Macht und Herrlichkeit. Die großen Kathedralen am Rhein von Konstanz bis Köln

Dieser opulente Bildband ist ein veritabler Ersatz für eine Reise zu den Kathedralen der Städte entlang des Ober- und Mittelrheins von Konstanz bis nach Köln.

Der Fotograf Florian Monheim passte bei seinen Aufnahmen der Kirchenbauten die idealen Licht-, Witterungs- und Frequentationsbedingungen ab. Die menschenleeren Innenräume der Kirchen und ihre Ausstattung mit Glasmalereien, Tafelbildern und Skulpturen sind dabei sämtlich unter natürlichen Lichtverhältnissen ohne künstliche Beleuchtung festgehalten. Er fand ungewöhnliche Blickwinkel und Perspektiven, die die Bauten zur Geltung bringen und neue Seheindrücke der Architekturen und ihrer Details vermitteln. Die hier vom Greven Verlag Köln in großformatigen Doppelseiten von herausragender Farbqualität reproduzierten Fotografien vermögen es geradezu, einen an den Ort des Geschauten zu versetzen. Darüber hinaus ermöglichen sie Anblicke, die man dort mit bloßem Auge nicht zu Gesicht bekäme. Bei den Großaufnahmen der Fassaden sind selbst kleinste Details lesbar, bei den Nahaufnahmen der Skulpturen einzelne Steinbearbeitungsspuren erkennbar. Wer einmal versucht hat, etwa Glasmalereifenster oder die Reliefs vom ehemaligen romanischen Südportal des Wormser Doms zu fotografieren, weiß, welche Mühen der Vorbereitung und welches fotografische Können dahinterstehen. Der Aufwand hat sich gelohnt, denn die fast schon immersive Qualität der Fotografien ist unvergleichbar und selten gesehen in Buchform. Mit der Hardcover-Leinenbindung, Goldprägedruck, Schutzumschlag und zwei Lesebändchen besitzt das Buch eine ausgesprochen repräsentative Aufmachung und ist mit gut drei Kilo schwer wie ein Kaffeetisch.

Begleitet werden die Fotografien von den ansprechenden, informativen und anschaulichen Texten des Kunsthistorikers und Kulturreiseführers Jürgen Kaiser. Sie bieten vielseitige Informationen zu kunst- und kulturhistorisch relevanten Aspekten und vermitteln bündig Wissenswertes über die Stadt-, Bau- und Rezeptionsgeschichte. Ohne Fußnoten, mit vielen grundlegenden Erklärungen und eingestreuten Anekdoten sind sie kurzweilig lesbar und auch für Laien geeignet. Allerdings setzen sie auch eine gewisse Vorbildung voraus, denn es fehlt ein Glossar, in dem Begriffe wie „Strebepfeiler“, „Prophetenfries“, „Vierung“ oder „Harfenmaßwerk“ erklärt würden. Hinzu kommt, dass die Abbildungen nicht nummeriert und betitelt sind und im Text selbst keine Abbildungshinweise gegeben werden. Stattdessen bietet eine Doppelseite am Ende jedes Kapitels eine Übersicht der entsprechenden Abbildungen im Briefmarkenformat, in der die Bilder knapp erläutert werden. Das hat hier den positiven Effekt, dass man sich zunächst ganz auf das Visuelle konzentriert und sich die Hintergründe aktiver selbst erschließt – was dem ästhetischen Erleben in situ näher kommt als die klassische Reiseführer- und auch Bildbandlektüre.

Der Inhalt ist geographisch gegliedert wie eine Reise flussaufwärts über den Rhein, jedes Kapitel entspricht einer Station von Konstanz („Münster am See“) über Basel („Wehrhafter Bischofssitz“), Freiburg im Breisgau („Schönster Turm der Christenheit“), Straßburg („Triumph der Gotik“), Speyer („Kaiserliches Seelenheil“), Worms („Romanische Pracht“), Oppenheim („Auferstanden aus Ruinen“) und Mainz („Erzbischof, Kanzler, Königsmacher“) nach Köln („Kathedrale der Superlative“). Zwei der Bauten, das Freiburger Münster und die Katharinenkirche in Oppenheim, wurden nicht als Bischofssitze errichtet, stehen aber, wie gezeigt wird, in unmittelbarer architektonischer Konkurrenz zu den rheinischen Kathedralen und wurden aufgrund ihres kunsthistorischen Ranges aufgenommen.

