„Bürger im Spiegelbild der Armut“

„Bürger im Spiegelbild der Armut“. Armenwesen und Armenfürsorge in den Städten Köln und Ōsaka im Vergleich.

Unter dem Titel „Bürger im Spiegelbild der Armut“ veröffentlichte Hideto Hiramatsu seine 2011 an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg eingereichte Dissertation über das Armenfürsorgewesen der Städte Köln und Ōsaka im 19. und ersten Drittel des 20. Jahrhunderts.

Die Dissertation gliedert sich neben Einleitung und Schlussbetrachtung in zwei Teile. Der erste Hauptteil beschäftigt sich mit dem kommunalen Armenfürsorgesystem in Köln zur Zeit des Kaiserreichs, der zweite mit dem der westjapanischen Stadt Ōsaka während der Taishō-Demokratie (1912–1926). Beide Teile sind jeweils in drei Unterkapitel gegliedert. In der Einleitung ordnet Hiramatsu seine Arbeit in den Kontext der deutschen Bürgertumsforschung ein, wobei er ‚Bürgerlichkeit‘ als analytischen Begriff verwendet und als Prozess versteht, bei dem Vielfältigkeit und Heterogenität Rechnung getragen wird. Relevant ist für ihn dabei das Prinzip der Selbstständigkeit, das er als integrativen Bestandteil von ‚Bürgerlichkeit‘ deutet (S. 29).

Im ersten Kapitel von Teil I skizziert Hiramatsu die Vorgeschichte des Kölner Armenwesens von 1815 bis 1871. Sein Hauptaugenmerk liegt jedoch auf der Zeit des Kaiserreichs, die er im zweiten Kapitel behandelt. Hier spürt er dem Verhältnis von Kölner Armenfürsorgesystem und Elberfelder System nach, das in den 1850er Jahren als Reaktion auf die Bedingungen der zunehmenden Industrialisierung entwickelt wurde und als dessen drei Kernprinzipien er die individualisierte Fürsorge, die administrative Dezentralisierung und das ehrenamtliche Engagement herausstellt (S. 62). Als Zäsur beurteilt Hiramatsu dabei das Jahr 1888, in dem die Armenordnung der Stadt Köln reformiert wurde. Das dritte Unterkapitel lenkt den Blick auf die Bürger und sozialen Strukturen in der Stadt. Interessant ist hier die Frage nach der Einbeziehung von Frauen und Männern im Bereich der Armenpflege sowie nach dem Verhältnis von öffentlicher und privater Wohltätigkeit.

Im zweiten Hauptteil fragt Hiramatsu zunächst nach der Beziehung des japanischen Fürsorgesystems zum Elberfelder System sowie dessen Rezeption in Ōsaka. Im Anschluss stellt er das 1918 in Ōsaka eingerichtete hōmen iin-System vor. Reisunruhen, die vor allem die ärmeren Bevölkerungsschichten in den Randgebieten und Vororten der Stadt betrafen, waren nach Hiramatsu der Auslöser für neue sozialpolitische Maßnahmen. Das letzte Kapitel des zweiten Teils beschäftigt sich mit den sozialen Praktiken im neu errichteten Fürsorgesystem Ōsakas. Hiramatsu thematisiert den Umfang und die Funktion des bürgerlichen Engagements, fragt nach den Akteuren und Trägern des neuen Systems und der Mitwirkung von Frauen.

Hiramatsu wählt mit den Städten Köln und Ōsaka einen auf den ersten Blick ungewöhnlichen Vergleich, der aber verdeutlicht, dass die Rezeption bzw. Adaption des Elberfelder Systems nicht an nationalen oder kulturellen Grenzen Halt machte. Für Köln sieht er die 1880er Jahre als den Beginn einer neuen Epoche, die durch die Eingemeindung neuer Vororte und die Ansiedelung neuer Industriebetriebe geprägt war. Dies schuf neue Erwerbsmöglichkeiten und bewirkte ein Anwachsen der städtischen Bevölkerung, die zugleich stark von Zu- und Abwanderung geprägt war. In dieser Zeit, so Hiramatsu, griff Köln, wie andere Städte auch, auf das Elberfelder System zurück, das auf ehrenamtlich-bürgerliches Engagement setzte. Auch in Japan zog der Erfolg des Elberfelder Systems Aufmerksamkeit auf sich, wo um 1900 die in diesem Zusammenhang entstandenen Schriften ins Japanische übersetzt und rezipiert wurden. Noch bis 1932 ergriff die japanische Regierung rein restriktive Maßnahmen im Bereich des Armwesens; die Wohlfahrtspflege lag bis dahin in den Händen der Kommunen und privater Initiativen. Die soziale Frage wurde in Japan im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts akut, als Urbanisierung und Industrialisierung voranschritten und die Bevölkerung in den Städten rapide anwuchs. Da sich Ōsaka bis in die 1930er Jahre zur größten Industriestadt Japans entwickelte, waren hier die sozialen Missstände besonders groß.

