Die Abstracts zur Tagung „Herrschaftsnorm und Herrschaftspraxis im Kurfürstentum Köln“

Auch in diesem Jahr widmet sich eine eigene Sektion laufenden Forschungen zur rheinischen Geschichte, die außerhalb des eigentlichen Tagungsthemas anzusiedeln sind. Ziel der Sektion ist es, einen konkreten Einblick in aktuelle Forschungsvorhaben zu geben, die anhand von Kurzvorträgen konzise vorgestellt werden. Erneut ist es gelungen, sowohl in inhaltlicher als auch in epochaler Hinsicht ein breites Spektrum zu präsentieren. Beteiligt sind – ganz in der Tradition des früheren Instituts für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande – die Fachbereiche Geschichte, Sprachgeschichte und Kulturanthropologie/Volkskunde. Oliver Müller M.A. stellt ein Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft vor, das mittels der klassischen Methode der “teilnehmenden Beobachtung” Erkenntnisse zur Eigenart von Drieschen als rheinischer Kulturlandschaft liefert. Dr. Ansgar Klein, der mit einer Arbeit über Aufstieg und Herrschaft des Nationalsozialismus im Siebengebirge promoviert wurde, präsentiert ein Projekt des LVR-Instituts für Landeskunde und Regionalgeschichte, das NS-Medizinverbrechen im Rhein-Sieg-Kreis untersucht. Lisa Glaremin M.A. wird in ihrem Vortrag zwei Vorhaben vorstellen: Zum einen ihr eigenes Dissertationsprojekt, zum anderen das von der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste geförderte Langzeitvorhaben “Dialektatlas Mittleres Westdeutschland“, in dessen Rahmen die Dissertation von Frau Glaremin anzusiedeln ist. Somit wird, wie auch schon in den vergangenen Jahren, sowohl Nachwuchswissenschaftler/innen als auch bereits arrivierten Historiker/innen eine Plattform geboten, ihre laufenden Projekte vorzustellen. Moderiert wird die Sektion durch PD Dr. Alheydis Plassmann, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Geschichte der Frühen Neuzeit und Rheinische Landesgeschichte und Mitherausgeberin der Rheinischen Vierteljahrsblätter.

 

Sektionsleitung: PD Dr. Alheydis Plassmann (Bonn)

Oliver Müller M.A., 9.00-10.00 Uhr
„Die Rekonstruktion einer rheinischen Kulturlandschaft: Einblicke in das DFG-Projekt ‚Partizipative Entwicklung ländlicher Regionen‘“
Bei Drieschen, oder auch Triesch, Dreesch oder Dreisch, handelt es sich um vorübergehend oder dauerhaft ackerbaulich ungenutzte Flächen. Historisch wurden diese Allmendeböden von Dorfgemeinschaften in ihrer Doppelfunktion als Baumweide durch die Land- und Forstwirtschaft genutzt. Mit der Modernisierung der Landwirtschaft fielen diese Landschaften aus der kulturhistorischen Nutzung und verschwanden zunehmend aus dem Bild technologisierter, hochproduktiver Agrarräume.
Der Vortrag zeigt, wie im Kontext des EU-Entwicklungsprogramms für den ländlichen Raum LEADER[1] an Bestände überdauerter Landschaftselemente wie Hybrid- und Schwarzpappeln (Populus xcanadensis & Populus nigra) angeknüpft wird, um diese Kulturlandschaft zu rekonstruieren. LEADER ist ein Entwicklungsprogramm, das darauf abzielt, die ‚endogenen‘ sozialen, kulturellen und ökologischen Ressourcen eines Gebiets unter Mitwirkung der örtlichen Bevölkerung hervorzubringen und für die Regionalentwicklung nutzbar zu machen.
Ein Entwicklungsprojekt, das sich im Rahmen des LEADER-Programms zur Aufgabe gemacht hat, die Eigenart dieser Kulturlandschaft zu rekonstruieren, ist der „Pappeldriesch“. Dieses Projekt zielt darauf ab, anhand einer extensiven Beweidung die Bestände sogenannter „invasiver Neophyten“ (Heracleum mantegazzianum & Impatiens gladulifera) auf den ehemaligen Drieschflächen zurückzudrängen und diese für eine Wiederaufforstung mit Pappeln zu öffnen. Im Rahmen dieses Projekts entwerfen die Bewohner_innen des anliegenden Dorfes Raumbilder, die diesen Landschaftsraum retrospektiv wie prospektiv konstruieren und diese Repräsentationen mit aktuellen forstwirtschaftlichen wie naturschutzfachlichen Festsetzungen kontrastieren. Der Driesch konstituiert sich vor dem Hintergrund dieser Praktiken als umkämpfte Zone, in der staatliche Akteure der Raumordnung mit lokalen Bewohner_innen um die Deutungshoheit über das Gebiet ringen.
Auf Basis von teilnehmender Beobachtung und Interviews mit Bewohner_innen des Dorfes sowie staatlichen Akteuren des Forstes, der Landschaftsbehörde und des Liegenschaftsmanagements zeigt der Vortrag auf, wie der Driesch auf mehreren Ebenen der Raumproduktion – gelebt, gedacht und gemacht – angeeignet und hervorgebracht wird.