Das Reisen über den Rhein hat in den letzten Jahren erneut touristische Konjunktur durch Flusskreuzfahrten erfahren und ist im kulturellen Gedächtnis besonders mit der Rheinromantik und Grand Tour des 19. Jahrhunderts verbunden. Der Rhein als Transportweg, über den Güter und Personen bewegt wurden, besitzt jedoch eine Tradition, die bis weit in die Antike zurückreicht: . In der kunsthistorischen und historischen Mediävistik sind diese Aspekte der Mobilität von Objekten, Materialien, Akteur*innen, Formen und Ideen zuletzt stark in den Fokus gerückt. Die Kathedralen entlang dieses Verkehrswegs fungieren dabei auch als topographische Marker mit politischer Bedeutung, die den Reisenden die Ankunft in einer Stadt, deren Rang und Anspruch als Bischofssitz signalisieren. Die Kapitelanfänge dieses Buches tragen dieser Perspektive mit Ansichten vom Fluss aus Rechnung. Auch die Beschreibungen leisten eine, durchaus fachlichen Ansprüchen entsprechende Einordnung der Bauten in die historischen, sozialen und materialgeschichtlichen Kontexte. Beispielsweise werden die Transportwege der verwendeten Steine geschildert, ebenso wie die Entstehungs- und Bauprozesse der Kathedralen im Spannungsfeld konkurrierender Personen(-gruppen) – Bischöfe, Herrscher, Domkapitel und Bürger unter-, mit- und gegeneinander. Positiv hervorzuheben ist auch die Erläuterung der städtebaulichen Einbindung der Kirchenbauten sowohl in den heutigen als auch in den historischen urbanistischen Kontext. All dies erfolgt jedoch zugunsten der eingängigen Lesbarkeit und kohärenten Erzählung nicht ohne Vereinfachungen. Einige Aspekte sind gänzlich ausgeklammert, so werden etwa komplexe Zuschreibungs- und Datierungsfragen großräumig umschifft. Der Autor erlaubt sich außerdem subjektive Wertungen, die zur Zielgruppenansprache und dem Charakter einer Reiseleitung beitragen mögen, aus fachlicher Sicht aber problematisch sind, etwa wenn er von „architektonischen Verirrungen der Nachkriegszeit“ spricht, oder es bedauert, dass in Straßburg kein gotischer Neubau des Chores erfolgte und, dass Gerhard Richters Glasfenster im Kölner Dom auf eine „inhaltliche Aussage“ verzichten würde.

Die Fotos und der Text sind nicht immer kongruent, erstere bieten mitunter Ansichten, auf die im Text nicht eingegangen wird (zum Beispiel das Gerokreuz im Kölner Dom) und andersrum hätte man sich nach Lektüre des Textes beispielsweise eine Ansicht der Ostfassade des Speyerer Doms gewünscht, die die Apsisgliederung zeigt. Auch die Tatsache, dass manche Bilder höchst seltene Ansichten bieten, bleibt unerwähnt: So ist das Langhaus des Kölner Doms auf einer Doppelseite mit den Tapisserien nach Entwürfen Peter Paul Rubens zu sehen, die nur in den Wochen vor Pfingsten ausgestellt werden und der Schrein der Heiligen Drei Könige in herausragender Detailschärfe abgebildet ohne die Trapezplatte, die normalerweise die Schädelreliquien verdeckt und die nur in der Woche nach Epiphanias entfernt wird.

 

Jürgen Kaiser (Text) und Florian Monheim (Fotografien): Macht und Herrlichkeit. Die großen Kathedralen am Rhein von Konstanz bis Köln, 344 Seiten mit 233 Abbildungen, Greven Verlag Köln; ISBN 978-3-7743-0919-7.

 

Zitierweise:
Jacobs, Hanna Christine: Rezension zu “Macht und Herrlichkeit. Die großen Kathedralen am Rhein von Konstanz bis Köln”, in: Rheinische Geschichte – wissenschaftlich bloggen, 18.05.2020, http://histrhen.landesgeschichte.eu/2020/05/rezension-macht-und-herrlichkeit-jacobs