Laut Hiramatsu handelt es sich bei seiner Untersuchung um „zwei lokale Fallstudien in vergleichender Perspektive“ (S. 19). Er begründet den Vergleich der Städte Köln und Ōsaka unter anderem damit, dass Deutschland in Japan für den Prozess der Modernisierung in der zweiten Hälfte des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Vorbild diente. Der kulturübergreifende Vergleich soll auch dazu dienen, lokale, regionale und nationale Geschichtsbilder und die Deutung des Eigenen und des Anderen zu relativieren (S. 20). Köln dient ihm als Raster, um die Prozesse in Ōsaka zu kontextualisieren, wobei Hiramatsu auf die Schwierigkeiten der Transfer- und Übersetzungsprozesse hinweist (S. 19-20). Beiden Städten sei gemein, dass die Bürgerschaft bzw. Kommunen die zentralen Akteure waren, die sich mit der Armenfürsorge auseinandersetzten und Reformen anstießen (S. 20).

Für Köln berücksichtigt Hiramatsu vor allem gedruckte Quellen: Verwaltungsschriftgut, wie Bürgerlisten, und normatives Schriftgut wie die städtischen Armenordnungen, Berichte der Armenverwaltung und Protokolle der Stadtverordnetensammlung. Sein Kapitel zur Ausgangslage in Köln vor 1871 basiert auf bereits vorliegenden Darstellungen, insbesondere der Forschung von Lothar Gall zu „Stadt und Bürgertum im 19. Jahrhundert“[1]. Hiramatsu verweist auf die einschlägige deutschsprachige Forschungsliteratur zum Thema Armut und Armenfürsorge im 19. und 20. Jahrhundert und zur Stadt Köln[2]. Für Ōsaka greift Hiramatsu auf Zeitschriften der Wissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaft zur Erforschung von Armenpflege und Wohltätigkeit und Jahresberichte der Präfektur Ōsaka zurück[3].

Interessant ist Hiramatsus Ansatz, sowohl für Köln als auch für Ōsaka nach der Praxis und der Teilhabe von Frauen im Bereich der kommunalen Armenpflege zu fragen. Problematisch ist jedoch, dass dieser Zugriff von den in seiner Untersuchung berücksichtigten Quellen nicht ohne weiteres abgedeckt wird. Die normativen Quellen bieten keine direkte Einsicht in praktische Handlungsweisen, was die Gefahr einer Verzerrung der Ergebnisse mit sich bringt.

Bedauerlicherweise fällt die Schlussbetrachtung sehr knapp aus. Die zu erwartende Zusammenführung der wesentlichen Ergebnisse im Vergleich beider Städte bleibt an dieser Stelle aus. Wie auch in den vorherigen Kapiteln erfolgt hier eine voneinander getrennte Darstellung. Die Stückelung der Dissertation in viele kurze Unterkapitel mag zwar der Übersichtlichkeit dienen, beeinträchtigt jedoch den Lesefluss. Auch ist anzumerken, dass die Signaturangaben der wenigen ungedruckten Kölner Archivalien sich leider nicht auf Anhieb erschließen.

 

Hiramatsu, Hideto: Bürger im Spiegelbild der Armut. Armenwesen und Armenfürsorge in den Städten Köln und Ōsaka im Vergleich, München 2018, Iudicium, 274 S., gebunden, 34,00 €, ISBN 978-3-86205-518-0.


[1] Lothar Gall: Stadt und Bürgertum im 19. Jahrhundert, München 1990.

[2] Unter anderem verweist Hiramatsu auf folgende Untersuchungen zur Stadt Köln: Ulrike Dorn: Öffentliche Armenpflege in Köln von 1794-1871. Zugleich ein Beitrag zur Geschichte der öffentlichrechtlichen Anstalt, Köln/Wien 1990. Norbert Finzsch: Obrigkeit und Unterschichten. Zur Geschichte der rheinischen Unterschichten gegen Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts, Stuttgart 1990. Gisela Mettele: Bürgertum in Köln 1770-1870. Gemeinsinn und freie Association, München 1998.

[3]  Eine Überprüfung der japanischen Literatur und Verweise konnte aufgrund sprachlicher Barrieren an dieser Stelle leider nicht geleistet werden.

 

Zitierweise:
Fiegenbaum, Thea: Rezension zu „Bürger im Spiegelbild der Armut. Armenwesen und Armenfürsorge in den Städten Köln und Ōsaka im Vergleich”. Von Hideto Hiramatsu, in: Rheinische Geschichte – wissenschaftlich bloggen, 18.03.2019, http://histrhen.landesgeschichte.eu/2019/03/buerger-im-spiegelbild-der-armut/