehreren Stellen wiederholte Appell, die Perspektivierung und Vernetzung der Forschung transnational fortzusetzen, nicht zumindest in Form einer kurzen englisch- oder französischsprachigen Zusammenfassung der einzelnen Beiträge erfolgte, wodurch die Dominanz deutschsprachiger Veröffentlichungen zu diesem Thema verstärkt wird. Dagegen gilt es zu betonen, wie konsequent an der Hinterfragung etablierter Forschungsperspektiven gearbeitet wurde. Von großer Bedeutung ist zudem der neu erschlossene und wichtige Zugang zu bisher fragmentierten Archivquellen durch die Kombination beider Bände und der Datenbank für die interdisziplinär forschende Community.

 

Hans-Werner Langbrandtner/Esther Rahel Heyer/Florence de Peyronnet-Dryden (Hg.): Kulturgutschutz in Europa und im Rheinland. Franziskus Graf Wolff Metternich und der Kunstschutz im Zweiten Weltkrieg, Köln 2021, ISBN: 978-3-412-51994-0

 


[1] Siehe die Projektseite auf https://www.proveana.de/index.php/de/link/pro10000101 (abgerufen am 02.09.2021).

[2] Wissenschaftliche Tagung zum Thema „Kulturgutschutz in Europa und im Rheinland: Franziskus Graf Wolff Metternich und der Kunstschutz während des zweiten Weltkriegs“ im LVR-Kulturzentrum Abtei Brauweiler am 19. – 21. September 2019. Programm und Bericht abrufbar unter https://kunstschutz-wolff-metternich.de/tagung/ (abgerufen am 27.08.2021).

[3] Datenbank abrufbar unter https://kunstschutz-wolff-metternich.de/recherche/marchiv/#!/suche (abgerufen am 02.09.2021).

[4] Siehe die Ankündigung auf Verlagsseite: Esther Rahel Heyer/Florence de Peyronnet-Dryden/Hans-Werner Langbrandtner (Hg.): „Als künstlerisch wertvoll unter militärischem Schutz!“ Ein archivisches Sachinventar zum militärischen Kunstschutz im Zweiten Weltkrieg, Köln, im Erscheinen, abrufbar unter https://www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com/themen-entdecken/kunst-und-architektur/kunstgeschichte-kunstwissenschaft/55750/als-kuenstlerisch-wertvoll-unter-militaerischem-schutz# (abgerufen am 27.08.2021).

[5] Vgl. dazu Jörg Raab: Netzwerke und Netzwerkanalyse in der Organisationsforschung, in: Christian Stegbauer/Roger Häußling (Hrsg.): Handbuch Netzwerkforschung, Wiesbaden 2010, S. 575-586.

 

Zitierweise:
Maget Dominicé, Antoinette: Rezension zu “Kulturgutschutz in Europa und im Rheinland. Franziskus Graf Wolff Metternich und der Kunstschutz im Zweiten Weltkrieg”, in: Histrhen. Rheinische Geschichte wissenschaftlich bloggen, 21.10.2021, http://histrhen.landesgeschichte.eu/2021/10/rezension-kulturgutschutz-in-europa-und-im-rheinland-maget-dominice