 

Dr. Ansgar Klein
NS-Medizinverbrechen im Rhein-Sieg-Kreis
Der Rhein-Sieg-Kreis hat mit Unterstützung aller großen im Kreistag vertretenen Parteien das Projekt „NS-Medizingeschichte im Rhein-Sieg-Kreis 1933-1945“ initiiert. Er ist deutschlandweit der erste Landkreis, der so ein Forschungsprojekt auf den Weg gebracht hat. Das LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte führt seit November 2017 die wissenschaftlichen Forschungsarbeiten durch. Dem Hauptbearbeiter und den Hilfskräften steht ein wissenschaftlicher Beirat aus Vertretern des Kreises und der Forschung zur Seite. In einem Rahmenprogramm finden Vorträge zu allgemeinen Aspekten der NS-Medizinverbrechen statt.
Im Mittelpunkt des Interesses stehen die Zwangssterilisationen und die „Euthanasie“. Gesucht wird aber auch nach aus dem Rhein-Sieg-Kreis stammenden Beteiligten an Medizinverbrechen in den Konzentrationslagern. Darüber hinaus soll das Projekt auch eine Institutionengeschichte bezüglich der beiden Gesundheitsämter Bonn-Land und Siegkreis bieten.
Das 1933 beschlossene und 1934 in Kraft getretene „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ hat in Deutschland zu ca. 400.000 Zwangssterilisationen und ca. 6.600 Menschen das Leben gekostet. Wie viele gab es in den beiden ehemaligen Kreisen? Wer waren diese Opfer? Nach welchen Kriterien wurden sie ausgewählt? Wer wählte sie aus? Wer waren die Täter vor Ort? Wie verlief ein Verfahren vor dem Erbgesundheitsgericht in Bonn? Gab es Widerstand? Wie gingen Staat und Gesellschaft nach 1945 mit den Opfern um?
Der ab 1939 durchgeführten „Euthanasie“ fielen in Deutschland ca. 200.000 Personen zum Opfer, davon mehr als 70.000 in den Gaskammern von sechs Tötungsanstalten 1940/41. Hier stellen sich die gleichen Fragen.
Die Quellenlage zu den Zwangssterilisationen ist als sehr gut zu bezeichnen: im Kreisarchiv in Siegburg sind die Akten nahezu aller Erbgesundheitsverfahren erhalten geblieben. Bei der „Euthanasie“, die ohne Gesetzesgrundlage im Geheimen und zeitweise dezentral betrieben wurde, ist es ganz anders. Hier ist ein großer Teil der Akten vernichtet worden. Die Suche nach Opfern aus dem Rhein-Sieg-Kreis gestaltet sich daher weitaus komplizierter und daher aufwändiger.
Die Ergebnisse des Projektes werden im Jahr 2020 in einer Publikation, einer Ausstellung und einer wissenschaftlichen Tagung der Öffentlichkeit präsentiert.

 

Lisa Glaremin M.A.
Projektvorstellung „Dialektatlas Mittleres Westdeutschland“ (DMW)
Mit dem „Dialektatlas Mittleres Westdeutschland” (DMW) wird ein Kooperationsprojekt der Universitäten Bonn, Münster, Paderborn und Siegen vorgestellt, das die Erhebung von Dialekten bzw. standardfernsten Sprechweisen zum Ziel hat. Gefördert wird das seit 2016 laufende und auf 17 Jahre angelegte Projekt von der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste. Dabei geht es um die systematische Erhebung, Auswertung und Interpretation der Varietäten zweier Sprechergenerationen im mittleren Westdeutschland (Nordrhein-Westfalen sowie Teile von Niedersachsen und Rheinland-Pfalz) auf phonetisch-phonologischer, morphologischer, syntaktischer und lexikalischer Ebene.
Angeknüpft an den Sprachatlas wird das Dissertationsprojekt „Prosodische Charakteristika des Ruhrdeutschen“ skizziert. Ausgehend vom DMW soll hier eine vergleichsweise junge Varietät des mittleren Westdeutschlands in den Fokus genommen und auf intonatorische Besonderheiten hin untersucht werden. Zentrale Fragen des Dissertationsprojekts sind: Gibt es prosodische Charakteristika des Ruhrdeutschen, anhand derer es von anderen Varietäten abgegrenzt werden kann? Welche Ausprägungen und Relevanz haben prosodische Unterschiede im Ruhrdeutschen bzw. wie zeigen sie sich in diesem Raum?
Im Zentrum des Vortrags steht die Konzeption beider Projekte. Dabei sollen die Unterschiede in den Erhebungsmethoden vorgestellt werden, die sich aus dem jeweiligen Forschungsinteresse ergeben.

 


[1] Akronym für: Liaison entre Actions de Développement de l’Economie Rurale

Zitierweise:
Plassmann, Alheydis/Rohrschneider, Michael/Stieldorf, Andrea: Herrschaftsnorm und Herrschaftspraxis im Kurfürstentum Köln im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit. Sektion III: Rheinische Landesgeschichte in Bericht und Kritik, 05.08.2019, http://histrhen.landesgeschichte.eu/2019/08/kurkoeln2019-sektion-drei/